«Wir haben kein Geld» ist noch keine Kulturpolitik
08.10.2026 PersönlichIch kenne kommunale Kulturförderung von beiden Seiten. Früher habe ich grössere Gemeinden beraten, wenn es darum ging, Kultur- und Vereinsförderung zu ordnen, Kriterien für Beiträge festzulegen oder die Nutzung gemeindeeigener Räume zu regeln. Heute ...
Ich kenne kommunale Kulturförderung von beiden Seiten. Früher habe ich grössere Gemeinden beraten, wenn es darum ging, Kultur- und Vereinsförderung zu ordnen, Kriterien für Beiträge festzulegen oder die Nutzung gemeindeeigener Räume zu regeln. Heute initiiere ich selbst kulturelle Projekte und suche dafür Unterstützung.
Dabei begegnet mir im Oberbaselbiet immer wieder ein Satz: «Wir haben kein Geld.»
Natürlich haben kleine Gemeinden nanzielle Sorgen. Schule, Soziales, Strassen, Wasser und Verwaltung kosten. Jeder Franken kann nur einmal ausgegeben werden. Trotzdem stört mich dieser Satz. Denn er sagt nichts darüber aus, ob ein eingereichtes Kulturprojekt gut oder schlecht, sinnvoll oder belanglos, für ein Dorf wertvoll oder verzichtbar ist.
Eine Gemeinde sollte zuerst das Projekt beurteilen: Hat es einen Bezug zum Ort oder zur Region? Ist es öffentlich zugänglich? Ist es sorgfältig geplant? Gibt es Eigenleistungen? Ist die Finanzierung nachvollziehbar? Danach darf sie sagen: Das Projekt überzeugt uns, aber die beantragten 1000 Franken kön- nen wir nicht aufbringen. Wir geben 300 Franken.
Damit könnte ich gut leben. Dann wurde das Projekt wenigstens beurteilt.
Das eigentliche Problem liegt wohl auch darin, dass Kultur in manchen Gemeinden finanziell gar nicht vorgesehen ist. Warum nicht ein kleines «Kulturkässeli» von beispielsweise 2000 Franken pro Jahr? Dann wäre klar: Dieses Geld steht zur Verfügung, und der Gemeinderat entscheidet anhand vernünftiger Kriterien, welche Projekte etwas erhalten.
Kulturförderung muss zudem nicht immer Geld bedeuten. Ein Verein braucht den Gemeindesaal, ein Chor einen Proberaum, ein Museum Hilfe vom Werkhof. Manchmal hilft schon der Erlass einer Benutzungsgebühr.
Gerade unsere Dorfvereine verdienen dabei Beachtung. Musikvereine, Chöre, Theatergruppen und Museumsvereine sorgen mit unzähligen freiwilligen Arbeitsstunden dafür, dass im Dorf überhaupt kulturelles und gesellschaftliches Leben stattfindet. Auch für ihre Unterstützung wären klare, für alle geltende Regeln sinnvoll.
Und auch ein kleiner Gemeindebeitrag kann einiges auslösen. Kulturprojekte werden oft aus verschiedenen Quellen finanziert: Eigenleistungen, Spenden, Stiftungen, Gemeinden und kantonale Beiträge. Wenn eine Gemeinde 300 oder 500 Franken beisteuert, signalisiert sie anderen Geldgebern: Wir stehen hinter diesem Projekt. Gerade bei Gesuchen an Stiftungen oder andere Förderstellen kann dieses Signal Gewicht haben.
Dafür braucht es kein 50-seitiges Kulturkonzept. Ein paar Seiten würden genügen: Was wollen wir fördern? Nach welchen Kriterien? Welche Rolle spielen Vereine? Welche Infrastruktur stellen wir zur Verfügung? Welcher Betrag steht jährlich bereit?
Ich habe dafür ein einfaches Muster für ein kommunales Kulturleitbild samt Richtlinien entworfen. Interessierten Gemeinden stelle ich es gerne kostenlos zur Verfügung (siehe unten). Kultur findet schliesslich nicht nur in grossen Theatern und Museen statt. Sie findet im Dorfmuseum statt, beim Musikverein, bei einer Lesung, einer Ausstellung oder bei Menschen, die Dorfgeschichte erforschen und bewahren.
Eine Gemeinde darf zu einem Kulturgesuch Nein sagen. Selbstverständlich. Aber bevor sie sagt, wie viel ihr ein Projekt wert ist, sollte sie sich damit beschäftigen, ob es ihr etwas wert ist. «Wir haben kein Geld» beantwortet diese Frage nicht.
Hanspeter Gautschin
Das erwähnte Muster für ein kommunales Kulturleitbild mit Richtlinien zur Kultur- und Vereinsförderung kann kostenlos bei hanspeter@gautschin.com angefordert werden.
Hanspeter Gautschin lebt in Oberdorf und ist seit mehr als 40 Jahren im Kulturbereich tätig. Er arbeitete unter anderem als stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Kulturelles BL und leitete das Haus der Volkskultur in Burgdorf. Heute ist er als Autor und Kulturvermittler tätig.

