Zeit ist nicht Geld
18.06.2026 BaselbietChrista Dettwiler
Wie viele braucht es, um im Bergwald fünf Kühe und zwei Kälber zu finden? Jetzt wissen wir’s: drei Männer und fünf Hunde. Während die ganztägige Suchaktion am Vortag erfolglos verlaufen war, wurden Jonny, Danilo ...
Christa Dettwiler
Wie viele braucht es, um im Bergwald fünf Kühe und zwei Kälber zu finden? Jetzt wissen wir’s: drei Männer und fünf Hunde. Während die ganztägige Suchaktion am Vortag erfolglos verlaufen war, wurden Jonny, Danilo und Mauri heute fündig. Auch an Abenteuern hat’s wahrlich nicht gefehlt: Schluchten, undurchdringliches Colihue-Gestrüpp, schier senkrechte, vom Wasser glattgeschliffene Felswände – alles war dabei, inklusive Ausrutschen, Hinfallen, mehr oder weniger kontrolliertes auf dem Hosenboden Hinuntergleiten und dabei nicht der Machete in die Quere kommen. Als Belohnung gab’s dafür herrliche Ausblicke auf unseren Hausvulkan und die frisch verschneiten Anden.
Um neun Uhr morgens sind die Männer mit fünf Hunden aufgebrochen, beim Eindunkeln waren sie zurück. Frigg, die Tochter unserer Kriegerin Lagertha, hatte sich – ganz wie die Mutter im vergangenen Jahr – in einer engen Schlucht verlaufen und steckte fest. Zum Glück hatte Mauri sein Lasso dabei. Johnny hat sie schliesslich herausgezogen: Das Lasso immer wieder an einem Baum festbinden, schieben, locken … Unterdessen folgten Danilo und Mauri vielversprechenden Spuren, die aber immer irgendwie im Kreis zu führen schienen.
Friggs Muhen lockte ihre Gefährtinnen dann doch noch aus der Deckung. Das Wiedersehen muss herzerwärmend gewesen sein. Johnny berichtete, wie sie alle aufeinander zustürmten, sich ausgiebig schleckten und anstupsten. Wir wissen ja nicht, wie lange Frigg in der engen Schlucht allein aushalten musste. Jedenfalls ist die Herde nun wieder glücklich vereint und mit einer Extraportion Heu verwöhnt worden.
Am Vortag hatten Yvonne und Chnöpperli bei Danilos Familie auf die schnelle Rückkehr der Cowboys gewartet, die sich dann allerdings endlos hinzog. Eigentlich wollten wir Johnny nur abladen und gleich weiter, doch dann fuhren die Jungs im Pickup weg – und blieben weg.
So kamen wir in den Genuss eines köstlichen Mittagessens – Meeresfrüchtesuppe, gekochte Kartoffeln und Tomaten-Zwiebelsalat. Ohne jegliches Aufheben ist man einfach eingeladen; Teil der Familie. Diese herzliche Art der Gastfreundschaft ist umso berührender, da die Familie echt am Existenzminimum lebt. Die Wände und die Decken ihres Häuschens sind nur halbfertig gestrichen, der Fussboden zu einem Drittel verlegt. Im Badezimmer gibt’s keine Innenwände.
Ein Kessel Farbe kostet ungefähr einen Tageslohn. Da ist die Entscheidung einfach zwischen Essen auf dem Tisch oder Farbe an den Wänden. Die Gastfreundschaft ist berührend und fast ein wenig beschämend. Vor allem, wenn sie so selbstverständlich angeboten wird. Denn eingeladen waren wir ja nicht, und trotzdem hatten wir keinen Augenblick das Gefühl, ungebetene Gäste zu sein.
So hat uns eine eigentlich simple Kuhsuche eine wertvolle Lektion erteilt. Hier, bei diesen Menschen, ist Zeit nicht Geld.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

