Kurz nach dem Einzug in meine Wohnung war ich zum ersten Mal allein zu Hause. Ich sass im Wohnzimmer und hörte plötzlich Schritte aus dem Nebenzimmer. Kurz darauf begannen die Wände leicht zu vibrieren. Nach einem panischen Anruf erklärte mir mein Mitbewohner, das seien die ...
Kurz nach dem Einzug in meine Wohnung war ich zum ersten Mal allein zu Hause. Ich sass im Wohnzimmer und hörte plötzlich Schritte aus dem Nebenzimmer. Kurz darauf begannen die Wände leicht zu vibrieren. Nach einem panischen Anruf erklärte mir mein Mitbewohner, das seien die Nachbarn von oben. Ein Wohnblock aus den Siebzigern trage Geräusche weiter, als man denke.
Die Beweislage für unerklärliche Begebenheiten ist trotzdem eindeutig: In dieser Wohnung stimmt etwas nicht. Aus dem Badezimmer kommt regelmässig ein Knacken, das laut ihm von der LED-Beleuchtung im Spiegelschrank stammt. Türen öffnen und schliessen sich von alleine. «Luftzug», sagt er, obwohl kein Fenster offen ist. In meinem Zimmer weht zum Teil ein eisiger Wind. «Undichtes Fenster.» Für jeden einzelnen Vorfall hat er eine Erklärung. Inzwischen finde ich das fast verdächtiger als die Geräusche selbst. Auffällig ist auch, dass all das ausschliesslich passiert, wenn er nicht zu Hause ist.
Ganz unbeteiligt scheint er aber ohnehin nicht zu sein. Ich habe ihn nämlich schon mehr als einmal dabei erwischt, wie er sein Zimmer mit Salbei ausräuchert …
Das Unheimliche beschränkt sich allerdings nicht auf unsere vier Wände. Der ganze Wohnblock hat gewisse Eigenheiten, inklusive seiner Bewohner. Als ich einmal in den Keller ging, drang aus einem der Abteile dumpfes Trommeln. Die Tür war geschlossen, das Licht aus. Man hörte nur diese regelmässigen, gedämpften Schläge. Ich blieb kurz stehen und überlegte, ob ich überhaupt wissen will, was da vor sich geht. Ich wollte es nicht. Ich schrie. Er schrie. Fasnachtsproben, sagte er dann. Natürlich.
Ähnlich verlief eine Begegnung im Treppenhaus, als ich mit meiner Wäsche aus dem Keller kam und das Licht ausging. Während ich noch versuchte, den Schalter zu finden, bewegte sich jemand lautlos in der Dunkelheit auf mich zu. Als das Licht wieder anging, standen wir uns in vielleicht zehn Zentimetern Abstand gegenüber. Vor Schreck liess ich meinen Waschkorb auf seinen Fuss fallen, was ihn unheimlich verärgerte. Mich allerdings auch: Wer geht bitte wortlos im Dunkeln durch ein Treppenhaus?
Vielleicht muss ich mir seit letzter Woche aber keine allzu grossen Sorgen mehr machen – zumindest in unserer Wohnung: Als ich kürzlich von der Arbeit nach Hause kam und die Tür öffnete, schlug mir ein Geruch entgegen, wie man ihn sonst nur aus schlecht gelüfteten Brockenhäusern kennt. «Was ist das denn?!», ächzte ich. Ein Räucherstäbchen, sagte mein Mitbewohner, während ich sämtliche Fenster aufriss. Bei diesem Geruch sucht jegliches Übernatürliche das Weite. Seither jedenfalls: keine offenen Türen mehr, kein Knacken aus dem Badezimmer, keine geheimnisvollen Luftzüge in meinem Zimmer. Die Nachbarn sind mir aber immer noch suspekt.
Melanie Frei, Redaktorin «Volksstimme»