«Würden wieder fürs ‹Läufelfingerli› kämpfen»
20.01.2026 BaselAm Bahnkongress «Bahn 2026» stand die Mobilität der Zukunft im Vordergrund
Am Bahnkongress «Bahn 2026» ging es um Prioritäten im Bahnausbau. Während Experten über mögliche Stilllegungen diskutierten, stellten Baselbieter Politiker klar: ...
Am Bahnkongress «Bahn 2026» stand die Mobilität der Zukunft im Vordergrund
Am Bahnkongress «Bahn 2026» ging es um Prioritäten im Bahnausbau. Während Experten über mögliche Stilllegungen diskutierten, stellten Baselbieter Politiker klar: Für das «Läufelfingerli» und andere regionale Verbindungen wollen sie weiterhin einstehen.
Lorenz Degen
Eigentlich sollte der Bahnkongress wie üblich erst wieder im Mai stattfinden. Doch um die gewünschten Referenten an einem Tag im Basler Novartis-Campus zu versammeln, wurde eine Vorverlegung auf den vergangenen Freitag nötig.
Am Vormittag sprach Prof. Ulrich Weidmann zu seinem Auftrag, die Ausbauprojekte von Strasse und Schiene hinsichtlich ihrer Priorität zu untersuchen. Seine technischen und abstrakt vorgetragenen Erklärungen, wie das Gutachten «Verkehr 2045» entstand, verbargen den Zündstoff, der in den Schlussfolgerungen angelegt ist. Landrätin Sandra Strüby (SP, Buckten) hat Weidmanns Worten aufmerksam zugehört. Dessen Empfehlung, kostenintensive regionale Bahnlinien stillzulegen, zu «desinvestieren», habe sie «zähneknirschend» vernommen. Eine Gefahr für die S9 zwischen Sissach und Olten sieht sie aber nicht unmittelbar: «Es geht bei uns nicht darum, neue Infrastruktur zu schaffen, sondern um die gute Nutzung einer bestehenden. Und da wäre es wirtschaftlicher Unsinn, eine so gut ausgebaute Bahnstrecke nicht weiter zu betreiben.» Das kantonsweite Ja zum «Läufelfingerli» vom Herbst 2017 stimme sie zuversichtlich, dass die Bevölkerung auch weiterhin solche Bahnlinien wolle. «Aber wenn nötig, würden wir wieder fürs ‹Läufelfingerli› kämpfen.»
Potenzial für «Pick-E-Bike»
Strüby findet, dass der Blick auf die Zentren gerichtet werden muss. «Dort müssen wir für Alternativen schauen, wie beispielsweise den Veloverkehr.» Das abgebrochene System einer Velo-Hochbahn findet sie durchaus überlegenswert: «Im urbanen Raum kann das eine sinnvolle Ergänzung sein. Bei uns auf dem Land sehe ich hingegen vor allem Potenzial für ‹Pick-E-Bike›, ein Teilsystem von E-Bikes und E-Scootern. Denn mit der E-Mobilität ist unsere hügelige Topografie keine grosse Schwierigkeit mehr.» Eine offene Frage sei einzig die Logistik für das Einsammeln der Velos, da diese von Zeit zu Zeit wieder an einen Sammelpunkt gebracht werden müssen.
Die Digitalisierung und Automatisierung, auf die einige Referenten Loblieder anstimmten, sieht Strüby weniger euphorisch: «Es gibt sicher Potenzial, aber solch einen Durchbruch, wie ihn gewisse Kreise sich versprechen, sehe ich nicht.» Beachtenswert findet die künftige Landratspräsidentin raumplanerische Aspekte in den Ausbau-Diskussionen: «Interessant zum Wohnen sind Orte mit guten Anschlüssen. Also müssen wir in Buckten ein Hochhaus bauen!»
Strübys Landratskollege Michel Degen (SVP, Liedertswil) will hingegen keine Wolkenkratzer auf dem Tschoppenhof. «Die landschaftliche Schönheit der Schweiz und die landwirtschaftlichen Produktionsflächen sollen nicht blindlings der Infrastruktur geopfert werden», findet Degen. Dabei betonte er, dass auch Dörfer eine gute ÖV-Anbindung brauchen: «Der ländliche Raum darf nicht vergessen werden. Gute Verbindungen sind auch für uns wichtig.»
Kritisch beurteilt der Landrat den neuen WB-Fahrplan: «Die neue Ausrichtung in Liestal auf die S-Bahn ist ein grosser Fehler, der korrigiert werden muss. Die Anschlüsse an die Schnellzüge müssen wieder hergestellt werden. Nach Basel dauert die Reise von Waldenburg aus nun 17 Prozent länger als vorher, das ist unhaltbar.» Vom Kongress war Michel Degen anfänglich mässig begeistert. «Es wurde zuerst viel um den heissen Brei geredet. Die Podien am Nachmittag boten dann verschiedene Einblicke in die Lage anderer Landesteile.» Gut sei der Austausch mit einigen der 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewesen. «Es gab interessante Gespräche in den Pausen und über Mittag.»
HKBB für S-Bahn-Ausbau
In seinem Referat sprach sich Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel (HKBB), für Investitionen in die Eisenbahnkapazität in der Nordwestschweiz aus: «Eine gute Erreichbarkeit ist ein wichtiger Standortfaktor.» Daher unterstütze die HKBB den S-Bahn-Ausbau. Die neu lancierte Durchmesserlinie soll gebaut werden, als Nachfolge für das gescheiterte Herzstück. Auch der Basler Tiefbahnhof wird von der HKBB gefordert.
Diese Vorlage nahm Isaac Reber (Grüne, Sissach) auf, der auf dem Podium der Kantonsvertreter markige Töne anschlug: «Wir haben nicht die nötige Infrastruktur, um ein vernünftiges S-Bahn-Netz zu betreiben!» Der Regierungsrat blickte auf die Wirtschaftsentwicklung: «Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, müssen wir die BIP-Karte nehmen und schauen, wo die Schweiz prosperiert. Die Räume Genfersee, Basel und Zürich sind die Orte, die gefördert werden müssen.» Selbstkritisch merkte er an, dass in das Herzstück immer mehr hineingepackt worden sei, bis es wegen zu hoher Kosten in keinen Rahmen mehr passte. Weidmanns «Paukenschlag», das Herzstück in seiner Priorität zurückzustufen, habe man gehört und man werde sich nun anders orientieren. «Wir brauchen das Verbindungsstück der Durchmesserlinie. Keine Abzweiger nach Frankreich, keine unterirdischen Bahnhöfe, das alles weg und dafür halb so teuer.» Ohne diese Durchmesserlinie fehle der S-Bahn die langfristige Grundlage.
SBB-Chef Vincent Ducrot empfahl, bei allen Ausbauten zuerst an die Kunden zu denken. «Der Franken soll da eingesetzt werden, wo er eine unmittelbare Wirkung entfaltet», so Ducrot. Ein Bau, der erst nach 2045 funktionsfähig ist, bringe den Leuten heute nichts. Er gab zu bedenken, dass jede Investition Unterhaltskosten auslöse und dafür finanzielle Mittel auf viele Jahrzehnte nötig seien. Bahnlinien zu schliessen hält er für «absolut kontraproduktiv». Als Beispiel nannte er die Stilllegung der Bahnlinie in seiner Heimat zwischen Châtel-St.-Denis und Vevey in den 1960er-Jahren: «Das war der grösste Fehler! Man muss die Leute in die Zentren bringen.» Diese Worte dürften Musik in Sandra Strübys Ohren gewesen sein.

