«Wir müssen das Baselbiet wieder lieben»
25.06.2026 BaselbietDer FDP-Politiker Andreas Dürr soll heute zum Landratspräsidenten gewählt werden
Andreas Dürr hatte mit der Politik eigentlich bereits abgeschlossen, als ihm 2012 unerwartet der Weg in den Landrat offenstand. Heute dürfte der Landrat den Anwalt und Notar aus Biel-Benken zu seinem ...
Der FDP-Politiker Andreas Dürr soll heute zum Landratspräsidenten gewählt werden
Andreas Dürr hatte mit der Politik eigentlich bereits abgeschlossen, als ihm 2012 unerwartet der Weg in den Landrat offenstand. Heute dürfte der Landrat den Anwalt und Notar aus Biel-Benken zu seinem Präsidenten wählen.
Christian Horisberger
Als Jurist, langjähriges Ratsmitglied, früherer Fraktionspräsident, Mediator und eloquenter Redner sind Sie die Idealbesetzung fürs Landratspräsidium. Warum dauerte das so lange, Herr Dürr?
Andreas Dürr: Es war ein Prozess. Ich durfte nach meiner Wahl in der Bauund Planungskommission, meiner Lieblingskommission, wirken und hatte als Präsident der Justiz- und Sicherheitskommission vier tolle Jahre: Dass wir das Bürgerrechtsgesetz zu null durchbrachten, war rückblickend mein grösster «Mediationserfolg» in dieser Funktion. Nach der sachbezogenen Arbeit in den Kommissionen durfte ich die Nachfolge von Rolf Richterich als Fraktionspräsident antreten und Gas geben. Dieses Amt übte ich fünfeinhalb Jahre aus.
Eine neue Rolle, nachdem Sie als Kommissionspräsident Allianzen schmiedeten …
Ich kann umstellen. So gerne ich vermittle, so gerne bin ich auch scharf und pointiert in den Aussagen, wobei ich nie bösartig bin. Die Aufgabe als Fraktionschef hat mir auch sehr gefallen.
Bei welcher Aufgabe würden Sie von der Krönung Ihres politischen Wirkens sprechen: beim Kommissions-, Fraktions- oder Landratspräsidium?
Das Parlamentspräsidium ist die Krönung. Doch das Fraktionspräsidium ist politisch gesehen im Kanton der tollste Posten, wenn auch ein Verschleissjob: Weil der Fraktionsleiter den Mitgliedern immer erklären muss, worüber abgestimmt wird, was gelesen werden und wann man wo sein muss, spreche ich gerne von einem Reiseleiterjob (lacht).
Worauf hätten Sie auf Ihrer «Reise» zum Präsidium gut verzichten können?
Auf das vergangene Jahr als erster Vizepräsident. Da ist man politisch tot! Man darf das Wort erteilen, selber aber nichts sagen. In der Tempo-30-Debatte schweigen zu müssen, war eine Qual. Ich hatte mir das nach dem Fraktionspräsidium aber gut überlegt: zurücktreten oder die Durststrecke auf mich nehmen, um meine Karriere im Parlament mit der Landesvaterschaft abzuschliessen (lacht). Jetzt freue ich mich sehr darauf.
Worauf am meisten?
Darauf, die Sitzungen zu leiten. Das mache ich auch im Geschäft gerne.
Was gefällt Ihnen daran?
Die Fäden in der Hand zu haben?
Mit der Sitzungsleitung kann man einen Betrieb auch ein Stück weit steuern, aber die Leute sollten nicht merken, dass man dies tut, beziehungsweise sich wohl und abgeholt fühlen. Ich bin ausgebildeter Mediator. Kern des Mediationsprozesses ist es, dass die Menschen, die ein Problem haben, ihre eigene Lösung finden sollen. Anders als der Richter, der sagt, wo es lang geht, fällt der Mediator keine Entscheide oder gibt Lösungen vor.
Dann disziplinieren Sie Politikerinnen und Politiker auch nicht, wenn sie sich nicht an die Regeln halten?
Nicht in der Lösungsfindung, aber durchaus, wenn die geltenden Regeln verletzt werden. Die Regeln gelten der Institution Parlament und diese werde ich sicher durchsetzen.
Sie haben diesen Frühling eine Motion eingereicht, die einen eigenen Rechtsdienst für den Landrat fordert. Was war der Auslöser?
Das Energiedekret. Die Regierung hat durch den Rechtsdienst vor dem Bundesgericht den Standpunkt vertreten, dass ihr Dekret rechtsgültig sei. Der Landrat hat in der Sache etwas beschlossen, das nicht der Position der Regierung entsprach. Es kam somit zu zwei Verfahren, in denen der Rechtsdienst einmal die Position der Regierung und einmal jene des Landrats vertreten musste. Ein offensichtlicher Interessenkonflikt. Da hat es mir als Jurist den Deckel ‹gelüpft› – unabhängig von meiner Meinung in der Sache.
Ein Rechtsdienst kann nicht gleichzeitig zwei Linien vertreten.
Welches werden die grossen Geschäfte während Ihres Präsidialjahrs sein?
Wir werden sicher über den Standort und die Kosten fürs Kantonsspital debattieren. Zudem dürften mich die ersten Initiativen der Wirtschaftskammer noch erreichen.
Die Wirtschaftskammer steht Ihrer Partei nahe. Was halten Sie von den Initiativen, die sie lancierte?
Einige davon finde ich sehr gut, andere weniger.
Und wie beurteilen Sie die regelrechte Initiativen-Flut aus dem Haus der Wirtschaft?
Die finde ich etwas übertrieben, sehe aber den Marketingeffekt. Was mich stört, ist das Misstrauen der Wirtschaftskammer in den parlamentarischen Betrieb, hinter dem ich voll und ganz stehe. Sie geht davon aus, die Institution mit Regierung, Landrat, Kommissionen und Ratsmitgliedern würde nicht mehr oder zu langsam funktionieren, weshalb sie ihre Anliegen auf diesem Weg einbringen müsse. Das stimmt zum Teil – aber aufgrund der Mehrheitsverhältnisse. Deshalb ergreift sie die Initiative als ausserparlamentarisches Oppositionsmittel. Ich hätte vielleicht etwas weniger Initiativen lanciert und dafür die guten Anliegen richtig gut ausgearbeitet. Für diese Form der politischen Einflussnahme, wie sie früher von linker Seite häufig praktiziert worden ist, habe ich grundsätzlich Verständnis, wenn man auf dem parlamentarischen Weg nicht durchkommt.
Bedauern Sie es, an der Debatte über diese und weitere Geschäfte nicht teilnehmen zu dürfen?
Zum Teil wird es mir schwer fallen. Aber als Teil der Institution verzichte ich zu ihren Gunsten gerne darauf. Es ist eine andere Form des Dienens.
Zum Amt gehören auch die Repräsentationspflichten. Diese dürften Ihren Terminkalender fürs kommende Jahr ziemlich füllen …
Das höre ich häufig: Ich würde während des Präsidialjahrs ja gar nie mehr zu Hause sein. Doch ich bin berufsbedingt ohnehin oft nicht zu Hause. Daher wird das für mich und meine Frau keine grosse Umstellung sein. Zurückstehen müssen allenfalls die Aufgaben in den Verwaltungsräten: Es wird sich kaum verhindern lassen, dass ich mich für die eine oder andere Sitzung werde entschuldigen müssen.
Mögen Sie das Bad in der Menge?
Ja, ich bin gerne unter Leuten. Bei den repräsentativen Aufgaben ausserhalb der eigenen Bubble neue Menschen kennenzulernen – von den Bauern über die Gewerkschafter bis hin zu den Kulturschaffenden – ist mit ein Grund, warum ich dieses Amt wollte.
Manche offiziellen Auftritte dürften Sie nach Basel führen. Sie sind Partner einer Basler Anwaltskanzlei. Was bedeutet Ihnen die Partnerschaft mit dem Kanton Basel-Stadt?
Die ist mir wichtig. Ich bin mit der Stadt in verschiedenen Funktionen stark verbunden und lebe im Baselbiet, wo ich auch politisiere. Dadurch sehe und verstehe ich wahrscheinlich besser als viele andere beide Seiten.
Politisch bin ich ganz klar im Kanton Baselland konnotiert, sehe aber auch die Anliegen und die Schwächen von Basel-Stadt, im politischen Betrieb oder im Denken der urbanen Städter.
Die Zusammenarbeit der beiden Basel war schon enger, die Stimmung besser. Wo sehen Sie die Gründe für das aktuell eher frostige Verhältnis?
Es ist ein Ressourcenverteilungsproblem. Wenn man Geld hat, kann man sich alles leisten. Geht es zu Ende, muss man den Gürtel enger schnallen. Wenn man aber einmal eine Verpflichtung eingegangen ist, dann ist es schwierig, diese einseitig kurzerhand zu kappen, wenn das Geld nicht mehr reicht. Umgekehrt könnte man auch nach anderen Lösungen suchen, wenn einem Partner Ressourcen fehlen.
Was kann die Stadt vom Land lernen?
Aufs Geld zu schauen: Daran zu denken, dass es nicht immer fliesst und man es deshalb nicht verschleudern soll.
Und das Land von der Stadt?
Die Basler haben einen Stolz: Wir sind Basler; Basel ist der Nabel der Welt! Die Baselbieter dürften auch etwas selbstbewusster werden. Fragt man einen Baselbieter, was er sei, dann sagt er: «Sissacher» oder «Oberwiler», vielleicht «Leimentaler» oder «Oberbaselbieter». Aber fast nie hört man jemanden sagen: «Ich bin ein Baselbieter.» Ich habe häufig das Gefühl, unser Kanton wird als lästige Verwaltungsebene wahrgenommen, die man tendenziell eher bekämpfen muss, was auch im Verhältnis zwischen den Gemeinden und dem Kanton zum Ausdruck kommt. Als Repräsentant des Kantons Baselland möchte ich dazu beitragen, dies zu durchbrechen. Wir müssen wieder lernen, stolz auf unseren Kanton zu sein und ihn zu lieben.
Was lieben Sie am Baselbiet?
Das Baselbiet ist die Schweiz im Kleinen. Wir haben den urbanen unteren Teil und den ländlichen oberen Teil, wir haben den Finanzausgleich wie die Schweiz, wir stimmen fast gleich ab wie die Deutschschweiz. So, wie ich die Vielfalt der Schweiz liebe, liebe ich auch jene unseres Kantons.
Aus dem Nichts doch noch ins Parlament
ch. Andreas Dürr absolvierte das Gymnasium in Oberwil und studierte in Basel Rechtswissenschaften. Beruflich ist er Anwalt und Notar in Basel. Nach längerer selbstständiger Tätigkeit ist er nun geschäftsführender Partner (CEO) der Basler Kanzlei Battegay Dürr – Anwälte, Notare mit sechs Partnern und insgesamt 15 Mitarbeitenden. Sein Schwerpunkt liegt in den Bereichen Immobilien- und Baurecht sowie im Gesellschafts- und Vertragsrecht. Als Notar befasst er sich unter anderem mit Käufen und Verkäufen von Immobilien, Parzellierungen oder Erbgängen.
Die Kanzlei mit Klienten aus der ganzen Nordwestschweiz ist eingemietet im historischen Spiesshof am Heuberg in Basel beim Hotel Teufelhof. Allein die Geschichte der geschnitzten Holzdecke im früheren Wohnund heutigen Sitzungszimmer des bedeutendsten Renaissance-Baus Basels böte Stoff für ein ganzes Buch. Und für ein weiteres die Geschichte der Centralbahn, deren Hauptsitz der Spiesshof einst war.
Der designierte Landratspräsident wuchs in seinem Heimatort Bottmingen auf, wohnte später in Basel und in Muttenz. Heute ist er mit seiner Ehefrau in Biel-Benken daheim. Aus erster Ehe hat er drei erwachsene Kinder.
Seit seinem Beitritt bei den Jungfreisinnigen hält Andreas Dürr der FDP die Treue. Für den Landrat reichte es ihm im Wahlkreis Muttenz trotz grossem persönlichen Aufwand nicht zur Wahl: «Ich wurde leider zweimal Zweiter», sagt er, und erinnert sich genau, an wem er scheiterte: «Romy Anderegg.» Dass er damals nicht gewählt wurde, habe ihn natürlich schon leicht enttäuscht, gesteht Dürr.
Vor bald 20 Jahren zog er mit seiner Familie nach Biel-Benken. Mit der Politik hatte der Anwalt da abgeschlossen. Doch er liess sich dazu überreden, sich bei den Wahlen 2011 auf die FDP-Liste des Wahlkreises Oberwil setzen zu lassen, stellte aber die Bedingung, aktiv keinen Wahlkampf machen zu müssen. Der Leimental-Rückkehrer wurde Dritter, und als der gewählte Thomas Schulte Mitte 2012 nach nur einem Jahr der neuen Amtsperiode zurücktrat, stand Dürr der Weg ins Parlament wider Erwarten plötzlich offen: «Aus dem Nichts, ohne Aufwand!»
Und so nahm die politische Laufbahn des Juristen Fahrt auf: Er konnte sofort in der von ihm favorisierten Bau- und Planungskommission Einsitz nehmen, später wurde er Präsident der Justiz- und Sicherheitskommission, dann Fraktionspräsident der Freisinnigen und jetzt steht er vor dem Landratspräsidium. Es wird das letzte Jahr seiner politischen Karriere sein. Nach dem Präsidialjahr will er sich wieder ausschliesslich auf die Tätigkeit als Anwalt und Notar konzentrieren, sicher bis er 70 ist, sagt Dürr, der im August 64 Jahre alt wird.
Über seine Tätigkeit in seiner Kanzlei hinaus hat er einige Verwaltungsratsmandate und wirkt in mehreren Stiftungen, Kommissionen oder Verbänden mit. Unter anderem präsidiert er den ACS, Sektion beider Basel, zu dem ihn seine Begeisterung für altes Blech führte. In seiner Garage steht ein MG B, Baujahr 1973. Am zweisitzigen Cabriolet schätzt Andreas Dürr dessen Zuverlässigkeit, denn von Motoren verstehe er nichts.

