«Wir blicken mit Land-Augen auf die Stadt»
17.07.2026 Basel, Bubendorf, BaselAnna Wegelin
Wir treffen Sina Aebischer und Caterina John, beide Jahrgang 2000 und aufgewachsen in Bubendorf, an ihrem Wohnort in Basel.
Sina Aebischer ist freie Kulturjournalistin, studiert Literaturwissenschaft und arbeitet beim Verein Sofalesungen. «Schreiben ...
Anna Wegelin
Wir treffen Sina Aebischer und Caterina John, beide Jahrgang 2000 und aufgewachsen in Bubendorf, an ihrem Wohnort in Basel.
Sina Aebischer ist freie Kulturjournalistin, studiert Literaturwissenschaft und arbeitet beim Verein Sofalesungen. «Schreiben ist eine Kunstform, die mir viel bedeutet und viel in mir auslöst», sagt Aebischer, deren Texte schon in Literaturzeitschriften erschienen sind. Daneben engagiert sie sich als Pilates-Instruktorin im Studio ihrer Mutter in Liestal. Sie hat schöne Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend im Oberbaselbiet. Als Kind war sie im TV Bubendorf aktiv, der für sie ein Stück dörfliche Gemeinschaft ist.
Caterina John arbeitet in der Jugendkulturförderung, studiert Deutsch und Kulturanthropologie und ist in der Literatur- und Spoken-Word-Szene unterwegs. Mit zehn zog sie mit ihrer Familie vom Fricktal nach Bubendorf. «Ich habe immer etwas gesucht, um mich in der Welt zu verorten», erzählt sie. «Mit Worten geht das am besten.» Mit 13 hatte sie im «Dichter:innenund Stadtmuseum Liestal» (Distl) ihren ersten Poetry-Slam-Auftritt. Da ging es um einen Gartenzwerg in Seltisberg.
John und Aebischer kennen sich seit der Sekundarschule in Liestal und sind gute Freundinnen. Zusammen mit Nina Hurni haben sie als «Kollektiv LITER» ein Buch geschrieben. Es heisst «Das Auflösen der Enden» und ist eine kurzweilige Coming-of-Age-Erzählung über das Heranwachsen im Baselbiet.
Inhaltlich befasst sich das Buch mit den Themen Pubertät und Sinnsuche – und mit dem «Zwischendrin von Kindheit, Jugend und Angekommensein». Es geht um die «kontrollierte Unkontrolle» über den eigenen (weiblichen) Körper in einer verlogenen Welt voller Gesundheitswahn und Turbokapitalismus, Lockdown und Trumps Amerika. «Wir wachsen auf mit viel Chaos und einem Ordnungssystem und bringen das beides nicht zusammen», heisst es im Buch.
Spezieller roter Faden
Im Gespräch erklärt Sina Aebischer, das Buch handle vom «Gefühl des Aufwachsens im Dorf und vom Weggehen in die Stadt». Caterina John sagt: «Wir schreiben über das, was wir kennen.
Wir blicken als Jugendliche und junge Erwachsene mit Land-Augen auf die Stadt.»
Drei Figuren – ein Ich, ein Wir und eine Ariane – erkunden das «Agglo»- Gefühl zwischen Land und Stadt in einer Achterbahn der Gefühle und Gedanken. Sie fragen nach Herkunft und Heimat, suchen Zugehörigkeit und «Veränderung, die Regung, das Erwachen, auf das wir so lange gewartet haben». Sie proben den Aufstand und erfinden sich radikal neu. Möglich macht dies der sehr spezielle rote Faden im Buch, nämlich Frittieröl. Das klebrigölige Zeug ist der perfekte Kontrast zum «Bad Bubendorf», einem zentralen Schauplatz im Buch. «Im ‹Bad Bubendorf› wurde der Entscheid gefällt, dass sich Baselland eigenständig machen soll von der Stadt», erklärt John. Die Dynamik zwischen dem «Land-Ding» und der «Stadt, die ihr eigenes Sein hat», sei eine zentrale Metapher im Buch. Entlang der Kantonsstrasse steht jedoch bekanntlich nicht nur das historische Hotel, in dem 1832 der Kanton Basel-Landschaft gegründet wurde «als Revolution und Emanzipation von der grossen Stadt», so der Wortlaut im Roman. Gleich daneben wurde Anfang 2025 auch eine Schnellimbissbude eröffnet, die beim Grand Finale im Buch eine fatale Rolle spielt.
«Während wir das Buch schrieben, wurde direkt neben dem ‹Bad Bubendorf›, an diesem extrem historischen Ort für die Identität im ganzen Baselbiet, einfach so eine beliebige Fast- Food-Kette gebaut», erzählt John. «Das ist abstrus und sehr lustig, wenn man diesen Ort als Kern eines Heimatgefühls betrachtet – Ur-Heimatliches wird mit klebrigem Konsum-Ding verschmiert.» Aebischer ergeht es ähnlich. Für sie ist das «Bad Bubendorf» auch deshalb ein heimeliger Ort, weil man nach der Generalversammlung des Turnvereins dort jeweils zusammen einen «Coup» essen ging.
Bushaltestellen als Identifikation
Heute geht Aebischer an den Wochenenden häufig Abendessen bei ihren Eltern. «Bubendorf ist zwar immer noch ein Dorf», meint sie. «Aber es wird immer weniger ‹dorfig›.» Nichts sei so wie früher, findet auch John zwinkernd.
Beide sind sich einig, dass die Umbenennung von ÖV-Haltestellen zu «Törli» oder das Streichen solcher (zum Beispiel bei der Kaserne in Liestal) Verlustgefühle auslösen können. «Da merke ich, dass ich emotional verbunden bin mit dem Oberbaselbiet und werde ein bisschen nostalgisch», sagt die eine. «Solch scheinbar kleine Veränderungen fühlen sich ein wenig komisch an und stimmen wehmütig», findet die andere.
«Als Jugendliche war Liestal für mich der Ausgeh-Ort», erinnert sich Aebischer: Lädele im «Stedtli» oder abtanzen im «Modus». «Basel hingegen war für mich im Kopf lange Zeit eine Grossstadt mit all den Möglichkeiten, von denen ich keine Vorstellung hatte. Kommst du vom Land, musst du dich zuerst einmal orientieren.»
«Ich wollte schon als Kind möglichst weit weg von dort sein, wo ich gerade war», sagt John. Sie habe es dann doch nicht so weit geschafft, meint sie schmunzelnd. Bubendorf sei der Ort, an dem die Familie zusammenkomme: «Wenn ich im Bus in Richtung ‹Föiflyylebertal› schaue, kann ich abschalten.»
Die Erzählung «Vom Auflösen der Enden» ist in der Buchhandlung Forum in Liestal oder auf www.liter.ch erhältlich.

