«Wir politisieren klar und deutlich»
02.10.2026 PersönlichRegula Meschberger ist Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz, die es seit 40 Jahren gibt. Meschberger sagt, wo der Schuh im Altersbereich drückt und was ihr Verband dagegen unternimmt.
Andreas Bitterlin
Frau Meschberger, warum braucht ...
Regula Meschberger ist Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz, die es seit 40 Jahren gibt. Meschberger sagt, wo der Schuh im Altersbereich drückt und was ihr Verband dagegen unternimmt.
Andreas Bitterlin
Frau Meschberger, warum braucht es die Grauen Panther Nordwestschweiz?
Regula Meschberger: Es braucht eine Organisation von älteren Menschen, die nicht nur die Gemeinschaft leben, sondern sich auch für ihre Anliegen politisch äussern.
Wo drückt der Schuh besonders?
Ein wichtiges Thema ist die Erreichbarkeit von Menschen, die allein und zurückgezogen leben. Die Frage lautet: Wie erreichen wir Menschen, die sich nicht am sozialen Leben beteiligen können? Die Teilhabe der älteren Generation an der Gesellschaft ist uns wichtig. Sie wird auch auf der politischen Ebene thematisiert. Leider gibt es bisher kein goldenes Rezept gegen diese Form von Einsamkeit.
Was tun die Grauen Panther konkret?
Wir motivieren Menschen, ihre Nachbarschaft zu kontaktieren. Wir nehmen sie auch einmal an der Hand und sprechen zusammen mit ihnen die Nachbarschaft an, je nachdem auch zwei- oder dreimal, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Das sind zwar relativ kleine Aktivitäten, aber es sind in der Regel die wirksamsten.
Wie hat sich die Situation in den 40 Jahren des Bestehens des Verbands verändert?
Viel hat sich nicht verändert. Die Grauen Panther bringen sich seit Beginn aktiv in die politischen Debatten ein. Wir hatten als Präsidentin bzw. Präsident die ehemalige Nationalrätin Angéline Fankhauser und Ex-Regierungsrat Remo Gysin – beide waren in der Öffentlichkeit nie zurückhaltend. Wir politisieren klar und deutlich.
In welcher Form?
Wir führen beispielsweise immer am ersten Montag eines Monats eine Veranstaltung zu einem aktuellen Thema durch. Dieses Angebot wird sehr geschätzt, es erscheinen jeweils zwischen 80 und 100 Interessierte.
Wir veröffentlichen unsere Anliegen zusätzlich auch in diversen Medien.
Was haben Sie erreicht in dieser Zeit?
Wir haben es geschafft, wahr- und ernst genommen zu werden. Wir sind Mitglied der «Alterskonferenz 55+» von Basel-Stadt und des Seniorenrats Baselland. So pflegen wir direkten Kontakt mit den Verwaltungen und den Regierungen der beiden Basel. Vor Kurzem verfassten wir einen Hitzebrief. Der Baselbieter Gesundheitsdirektor Thomi Jourdan will uns als Folge davon im Hinblick auf künftige Hitzeperioden als wichtige Organisation in die derzeit laufende Entwicklung eines Hitze-Vorsorgeplans einbeziehen. Es freut uns auch, dass die Regierungsräte Thomi Jourdan und Lukas Engelberger aus Basel das Fest zum 40-Jahre-Jubiläum der Grauen Panther besucht haben.
Im Juni übergaben die Grauen Panther gemeinsam mit anderen Organisationen dem Bund und dem eidgenössischen Parlament eine Petition mit 25 770 Unterschriften gegen Altersdiskriminierung. Wie werden Seniorinnen und Senioren in der Schweiz diskriminiert?
Besonders akut ist das Thema Wohnen. Alte Menschen, die noch mobil und selbstständig sind, aber eben nicht mehr jung, haben enorme Probleme, bezahlbare Wohnungen zu finden. Zahlreiche Vermieter bevorzugen junge Mieter. Ergänzungsleistungsempfängerinnen und -empfänger sind für sie weniger interessant und werden benachteiligt, weil sie finanziell als nicht potent gelten.
Wie beurteilen Sie die Situation in der Medizin?
Ich vernehme häufig von älteren Personen, dass sie mit ihren altersbedingten Gebrechen nicht ernst genommen werden. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin einer unter den Altersbresten leidenden Seniorin wenig einfühlsam auf die Schulter klopft mit einem «Ja, liebe Frau …», sträuben sich mir die Haare.
Mit welchen weiteren politischen Kampagnen und Aktionen verfolgen Sie Ziele?
Zurzeit ist die Revision der Verordnung zum Ergänzungsleistungsgesetz aktuell, welche die Kantone im Auftrag des Bundes umsetzen müssen. Bei solchen Verordnungen sind Vernehmlassungen nicht vorgeschrieben, was eigentlich demokratisch unhaltbar ist. Wir verlangen nun, dass wir dennoch in diesen Umsetzungsprozess einbezogen werden, oder dass doch eine Vernehmlassung durchgeführt wird. Ob es uns gelingt, wird sich zeigen.
Gibt es Lebensbereiche, in denen ältere Menschen bevorzugt werden gegenüber jungen?
Pensionierte können, wenn es die Gesundheit zulässt, ihr Leben freier organisieren als Erwerbstätige. Wer mit 65 pensioniert wird, ist meistens noch fit. Diese Freiheit ist sicher ein Pluspunkt.
Wie stehen Sie zu einer Erhöhung des Pensionsalters?
Ich wehre mich gegen eine grundsätzliche Erhöhung, ich präferiere die Flexibilität. Bauarbeiter müssen mit 60 in Rente gehen können, ich selbst habe entschieden, bis 69 zu arbeiten. Diese Wahlfreiheit wäre die richtige Lösung.
Sehen Sie die Gefahr, dass ältere Menschen durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz «abgehängt» werden?
Ja – aber nicht nur ältere Menschen, betroffen sind auch Personen mit Behinderungen, weshalb wir mit dem Behindertenforum kooperieren. Die Generation, die jetzt in Rente geht, ist aufgrund von Erfahrungen im Beruf ziemlich IT-affin. Aber bei über 80-Jährigen manifestiert sich das Problem. Die IT-Entwicklung können wir nicht stoppen, aber wir versuchen, den betroffenen Menschen zu helfen. Wir kämpfen gegen die Bahnbillettapparate oder Toiletten, die kein Bargeld mehr akzeptieren. Nicht alle alten Menschen besitzen eine Bankkarte oder sind befähigt, ein Handy zu bedienen.
Zur Person
abi. Regula Meschberger, lic. iur., geboren 1952, lebt in Birsfelden und hat sechs erwachsene Kinder und 13 Grosskinder. Sie war Schulleiterin und Beraterin in Schulentwicklungsprozessen. Politisch engagierte sie sich von 2003 bis 2018 im Landrat und von 2012 bis 2024 im Gemeinderat Birsfelden sowie als Vorstandsmitglied des VPOD. Aktuell ist sie Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz.

