Worte, die zu Melodien werden
15.10.2026 BaselbietDie in Lupsingen aufgewachsene Musikerin Seraina Clark möchte die Wärme und Zeitlosigkeit von Helene Bosserts Gedichten vermitteln. Dabei soll die Dichterin als Mensch und Künstlerin im Mittelpunkt stehen.
Lea Wieser
«Die Volksnähe und die ...
Die in Lupsingen aufgewachsene Musikerin Seraina Clark möchte die Wärme und Zeitlosigkeit von Helene Bosserts Gedichten vermitteln. Dabei soll die Dichterin als Mensch und Künstlerin im Mittelpunkt stehen.
Lea Wieser
«Die Volksnähe und die menschliche Wärme, die aus Helene Bosserts Texten sprechen, möchte ich den Menschen mit ‹Hoi Leni!› mitgeben können», sagt Seraina Clark. Gemeinsam mit Simon Dettwiler bringt die Baselbieter Musikerin das Projekt «Hoi Leni!» auf die Bühne. Die beiden haben die Texte der Baselbieter Mundartdichterin neu vertont und möchten sie auf ihrer Tour durch den Kanton den Menschen näherbringen.
Seraina Clark selbst ist in Lupsingen aufgewachsen. «Ich bin am Ortsrand direkt neben Wald und Wiesen gross geworden», sagt die 51-Jährige, «von dort kommt auch meine Naturverbundenheit, die ich heute noch in mir trage.» Als Jugendliche habe sich Clark immer weiter von Lupsingen und dem Dorfleben entfernt. Das Leben in der Stadt sei für sie als junge Frau spannender gewesen. Gemeinsam mit ihrem Mann, den sie in ihrem Studienjahr in England kennengelernt hatte, und ihren beiden erwachsenen Kindern lebt Clark auch heute noch in Basel.
Besonders seit sie ihre eigene Familie hat, ziehe es sie an freien Tagen oft zurück in die Natur des Baselbiets. «Dadurch habe ich noch immer einen starken Bezug zu meiner Heimat, heute sogar eher mehr als früher», sagt die Musikerin.
Von der Passion zum Nebenberuf
Hauptberuflich ist Seraina Clark Deutsch- und Englischlehrerin am Basler Gymnasium Bäumlihof. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie in diesem Beruf. Bereits während der Schulzeit habe sie sich nebenbei mit Musik beschäftigt. So wurde die Musik mit der Zeit von der Passion zum fest etablierten Nebenberuf.
Mittlerweile arbeitet Clark 50 Prozent als Gymnasiallehrerin und füllt den Rest der Woche mit Musik. Da sie die Musik weiterhin als ihre Passion und nicht als typischen Nebenjob betrachtet, beansprucht diese manchmal mehr und manchmal weniger Zeit. So lassen sich ihre beiden Berufungen unkompliziert miteinander verbinden.
Im Verlauf der Jahre war Seraina Clark in verschiedensten musikalischen Formationen unterwegs. Seit ihrem 19. Lebensjahr war sie neben der Ausbildung stets mit Bands unterwegs und spielte Konzerte. Später begann sie, mit Gesang und Gitarre auch als Solokünstlerin aufzutreten. Mittlerweile ist sie überwiegend mit ihrer Formation «Bluescht» auf der Bühne anzutreffen, tritt aber weiterhin solo oder gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern auf.
Auch Clarks musikalischer Stil hat sich im Lauf der Jahre mehrfach gewandelt. Als Jugendliche habe sie englische Musik mit Abstand am besten gefunden: «Es war einladend für mich, in einer Sprache zu singen, die nicht die eigene ist. Ich konnte mich dabei viel freier und weniger exponiert fühlen, als wenn ich auf Mundart gesungen hätte.»
Während Aufenthalten ausserhalb der Schweiz sei sie als Musikerin früher öfters gefragt worden, ob sie denn jodeln oder ein Schweizer Lied singen könne, und habe das stets verneinen müssen. «Da habe ich angefangen, mich umzuschauen und gemerkt, dass es viele Schweizer Volkslieder gibt, die wirklich sehr schön sind», sagt Clark. Nach und nach sei bei ihr der Wunsch aufgekommen, Lieder so schreiben und singen zu können, wie ihr «der Schnabel gewachsen ist».
Vor etwa 15 Jahren habe sie den Film «Heimatklänge» gesehen. Die porträtierten Sängerinnen und Sänger und deren unkonventionelle Art zu jodeln hätten für sie alles verändert: «Noldi Alders archaische, freie Art des Naturjodels hat in mir den Wunsch ausgelöst, das auch zu können.» Dabei sei es nicht ihr Ziel gewesen, jemanden zu imitieren, sondern das Jodeln mit ihrem eigenen Stil zu verbinden. Daraus entstand Seraina Clarks eigener Stil aus Mundartfolk und Naturjodel.
Vom Gedicht zum Chanson
Für Mundartdichtung hat sich Clark schon länger interessiert. Baselbieter Dichterinnen und Dichter habe sie jedoch nur wenige gekannt. Mehr per Zufall sei sie vergangenen Sommer auf Helene Bossert gestossen und habe direkt zwei Gedichtbände gekauft. Die Mischung aus verschiedenen Stimmungen von humorvoll bis sehnsüchtig habe sie sehr fasziniert: «Bei gewissen Texten habe ich beim ersten Lesen Melodien angefangen zu hören und gemerkt, dass sie sich wundervoll als Stoff für neue Schweizer Volkslieder eignen.» Zuerst habe sie sich «Hoi Leni!» als Soloprojekt vorstellen können, so wie auch Helene Bossert allein gearbeitet habe. Schnell habe sie aber gemerkt, dass das Projekt mit weiterer instrumentaler Unterstützung noch mehr hergeben würde. «Da habe ich Simon Dettwiler angefragt, der mit seinem ‹Schwyzerörgeli›-Spiel und seinen Ideen das Programm musikalisch bereichert», sagt Clark.
Bei der Vertonung der Gedichte legte Clark Wert darauf, die jeweilige Stimmung und Kernaussage widerzuspiegeln: «Es ging mir nicht darum, möglichst virtuose musikalische Versionen zu kreieren, der Text sollte immer noch die Hauptrolle spielen.» Teilweise sei die Musik daher schlicht, es werde Instrumentalstücke zwischen oder innerhalb der Texte geben. Gewisse Gedichte werde sie auch ohne musikalische Begleitung vorlesen.
Wichtig ist Clark, nicht die Hetzkampagne in den Vordergrund zu stellen, auf die Helene Bossert oft reduziert werde. Stattdessen wolle sie «Leni» als Person und Künstlerin wertschätzen: «Viele ihrer Gedichte sind unglaublich zeitlos und haben es verdient, nicht immer im Schatten dieser Hetzkampagne gelesen zu werden.»
Helene Bossert
lwi. Helene Bossert (1907 – 1999) war eine Baselbieter Mundartdichterin. Ihre Texte trug sie im Baselbiet und angrenzenden Orten bei Lesungen live am Mikrofon vor. Daneben arbeitete sie als eine der ersten Frauen in der Hörspielredaktion des Basler Radiostudios, wodurch sie Bekanntheit erlangte.
Im Jahr 1953, während der Zeit des Kalten Kriegs, unternahm Bossert eine Studienreise in die Sowjetunion, was zu einer medialen und gesellschaftlichen Hetzjagd gegen sie führte. Erst ab den 1970er-Jahren setzte eine zögerliche kulturelle Rehabilitation ein. Im Jahr 1988 erhielt sie den Baselbieter Kulturpreis. Eine vollständige politische Wiedergutmachung blieb jedoch aus. Heute ist ihr Name aufgrund dieser Geschichte vielen bekannt, ihr literarisches Schaffen jedoch weniger.
Morgen Freitag findet im «Cheesmeyer» in Sissach die Tourpremière statt. Weitere Auftrittsdaten und Informationen sind auf www.hoileni.ch zu finden.

