«Wollen ein Familien unternehmen bleiben»
13.01.2026 LausenRonda-CEO Fabien Schirmer über Verwurzelung, Familienwerte und den Umgang mit den US-Zöllen
Die Ronda AG produziert Uhrwerke für Kunden auf der ganzen Welt und bleibt dennoch fest in Lausen verwurzelt. Fabien Schirmer führt den Betrieb in dritter Generation. Er bewegt ...
Ronda-CEO Fabien Schirmer über Verwurzelung, Familienwerte und den Umgang mit den US-Zöllen
Die Ronda AG produziert Uhrwerke für Kunden auf der ganzen Welt und bleibt dennoch fest in Lausen verwurzelt. Fabien Schirmer führt den Betrieb in dritter Generation. Er bewegt sich dabei zwischen Tradition und Wandel – mit dem Anspruch, die Firma fit für die Zukunft zu halten.
Luana Güntert
Herr Schirmer, die Ronda AG ist seit fast 80 Jahren im Oberbaselbiet zu Hause. Welche Bedeutung hat der Standort Lausen für Ihr Unternehmen?
Fabien Schirmer: Wir sind als Firma und als Familie stark in der Region verwurzelt. Dieses Jahr feiern wir unser 80-Jahre-Jubiläum. Mein Grossvater, der Gründer der Ronda, wurde 1909 in Hölstein geboren. Schon sein Vater war in der regionalen Uhrenindustrie tätig – bei Oris, die damals noch unter einem anderen Namen firmierte, arbeitete er als Chefmechaniker. Die Familie lebte später in Liestal, ich selbst bin in Lausen aufgewachsen. Kürzlich haben wir eine interessante Auswertung gemacht, wonach rund die Hälfte unserer Mitarbeitenden am Hauptsitz in einem Umkreis von 15 Kilometern um Lausen lebt. Das zeigt sehr schön, wie stark wir hier verankert sind.
Viele Mitarbeitende kommen aber auch von weiter her. Welche Vorteile bietet der Standort Lausen?
Wie viele Arbeitgeber in der Region profitieren wir von der Nähe zu Deutschland und Frankreich. Früher hatten wir sogar eine eigene Kleinbusflotte, die Mitarbeitende täglich aus dem Elsass nach Lausen gebracht hat. Zudem sind wir verkehrstechnisch gut angebunden – auch wenn Lausen an sich nicht sehr zentral liegt.
Wollen Sie auch in Zukunft Ihren Standort hier im Baselbiet behalten?
Ja. Wir sehen derzeit keinen Grund, von hier wegzugehen. Ich bin hier auch privat stark verwurzelt, und ein Wegzug stand für uns nie ernsthaft zur Diskussion.
Mit dem Hauptsitz in der Schweiz sind die US-Zölle auch für die Ronda ein leidiges Thema. Wie stark betreffen sie Ihr Unternehmen?
Direkt nur wenig, da wir nur einen kleinen US-Kundenstamm haben. Indirekt sind wir jedoch stärker betroffen, da unsere Kunden Uhrwerke von uns beziehen und dann fertige Uhren in die USA exportieren. Zudem bestellen viele Kunden derzeit zurückhaltender und arbeiten mit Lagerbeständen. Umso erleichterter sind wir, dass die Zölle auf 15 Prozent gesenkt wurden.
Welchen Einfluss hat die Oberbaselbieter Herkunft auf die Identität der Ronda?
Die Geschichte der Ronda begann im Waldenburgertal. Das Tal hatte einst eine florierende Uhren- und Feinmechanikindustrie, begünstigt durch den damaligen regionalen Verkehr. Mit dem Ausbau von Tunneln und Autobahnen verlagerte sich diese Industrie später. Ein Vorteil des Oberbaselbiets ist bis heute die starke Handwerkskultur. Im Vergleich zur Stadt oder zum unteren Kantonsteil finden wir hier schneller qualifizierte Fachkräfte. Auch unsere Lehrstellen in der Mechanik können wir gut besetzen – und die Lernenden bringen grosses Talent mit. Das scheint über Generationen weitergegeben worden zu sein (lacht).
Apropos Lehrstellen: Sie bilden unter anderem Polymechanikerinnen, Produktionsmechaniker und Konstrukteurinnen aus. Ist es Ihr Ziel, Know-how in der Region zu halten?
Absolut. Aktuell beschäftigen wir zwölf Lernende, in den genannten Bereichen sowie im kaufmännischen Bereich. Uns ist es ein Anliegen, den Nachwuchs früh für eine Lehre bei uns zu begeistern. Am Zukunftstag im November hatten wir entsprechend viele interessierte Schülerinnen und Schüler bei uns im Haus.
Wie viele Mitarbeitende sind heute am Standort Lausen beschäftigt?
Insgesamt beschäftigen wir hier rund 220 Mitarbeitende. Der Mix ist sehr gesund: langjährige Mitarbeitende mit viel Erfahrung und junge Fachkräfte mit neuen Perspektiven. Im Durchschnitt sind unsere Mitarbeitenden seit 14 Jahren bei der Ronda. Einige haben hier ihre Lehre gemacht und arbeiten mit Mitte 50 immer noch bei uns.
Haben Sie Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeitende zu finden?
Das hängt stark vom Bereich ab. In der klassischen Uhrwerksentwicklung ist der Markt in der Region eher ausgedünnt. Deshalb bieten wir für gewisse Funktionen auch Homeoffice an, um überregional Fachkräfte gewinnen zu können. Gleichzeitig hat Lausen einen Vorteil: Wir fliegen im Vergleich zur Westschweiz etwas unter dem Radar. In gewissen Bereichen haben wir deshalb weniger direkte Konkurrenz als Arbeitgeber in der Uhrenbranche der Westschweiz.
Haben Sie Projekte, um neue Mitarbeitende zu gewinnen?
Nicht spezifisch. Wir arbeiten teilweise mit Fachhochschulen und einer Uhrmacherschule aus der Region Biel zusammen. Dort geht es uns aber eher darum, unseren Bekanntheitsgrad etwas zu erhöhen.
Woher kommen Ihre Kunden?
In der Schweiz sind es hauptsächlich Uhrenhersteller aus dem Juragürtel – von Genf bis Biel. International beliefern wir Kundinnen und Kunden auf der ganzen Welt.
Neben Lausen haben Sie Standorte in Court, Stabio, Hongkong und Thailand. Wie sind die Aufgaben verteilt?
Lausen ist unser Hauptsitz mit zentralen Diensten wie beispielsweise Finanzen, Entwicklung und Marketing. Rund 70 Prozent der Mitarbeitenden hier sind jedoch in der Produktion tätig. Im Jura fertigen wir Drehteile und im Tessin montieren wir Uhrwerke und übernehmen Montagearbeiten für Drittkunden. Der Standort im Tessin ist auch wegen der Nähe zu Norditalien attraktiv – dort finden wir hervorragend ausgebildete, handwerklich geschickte Mitarbeitende.
Welche Rolle spielen die asiatischen Standorte?
In Hongkong befindet sich unser Verkaufsbüro für den asiatischen Markt – traditionell einer der wichtigsten Handelsplätze der Uhrenindustrie. In Thailand betreiben wir ein weiteres Produktionswerk.
Warum fiel die Wahl 1990 auf Thailand und nicht auf China, wo die Uhrenindustrie boomt?
Damals waren wir tatsächlich ein «First Mover». Thailand bot gute Investitionsbedingungen und Unterstützung bei der Standortsuche. Heute wird das Land für die produzierende Industrie immer attraktiver. Viele Firmen, die bisher in China produziert haben, suchen nach Alternativen.
Planen Sie eine weitere Expansion in Asien?
Nein. Mit unseren bestehenden Standorten sind wir sehr zufrieden.
Trotz internationaler Präsenz ist die Ronda nach wie vor ein Familienunternehmen – mit Ihnen als CEO der dritten Generation. Wie prägt das den Betrieb?
Wir versuchen, ein familiäres Umfeld zu schaffen. Meine Bürotür ist für alle offen, Anliegen können direkt platziert werden. Als Familienunternehmen profitieren wir von kurzen Entscheidungswegen. Im Verwaltungsrat sitzt noch die zweite Generation. In ihnen lebt der Unternehmergeist meines Grossvaters William Mosset weiter. Selbst durfte ich ihn leider nicht kennenlernen. Er verstarb 1985, ein Jahr vor meiner Geburt.
Gab es je Übernahmeangebote durch Konzerne?
Ja, vor meiner Zeit gab es solche Anfragen, sie wurden jedoch alle abgelehnt. Unser Ziel ist es klar, langfristig ein Familienunternehmen zu bleiben.
Welche Werte Ihres Grossvaters werden heute noch gelebt?
Schwer zu sagen. Einerseits, weil ich ihn nicht gekannt habe. Anderseits haben wir heute eine andere Zeit und als Arbeitgeber sind ganz andere Sachen wichtig geworden. Beispielsweise das Homeoffice. Das war bis vor ein paar Jahren kein Thema – heute offerieren wir das, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Auch Teilzeitarbeit gab es früher viel weniger. Heute bieten wir auch «Vollzeit»-Stellen mit 80 bis 100 Prozent als Pensum an. Früher wurde viel Heimarbeit geleistet. Mehrheitlich Frauen holten mit dem Körbchen Uhrenteile ab, und setzten sie zu Hause zusammen – diese Art der Arbeit ging bereits zwischen der ersten und der zweiten Generation verloren. Was Ronda sicher erhalten geblieben ist, ist die Freiheit, unabhängig Entscheidungen zu treffen.
Ihr Grossvater verstarb damals mit 76 Jahren zwar nicht jung, aber dennoch überraschend – er führte noch immer den Betrieb. War es damals sein Ziel, dass die nächste Generation die Firma übernimmt, oder war das «die Notlösung»?
Er wollte ausdrücklich, dass eines seiner Kinder das Unternehmen weiterführt. Meine Mutter, die bereits in der Firma tätig war, übernahm nach seinem Tod die Geschäftsführung, mein Onkel stiess später nach seinem ETH-Studium zur Geschäftsleitung dazu.
Wie war das bei Ihnen – war Ihr Weg vorgezeichnet?
Ich habe an der HSG studiert und bei einem amerikanischen Uhrenunternehmen gearbeitet. Im Hinterkopf hatte ich immer den Gedanken, irgendwann die Ronda zu leiten – auch wenn das nicht abgesprochen war und meine Familie mir keinen Druck gemacht hat. Als sich dann 2017 die Möglichkeit ergab, den CEO-Posten zu übernehmen, haben wir das als Familie besprochen und entschieden, das «Abenteuer» gemeinsam zu wagen.
Sie haben also schon früh eine Affinität zu Uhren entwickelt?
Ja. Am Familientisch sprachen wir viel über Uhren und Mechanik. Das weckte mein Interesse schon als Kind.
Sie haben die Firma in einer schwierigen Zeit übernommen. Die vergangenen Jahre waren mit der Pandemie oder Kriegen nicht einfach. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der Ronda ein?
Seit der Pandemie erleben wir eine Abfolge von Schocks. Entscheidend sind heute nicht nur die finanzielle Seite, sondern auch neue Formen der Zusammenarbeit. Heutzutage müssen wir deutlich agiler sein als früher.
Welcher Geschäftsbereich läuft derzeit besonders gut?
Unser Kerngeschäft sind Quarzwerke. Trends wechseln – aktuell sind kleine, flache Uhren gefragt, auch bei Männern. Dank unserer breiten Produktpalette können wir flexibel reagieren.
Sie sprechen Quarzuhren an. Nach langer Entwicklungszeit präsentierte Ronda 2016 mit dem Kaliber R150 erstmals wieder ein eigenes mechanisches Uhrwerk. Wie wichtig ist dieses Segment für Ihre Zukunft?
Derzeit arbeiten wir an einem neuen mechanischen Projekt, das wir 2026 präsentieren wollen. Das mechanische Werk liegt uns nach wie vor am Herzen, und wir wollen zurück zu unseren Wurzeln. Gleichzeitig bleiben Quarzuhren weiterhin wichtig, da mechanische Uhren immer teurer werden. Unser Ziel ist es, nach wie vor ein verlässlicher Anbieter im mittleren Preissegment zu bleiben.
2023 lancierten Sie zudem eine Solartech-Linie. Welche Bedeutung haben Innovationen?
Innovationen wie diese ergänzen unsere Produktpalette. Hier kommt sicher noch das eine oder andere Solarwerk hinzu. Wir wollen uns zudem stärker auf Dekorationen, Personalisierung von Uhrwerken sowie kundenspezifische Dienstleistungen konzentrieren – wir treiben Innovation in verschiedenen Bereichen voran.
Wo sehen Sie die Ronda in zehn Jahren?
Idealerweise planen wir dann unser 90-Jahre-Jubiläum und führen eine stabile Firma, die wir für die vierte Generation vorbereiten, welche schon existiert. Meine Töchter sind jedoch erst 2,5 und 5 Jahre alt. Es gibt aber keinerlei Erwartung, dass sie eines Tages in die Firma eintreten müssen.
Interessieren sich Ihre Töchter schon für das Geschäft?
Ja – vor allem wegen der Süssigkeiten am Empfang (lacht). Ich nehme sie gerne an Firmenanlässe mit, und meine Mitarbeitenden freuen sich sehr, wenn sie dabei sind. Die ältere versteht so langsam, was eine Uhr ist – auch wenn das Thema noch etwas komplex für sie ist.
Noch eine persönliche Frage.
Sie haben jung mit Anfang 30 die Ronda als CEO übernommen.
Wie war das damals für Sie?
Ich hatte in meiner früheren Stelle schon ein kleines Team unter mir, Führung war mir also nicht ganz neu. Ich arbeite ausserdem mit einem starken Team zusammen, das mich in vielen Bereichen und an verschiedenen Standorten unterstützt und dem ich voll vertrauen kann. Das unterscheidet meinen Führungsstil wohl auch von dem meines Grossvaters. Damals wurde vieles vom Chef entschieden, heute versuchen wir, gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Zur Person
lug. Fabien Schirmer wurde 1986 geboren und wuchs in Lausen auf. Nach dem Gymnasium in Liestal studierte er an der HSG in St. Gallen. Seit 2017 leitet er in dritter Generation die Ronda AG. Er ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Töchtern.

