«Wir müssen umdenken»
31.07.2026 PersönlichKlimawandel und Trockenheit setzen Landwirtschaft und Wasserversorgung unter Druck. Hydrogeologe Oliver Schilling erklärt, warum die Schweiz Regenwasser künftig besser zurückhalten muss. Dabei helfen Massnahmen aus dem Projekt «Slow Water».
Janis ...
Klimawandel und Trockenheit setzen Landwirtschaft und Wasserversorgung unter Druck. Hydrogeologe Oliver Schilling erklärt, warum die Schweiz Regenwasser künftig besser zurückhalten muss. Dabei helfen Massnahmen aus dem Projekt «Slow Water».
Janis Erne
Herr Schilling, angesichts des fehlenden Regens sprechen manche von einem Rekordjahr. Wie ordnen
Sie die aktuelle Trockenphase ein?
Oliver Schilling: Die Situation ist tatsächlich sehr prekär. Wir erleben aussergewöhnliche Hitzewellen, gleichzeitig bleiben die Niederschläge weitgehend aus. Bereits der Juni war extrem heiss und trocken und stellte einen Rekordmonat dar. Im Juli setzte sich diese Entwicklung in ähnlicher Weise fort. Besonders betroffen sind die Oberflächen: Für die Landwirtschaft ist die Trockenheit einschneidend. Das Grundwasser verfügt zwar noch über einen gewissen Puffer, insgesamt handelt es sich bisher aber um ein aussergewöhnliches Trockenjahr.
Mit dem Forschungsprojekt «Slow Water» wird im Baselbiet und in Luzern untersucht, wie Regenwasser zurückgehalten werden kann. Es hat Anfang 2024 begonnen und soll sechs Jahre dauern. Seit wann ist die Universität Basel daran beteiligt und welche Erkenntnisse konnten bisher gewonnen werden?
Die Universität Basel ist seit Beginn für das Monitoring, die wissenschaftliche Begleitung sowie die Auswertung der Daten verantwortlich. In den ersten beiden Jahren standen die Planung, der Aufbau der einzelnen Massnahmen, die Bewilligungsverfahren und die Beratung der beteiligten Landwirtschaftsbetriebe im Vordergrund. Erst jetzt nimmt die Umsetzung richtig Fahrt auf. Zu Beginn arbeiteten wir für die wissenschaftlichen Berechnungen der Wirkungen der verschiedenen «Slow Water»-Massnahmen vor allem mit Modellen, da noch keine Messdaten verfügbar waren. So entstand eine Karte für die ganze Schweiz, die zeigt, wo welche Massnahmen aufgrund der Bodenbeschaffenheit besonders wirksam sein können.
Auf dem Dietisberg befindet sich ein Fokusgebiet von «Slow Water». Was genau wird dort untersucht?
Auf dem Dietisberg untersuchen wir mehrere naturnahe und multifunktionale Lösungen zur Wasserspeicherung. Beispiele sind hangparallele Versickerungsgräben oder ein Versickerungsteich, die Wasser zurückhalten, langsam im Boden versickern lassen und damit das Grundwasser speisen. Gleichzeitig entstehen ökologisch wertvolle Lebensräume, und das gespeicherte Wasser kann beispielsweise für die Bewässerung von Gemüsekulturen genutzt werden.
Können kleine Wasserrückhaltemassnahmen überhaupt einen Effekt erzielen? Ist «Slow Water» nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?
Eine einzelne Massnahme auf einem einzelnen Betrieb wird die Situation nicht grundlegend verändern. Entscheidend ist die Summe vieler kleiner Projekte. Wenn zahlreiche Betriebe und Gemeinden Wasser auf ihren Flächen zurückhalten, entsteht ein spürbarer Gesamteffekt. In der Schweiz wurden im vergangenen Jahrhundert viele Flächen künstlich drainiert, damit Wasser möglichst schnell abfliesst. Heute müssen wir umdenken und das Wasser wieder länger in der Landschaft halten. Dazu gehören eine angepasste Entwässerung sowie die Schaffung von Feuchtgebieten und Rückhalteflächen. Solche Massnahmen können gemeinsam einen bedeutenden Beitrag gegen die Trockenheit leisten.
Sie forschen auch in den Bergen zum Thema Grundwasser. Wie unterscheiden sich die Folgen der Trockenheit in den Alpen, im Mittelland und im Jurabogen?
Die Unterschiede sind beträchtlich. In den Alpen und Voralpen besteht der Untergrund häufig aus wenig durchlässigem Fels. Dort kann nur wenig Grundwasser gespeichert werden. Fehlen Schnee und Gletscher als natürliche Wasserspeicher, kann eine Trockenheit schnell problematisch werden. Im Mittelland ist die Situation günstiger.
Weshalb?
Die vielen Seen sowie die Schotterablagerungen entlang der grossen Fliessgewässer wie der Reuss, der Limmat, der Aare und des Rheins können grosse Wassermengen aufnehmen, speichern und langsam wieder abgeben. Deshalb steht dort auch während Trockenphasen meist genügend Trinkwasser zur Verfügung. Im Jurabogen wiederum fliesst das Wasser wegen des verkarsteten Gesteins rasch ab. Dadurch sinken die verfügbaren Wassermengen auf den Jurahöhen während Trockenphasen vergleichsweise schnell. Dörfer und Gebiete im Oberbaselbiet wie der Dietisberg profitieren jedoch davon, dass sie an grössere Grundwasservorkommen im Tal angeschlossen sind. In Bergdörfern ist das schwieriger und teurer, da grosse Distanzen überwunden werden müssen.
Trockenphasen werden häufiger und heftiger, Gletscher schmelzen und verschwinden. Wird die Schweiz in 25 Jahren noch über genügend Trinkwasser verfügen?
Insgesamt wird es in der Schweiz in Zukunft voraussichtlich ähnlich viel Niederschlag geben wie heute. Allerdings wird sich dieser anders über das Jahr verteilen. Während die Sommer trockener werden, dürfte es im Winter mehr Niederschlag geben. Das Grundwasser im Mittelland wird also weiterhin ausreichend vorhanden sein. In den Bergen hingegen wird die Situation schwieriger, da Gletscher und Schneefelder zunehmend verschwinden. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass saisonale Puffer wegfallen, die Trinkwasser speichern.
Braucht unser Land mehr künstliche Wasserspeicherkapazitäten wie Stauseen oder grosse Reservoirs, um trockene Sommer besser zu überstehen?
Im Mittelland können bereits kleinere Rückhaltemassnahmen viel bewirken. In höheren Lagen muss man jedoch über zusätzliche Speichermöglichkeiten nachdenken. Dazu gehören grössere Reservoirs oder eine – zumindest temporäre – Mehrfachnutzung bestehender Speicherseen, die über die Stromproduktion hinausgeht. Solche Projekte sind allerdings teuer und deshalb auch eine gesellschaftliche und politische Frage. Ob es sich lohnt, auch künftig jede Alp zu bewirtschaften, muss diskutiert werden. Auch die Schaffung und Restauration von Feuchtgebieten, naturnahen Wäldern und weiteren Massnahmen zur Wasserrückhaltung helfen, längere Trockenphasen besser zu überbrücken.
Zur Person
je. Oliver Schilling (40) ist ein schweizweit gefragter Experte für das Thema Wasser. Der Hydrogeologe der Uni Basel erforscht das Zusammenspiel von Oberflächen- und Grundwasser. Seit 2022 leitet er die Forschungsgruppe Hydrogeologie an der Universität Basel sowie eine Gruppe des renommierten Wasserforschungsinstituts Eawag. Sein Fokus liegt auf Grundwassermanagement und -qualität, Trinkwasserversorgung sowie Klimafolgen.

