Wenn Luftalarm zum Alltag gehört Ukraine
04.06.2026 BaselbietBeobachtungen und Begegnungen in einem Land im Krieg
Seit mehr als vier Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Während an der Front weiterhin gekämpft wird, versuchen Millionen Menschen, ihr Leben unter erschwerten Umständen zu meistern. Acht ...
Beobachtungen und Begegnungen in einem Land im Krieg
Seit mehr als vier Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Während an der Front weiterhin gekämpft wird, versuchen Millionen Menschen, ihr Leben unter erschwerten Umständen zu meistern. Acht Momente aus Tscherkassy und Kiew zeigen, wie das aussieht.
Janis Erne
Die russische Armee lässt Drohnen oder Raketen aufsteigen. Sirenen ertönen. Wir öffnen die Tür eines Kellers und steigen die Treppen hinunter. Unten angekommen, bleiben wir kurz stehen, mustern Raum und Leute – dann bestellen wir eine Pizza.
Wir suchten keinen Schutzraum auf, sondern ein Restaurant. Luftalarm gehört hier zum Alltag, viele Menschen setzen ihre Beschäftigungen trotzdem fort: Gehen einkaufen, zur Arbeit oder zum Friseur. Nur in offiziellen Einrichtungen kommt es bei Alarm zu kurzen Unterbrüchen und die Leute müssen ins Freie gehen – sei es in Spitälern, bei Behörden oder Fussballspielen.
Seit zwei Monaten halte ich mich der Liebe wegen in Tscherkassy auf. Die Stadt liegt ziemlich genau in der Mitte der Ukraine und ist deshalb weniger exponiert als der Osten und Süden des Landes oder die Grossstädte Kiew und Lwiw. Der von Russland begonnene Krieg ist auch hier spürund sichtbar – aber weit weniger als in anderen Regionen. Mein Sicherheitsempfinden ist jedenfalls relativ hoch. Deutlich höher, als ich es vor meiner Abreise aus der Schweiz erwartet hätte.
Gleichwohl war es ein eigenartiges Gefühl, als wir Ende März die ukrainische Grenze überquerten. Ich beobachtete die Wolken, schaute in den Himmel – als könnte er hier anders aussehen, so ganz ohne den Schutzschirm der Nato.
Am Grenzposten wurde unser Kleinbus von Soldatinnen und Soldaten mit Maschinenpistolen empfangen. Freundlich, aber mit ernstem Blick und klaren Anweisungen. Die Koffer wurden durchsucht. Kurze Zeit später konnten wir weiterfahren. Mit an Bord waren neben mir ein Italiener, ein Türke sowie Ukrainerinnen und Ukrainer jeden Alters.
Kurz nachdem wir die Grenzstadt hinter uns gelassen hatten und sich Felder, Wälder und Gewässer auftaten, rief der Fahrer ins Mikrofon: «Welcome to Ukraine!» Die Menschen im Bus applaudierten. Sie freuten sich. Einige waren seit Jahren nicht mehr zu Hause gewesen und hatten ihre Liebsten nicht mehr gesehen.
Je länger die Fahrt dauerte, desto ruhiger wurde ich. Mir wurde bewusst, wie gross dieses Land tatsächlich ist.
Bedrohung von oben
Vögel zwitschern, im Weiher spiegelt sich die Sonne. Paare verpflegen sich an Buvetten, Kinder vergnügen sich bei den Dinosauriern, Familien schlendern durch den Zoo. Im Park können die Menschen für ein paar Stunden die Mühen des Alltags und die Belastung des Krieges vergessen.
Fast zumindest: Wenige Schritte weiter steht nämlich schweres Kriegsgerät. Kinder spielen auf ausgemusterten Panzern, die irgendwo im Gefecht mit den Russen beschädigt wurden. Daneben sind eine Kanone aus dem Zweiten Weltkrieg sowie ein Kampfflugzeug aus Sowjetzeiten aufgestellt. Auf einer Rasenfläche befindet sich ein rotes Herz aus Metall, geschmückt mit gelb-blauen Blumen. Es ist gebrochen, wird aber von Stacheldraht zusammengehalten und durch Panzersperren geschützt.
Alltag und Krieg liegen in Tscherkassy nahe beieinander. Plakate mit Drohnenpiloten folgen auf solche mit einer Zahnärztin, die herzhaft in einen Apfel beisst und für ihre Dienste wirbt. Bilder gefallener Soldaten sind nicht nur auf Friedhöfen, sondern auch an Strassenrändern, in Parks und Behördengebäuden zu sehen. Neben dem McDonald’s blickt den Gästen auf einem 20 Meter grossen Fassadenbild ein Soldat entgegen.
Echte Armeeangehörige sind im Stadtbild präsent, kaufen in Läden ein, fahren mit dem Bus, beten in der Kirche und sitzen im Theater. Im Zentrum tönt Musik aus einem Transporter: Soldaten werben für ihre Einheit und bitten um Spenden. Militärfahrzeuge fahren durch die Strassen, Flugzeuge überfliegen die Stadt.
Die Militärpräsenz wirkt nicht verunsichernd, sondern beruhigend. Nachts schiessen Soldaten auf russische Drohnen, die beim Überflug mit ihren knatternden Motoren an alte «Töfflis» erinnern. Manchmal sind Gewehrschüsse zu hören, manchmal Explosionen. Was genau passiert, lässt sich nicht sagen. Entscheidend ist, dass die Drohnen vom Himmel geholt werden. Meistens gelingt das. Leider jedoch nicht immer: Im April flog eine Kamikazedrohne in Tscherkassy in ein mehrstöckiges Wohnhaus, herabfallende Trümmerteile verletzten einen achtjährigen Knaben, der im Innenhof spielte, tödlich.
Schlaglöcher und GPS
Es fehlen nur noch wenige Meter, der Lieferwagen kommt frontal auf uns zu. Doch Hektik bleibt aus. Wir sind mit einem Linienbus ausserhalb der Stadt unterwegs. Hier fahren die Menschen Slalom. Dabei hüpft das Wechselgeld, das der Busfahrer neben sich in alten Joghurtbechern aufbewahrt, auf und ab.
Der Grund: Ländliche Strassen in der Ukraine sind häufig in einem schlechten Zustand, weisen Schlaglöcher und Unebenheiten auf. Bei Regen bilden sich auf den Strassen kleine Seen, weil die Abflussmöglichkeiten fehlen. Für die rund 30 Kilometer von der Stadt ins Dorf benötigt der Bus mehr als eine Stunde. Die langsame Fahrt hat aber auch ihre Vorteile: So lässt sich die wunderschöne Landschaft umso besser beobachten.
In öffentlichen Verkehrsmitteln lernt man ein Land besonders gut kennen. Der Zustand der Busse zeigt, dass die Infrastruktur innerhalb der Ukraine noch grosse Unterschiede aufweist. Einerseits verkehren ausgemusterte Busse aus Europa, modern und komfortabel. Andererseits fahren noch Fahrzeuge ohne Lüftung und mit quietschenden Bremsen durch die Gegend. Doch so alt manche Busse sind, so modern ist die Vernetzung: Mit einer App lässt sich verfolgen, wo sich der nächste Bus gerade befindet. Zumindest dann, wenn wegen Luftalarm das GPS-System nicht abgeschaltet wird.
An sozialistische Zeiten erinnert hingegen die Preisgestaltung. Während in der Schweiz bei ÖV-Tickets auf die Kommastelle genau gerechnet wird, kostet in Tscherkassy jede Busfahrt 35 Rappen – unabhängig davon, ob man nur eine Station oder quer durch die ganze Stadt fährt.
Gastfreundschaft am Tisch
«Hering im Pelzmantel», «Schuba» genannt, hat es mir besonders angetan. Dieser Schichtsalat besteht aus Hering, Zwiebeln, Kartoffeln, Karotten und Randen, verbunden mit Mayonnaise. Ich würde ihn gerne jede Woche essen, doch – so sagt man mir – er ist ein Wintergericht.
Schade, aber es gibt keinen Grund, hungrig zu sein. Die Grossmutter tischt zunächst geschmortes Schweinefleisch (Zharkoe) auf, danach Hackfleischbällchen (Kotlety), Kartoffelpüree, eingelegte Peperoni aus dem eigenen Garten und zum Schluss Teigtaschen mit süsser Quarkfüllung (Warenyky). Dazu gibt es Tee, wie so häufig hier.
Brot isst man fast zu jedem Gericht – aber kaum zum Frühstück. Dann stehen verschiedene Breie auf dem Speisezettel: Buchweizen, Hirse, Polenta, Gerste, Bulgur. Das in Europa bekannteste Gericht aus der Ukraine ist aber wohl Borschtsch. Die rötliche Suppe besteht aus Fleisch, Randen, Zwiebeln, Kartoffeln, Bohnen, Tomaten, Karotten und Weisskohl. Dazu werden Speck und Knoblauchbrot (Pampuschki) gegessen – und natürlich Sauerrahm (Smetana).
Das Essen wirkt auch deshalb so authentisch, weil die Ukraine nahezu alle Lebensmittel selber produziert. Kilometerlange Ackerfelder wechseln sich mit Dörfern ab, in denen jedes Haus einen grossen Garten hat. Die Menschen hier sind stolz auf ihre Produkte; nicht umsonst gelten die Sonnenblume und der Weizen als Nationalsymbole. Auch in Filmen und Serien dreht sich vieles um das Essen – etwa wenn sich halbe Dörfer an langen Tafeln versammeln.
Hoffnung auf der Leinwand
Anna führt uns in den kleinen Innenhof der Technologischen Universität. Magnolien blühen in hellem Pink. Sie zeigt auf einen Baum und das Nest einer Ente. Sie habe sich vor einiger Zeit hier eingenistet, erzählt die Empfangsmitarbeiterin und lächelt.
Die Gänge sind leer, es ist Samstag. Im Eingangsbereich sind Bilder von Studentinnen und Studenten aufgestellt. Mit Kunst wird der Krieg verarbeitet. Viele hier haben Familienmitglieder und Freunde, die kämpfen oder gefallen sind. Mehrere Studenten sind freiwillig zur Armee gegangen, obwohl sie das zu Beginn des Krieges nicht mussten. Sie gaben ihr Studentenleben auf, um Land und Leute zu verteidigen. Jene, die geblieben sind, kämpfen mit erschwerten Studienbedingungen: Onlineunterricht, Luftalarm, fehlende Professoren und Lernunterbrechungen.
Auf einem Gemälde ist eine brennende Stadt zu sehen, andere sind hoffnungsvoller: «Ukraine for peace
– after the victory». Friedenstauben mit umgehängten Gewehren, aufsteigende Kampfjets, gelbe Herzen und Reminiszenzen an die Kosaken zieren die Bilder.
Einen Teil ihrer Widerstandskraft, so scheint es mir, schöpfen viele Ukrainerinnen und Ukrainer aus der Geschichte ihres Landes. Schon im 16. Jahrhundert zog ein Geist der Freiheit und Wehrhaftigkeit über das Land: Kosaken (Bauern und Reiter, die sich zusammenschlossen) wehrten sich gegen Überfälle asiatischer Nomaden. Kosaken mit langen Mänteln und schmalen Schnurrbärten sind heute auf Bildern und in Werbungen zu sehen. Auch traditionelle Trachten sind nach wie vor äusserst beliebt: Ihnen ist sogar ein Tag gewidmet.
Schweizer Spuren
Wir schlendern durch ein Einkaufsgeschäft, vorbei an Gemüse, Früchten, Getreide und den für die Ukraine typischen langen Theken mit frisch zubereiteten Speisen. Pürierter Randensalat, getrocknete Fische und Fleischbällchen lachen uns an. Dann fällt mein Blick auf die Käseauslage – und zu meiner Verwunderung steht dort ganz unscheinbar ein «Drüllichees». So nenne ich auf Schweizerdeutsch den Tête de Moine, den Käse aus dem Jura, der mit dem charakteristischen drehbaren Käsehobel geschnitten wird.
Es war nicht der einzige Moment, in dem ich der Schweiz unerwartet begegnete. So auch an der Technologischen Universität von Tscherkassy: Als wir durch die Gänge der Sprachfakultät liefen, stiess ich plötzlich auf Liestal. An der Wand hing eine Karte mit allen Kantonshauptorten. Offenbar lernen die ukrainischen Germanistikstudentinnen alle Städte von A wie Aarau bis Z wie Zug.
Fast schon skurril war ein kurzer Moment in einem Behördengebäude: Während wir auf einen neuen Ausweis warteten und wegen der nicht enden wollenden Verspätung langsam die Nerven verloren, trat ein Mann mit einem T-Shirt herein, das Schweizer Fussballschiedsrichter Anfang der 2000er-Jahre trugen. Warum er dieses Shirt hatte? Keine Ahnung. Ich war zu verdutzt, um zu fragen.
Allgegenwärtig sind in Tscherkassy dagegen Geschäfte mit Rieker-Schuhen (die Firma hat ihren Hauptsitz im Kanton Schaffhausen) und natürlich Schweizer Uhren und Schokolade. Zusammen mit Gold und Banken sind dies Stichworte, die Ukrainern spontan einfallen, wenn sie erfahren, dass ich aus der Schweiz komme. Einige wissen mehr über unser Land, weil sie dort Angehörige haben – oder auf «Youtube» einen der zahlreichen Kanäle von Ukrainerinnen schauen, die nach Europa geflüchtet sind.
Feiertag mit der Polizei
Polizisten stehen vor der Kirche. Die Leute sind erstaunt, das habe es an Ostern so noch nie gegeben. Die Regierung entschied sich zu dieser Massnahme, weil sie russische Provokationen oder Attentate befürchtete. Denn der Kreml setzt nicht nur auf Luftangriffe gegen die Zivilbevölkerung, sondern rekrutiert auch Menschen für Anschläge am Boden.
Die Besucher reihen sich auf. Der Priester besprüht sie mit Wasser – und zwar nicht zu knapp, das Gesicht ist danach komplett nass. Er lächelt, die Leute lächeln zurück. An den Polizisten vorbei geht es in die Kirche. Sie ist farbig und goldverziert, ein typisches orthodoxes Gotteshaus. Kurz wird innegehalten, man bekreuzigt sich und huldigt den Heiligen.
Auf dem Rückweg sprechen wir mit Bekannten: Grossvater, Mutter und Tochter. Der Vater ist an der Front. Sie erzählen uns von einem Mann aus ihrem Block, der sich seit Kriegsbeginn in seiner Wohnung verstecke und sich so der Einberufung durch das Militär entziehe. Andere Männer würden sich im Garten oder im Dorf nur in Frauenkleidung zeigen, wird mir erzählt.
Wir setzen uns an den Küchentisch. Süsser Wein wird aufgetischt, dazu gekochte Eier und eine Art Panettone. Die Speisen wurden zuvor vom Priester (wie unsere Gesichter) mit reichlich heiligem Wasser besprüht. Zum orthodoxen Osterfest gab es eine kurze Waffenruhe, doch schon am nächsten Tag folgten erneut schwere russische Luftangriffe.
Goldene Kuppeln
Behördengänge sind angesagt. Bei der Schweizer Botschaft angekommen, staunen wir: Ihre Lage ist kaum zu übertreffen. Eingebettet zwischen Bäumen und anderen herrschaftlichen Häusern, vergisst man beinahe, dass man sich mitten in Kiew befindet. So idyllisch ist es hier.
Auf dem gegenüberliegenden Hügel befindet sich eines der Wahrzeichen der Stadt: «Mutter Heimat». Die 62 Meter hohe Statue blickt über den Dnipro auf das Kiewer Ufer, an dem vorwiegend Wohnhäuser stehen.
Wir befinden uns auf der Seite mit dem historischen Zentrum, dem Parlament und dem Maidan. Von der Mutter-Heimat-Anhöhe laufen wir zurück Richtung Stadt, vorbei an Museen, Monumenten und alten Panzern, Atomwaffensprengköpfen und Flugzeugen aus der Sowjetzeit.
Schliesslich führt uns dieses wunderschöne Plateau, hoch über dem Dnipro, zum Kiewer Höhlenkloster. Dabei handelt es sich um die bekanntesten Kirchen des Landes und den Ursprung der ostslawischen Orthodoxie. Ihr Anblick mit den goldenen Kuppeln, den grünen Dächern und den weissen Mauern ist eindrucksvoll. Doch unser Stadtbesuch endet abrupt: Wir müssen den Bus erreichen, der Taxifahrer gibt alles, es reicht knapp.
Auf der Heimreise fahren wir an Wohnhäusern vorbei, in die Drohnen eingeschlagen sind. Ebenso an einem Bürokomplex mit Samsung-Beschriftung: Eine Ecke des Gebäudes wurde zu Beginn des Krieges von einer Rakete weggerissen. Unser Tag war ruhig, doch über Nacht wollen wir nicht bleiben. Dann ist es in der Hauptstadt zu gefährlich.
Auf dem Rückweg nach Tscherkassy gibt es mehrere Kontrollen durch das Militär. Sie suchen nach Ukrainern im wehrpflichtigen Alter, die sich dem Dienst entziehen. Uns lassen sie nach einem Blick auf die Schweizer ID passieren. Obwohl ich Ausländer bin und nichts zu «befürchten» habe, war es ein mulmiges Gefühl, so kontrolliert zu werden.
Und nicht nur diese kurze Szene, sondern auch viele andere Beobachtungen und Begegnungen machten mir deutlich: Wer die Ukraine in diesen Zeiten besucht, begegnet einem Land im Ausnahmezustand, aber auch Menschen, die sich ihren Alltag bewahren wollen.








