«Zu wenig aktiven Naturschutz»
30.10.2026 PersönlichIm europäischen Vergleich steht die Schweiz beim Schutz der Biodiversität weit hinten. Warum das so ist und wie jede und jeder Einzelne etwas dagegen tun kann, erklärt Raffael Ayé, Geschäftsführer von «BirdLife Schweiz», anlässlich des 32. Baselbieter ...
Im europäischen Vergleich steht die Schweiz beim Schutz der Biodiversität weit hinten. Warum das so ist und wie jede und jeder Einzelne etwas dagegen tun kann, erklärt Raffael Ayé, Geschäftsführer von «BirdLife Schweiz», anlässlich des 32. Baselbieter Naturschutztags.
Brigitt Buser
Herr Ayé, warum liegt die Schweiz beim Naturschutz europaweit an zweitletzter Stelle?
Raffael Ayé: Der Hauptgrund für den schlechten Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist der mangelnde politische Wille. Andere Länder wie Holland und Deutschland sind noch dichter besiedelt, haben aber trotzdem mehr Naturschutzgebiete als die Schweiz. Es ist also eine Frage des politischen Willens und des aktiven Engagements für die Natur, insbesondere seitens der Politik und der Behörden. Daran fehlt es in der Schweiz.
Fehlt dieses Engagement auch in der Bevölkerung?
Nein, das glaube ich weniger. Die Bevölkerung zeigt viel Engagement. «BirdLife Schweiz» hat 430 lokale Sektionen, davon 40 im Kanton Baselland. Die Mitglieder und zahlreiche Freiwillige leisten einen enormen Einsatz. Die Mitgliederzahlen nehmen stetig zu, aber wir freuen uns natürlich über jedes weitere Mitglied.
Woran liegt es dann?
Es fehlt vielmehr am politischen Willen und am Engagement der offiziellen Schweiz. Vielleicht liegt es auch am Mythos, die Schweiz sei vorbildlich in Sachen Natur und Umwelt. Das entspricht leider nicht der Realität. Manche legen die Hände in den Schoss und ruhen sich auf unserem guten Ruf aus. Die Listen der bedrohten Pflanzen- und Tierarten sind länger als in den Nachbarländern. Wir betreiben zu wenig aktiven Naturschutz und stellen zu wenig Mittel bereit, um unsere Lebensgrundlage, die Natur, zu schützen.
Lohnt es sich dennoch, dass sich die Bevölkerung vermehrt für die Natur einsetzt?
Unbedingt. Erstens macht es Freude, gemeinsam mit Gleichgesinnten aktiv zu sein und sich für unsere Lebensgrundlage einzusetzen. Zweitens sieht man auch die konkrete Wirkung: Wenn «BirdLife» und seine Sektionen Lebensräume aufwerten, nehmen seltene Arten oft schon wenige Monate später zu oder siedeln sich neu an. Es lohnt sich also sehr.
Braucht es vor allem finanzielle Unterstützung, oder sind auch freiwillige Helferinnen und Helfer gefragt?
Es braucht beides. Am Naturschutztag sind freiwillige helfende Hände gefragt. Manchmal muss aber auch ein Bagger auffahren, und das benötigt natürlich finanzielle Mittel. Jede und jeder kann also auf seine Weise «BirdLife» und die Natur unterstützen.
Haben die Natur- und Vogelschutzvereine von «BirdLife Schweiz» in den vergangenen Jahren einen Mitgliederschwund festgestellt?
Nein, im Gegenteil. Wir verzeichnen seit einigen Jahren ein Mitgliederwachstum. Zwar ist das Vereinssterben ein gesellschaftlicher Trend. Gleichzeitig hat die Bevölkerung aber erkannt, wie bedroht die Natur in der Schweiz ist und wie wichtig sie für uns ist. Dieser stärkere Trend eines neuen Naturbewusstseins steht noch am Anfang, zeigt sich aber bereits in steigenden Mitgliederzahlen in der ganzen Schweiz. Insgesamt nimmt das Engagement für die Natur zu, was sehr erfreulich ist.
Welche Folgen hat der trockene Sommer für die Naturschutzgebiete? Bedeutet er auch Mehrarbeit für die Vereine?
Generell ist ein solch trockener Sommer eine Belastung für die Ökosysteme. Gerade dann zeigt sich jedoch, wie wichtig intakte Ökosysteme sind. Feuchtgebiete beispielsweise, die über drei Monate Wasser speichern können, sind für ihre Umgebung extrem wichtig. Insbesondere, weil sie bei Starkregen Wasser über mehrere Wochen zurückhalten und nach und nach wieder abgeben. Allerdings werden drei Viertel der Biotope von nationaler Bedeutung, darunter auch Feuchtgebiete, nicht gesetzeskonform gepflegt und unterhalten. Der Grund dafür ist, wie bereits erwähnt, der fehlende politische Wille. Es mangelt am Verantwortungsbewusstsein, die wertvollsten Lebensräume mit den notwendigen finanziellen und personellen Mitteln zu pflegen.
Hier kommen die Schutzvereine ins Spiel.
Genau. Die lokalen Natur- und Vogelschutzvereine leisten ehrenamtlich eine immense Arbeit. Sie tragen grosse Verantwortung und stehen vor zahlreichen Herausforderungen, die ein solcher Hitzesommer mit sich bringt. Das gilt auch auf kantonaler Ebene. Intakte Ökosysteme sind unsere Lösung angesichts des Klimawandels. Deshalb müsste hier noch viel mehr investiert werden.
Sind am morgigen Baselbieter Naturschutztag und bei Pflegeeinsätzen unter dem Jahr auch Nichtmitglieder willkommen?
Ja, auf jeden Fall. Jede helfende Hand ist willkommen. Es macht Freude, einige Stunden mit Gleichgesinnten zu verbringen und dabei erst noch etwas über die Natur zu erfahren.
Zur Person
bbu. Raffael Ayé (48) ist in Basel aufgewachsen und hat Biologie studiert sowie unter anderem eine Weiterbildung in NPO-Management absolviert. Er lebt mit seiner Familie in Zürich und ist seit 17 Jahren Geschäftsführer von «BirdLife Schweiz». Der 32. Baselbieter Naturschutztag findet morgen Samstag, 31. Oktober, statt. Weitere Informationen auf www.birdlife-bl.ch/anlaesse.

