Wenn die Sonne untergegangen ist
05.02.2026 KulturDas neue Heimatbuch 35: «Nacht»
Mit seiner 35. Ausgabe bringt das Baselbieter Heimatbuch Licht in das vielfältige Geschehen in Baselbieter Nächten. Der Ansatz ist überaus reizvoll, das Ergebnis sehr breit gefächert. Eine Buchbesprechung.
...Das neue Heimatbuch 35: «Nacht»
Mit seiner 35. Ausgabe bringt das Baselbieter Heimatbuch Licht in das vielfältige Geschehen in Baselbieter Nächten. Der Ansatz ist überaus reizvoll, das Ergebnis sehr breit gefächert. Eine Buchbesprechung.
Martin Stohler
Es mag ja sein, dass die Baselbieterinnen und Baselbieter früher mit den Hühnern ins Bett gingen. Heute ist das kaum mehr der Fall, wie ein Blick in das kürzlich erschienene Baselbieter Heimatbuch 35 zum Thema «Nacht» zeigt. Die Lektüre macht klar: Im Baselbiet wird nachts nicht nur geschlafen, sondern oft intensiv gearbeitet und gefeiert.
Nachtarbeit ist ein fester Teil unserer Arbeitswelt geworden. Mit ihr befassen sich zwei der 15 Beiträge des schön bebilderten Buchs. Alt Landrat Linard Candreia begibt sich auf einen nächtlichen Baustellenbesuch beim Bahn-Doppelspurausbau «Chessiloch» – Duggingen. Und Elmar Gächter, freier Mitarbeiter der «Volksstimme», begleitet Arbeiter des Technischen Dienstes der Nationalstrassen Nordwestschweiz (NSNW) während einer Nachtschicht. Für die meisten der rund 200 Angestellten des NSNW gehören Schichtarbeit, Nachtdienst und Pikettdienst zum Berufsalltag. Um die 300 Stunden Nachtarbeit leisten alle Mitarbeitenden in den verschiedenen Gruppen pro Jahr, unter anderem auch im Winterdienst.
Neben der Arbeit kommen im Baselbieter Heimatbuch auch die Kultur und der «Ausgang» nicht zu kurz. Michèle Degen nimmt uns in ihrem Beitrag mit auf einen Streifzug durch die immer beliebter werdenden Kulturnächte. Das Angebot erstreckt sich von den Liestaler «Lichtblicken» über die Sissacher «Kultournacht» und die «Industrienacht Regio Liestal» zur «Spiel-Nacht» im Prattler Kultur- und Sportzentrum.
Einen weiteren Aspekt des nächtlichen Treibens im Baselbiet beschreibt der Sissacher Heiner Oberer in seinem Bericht über Lichtund Lärmbräuche. Dazu gehören neben den Ziefner «Nünichlinglern», dem Sissacher «Chluuri» und dem Liestaler «Chienbäse» auch die «Hutzgüri» von Sissach und Rothenfluh.
Nachtschwärmer
Neueren Datums sind die Nachtschwärmer und Partygänger, die zur späten Stunde mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sind. Mehr über die Nachttram- und Nachtbuslinien, die sie nutzen können, erfahren wir in der Untersuchung, die Jonathan Noack ihnen gewidmet hat. Das Nachtangebot des öffentlichen Verkehrs gibt es ab dem Fahrplanwechsel des Jahres 2008. Damals wurde das TNW-Nachtnetz «Nachtfalter» lanciert.
Über die Jahre hat sich das Netz des Nacht-ÖVs weiterentwickelt. Bis zum Jahr 2023 bestand es aus Linien, die jeweils mit dem Buchstaben N gezeichnet waren. Viele von ihnen starteten am Knotenpunkt Barfüsserplatz beziehungsweise Theater Basel. Die Linienführung der Busse wich dabei zum Teil von jener ab, die für den Betrieb während des Tages galt. Im Jahr 2023 entschied man sich dafür, dies zu ändern. In den Nächten von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag verkehren Trams und Busse mit einer erweiterten Betriebszeit im Stundentakt oder teilweise im Halbstundentakt mit derselben Linienführung wie während des Tages. Die Umstellung erfolgte, weil das System mit abweichenden Linienführungen für Gelegenheits-Fahrgäste verwirrend war.
Nicht nur Menschen entwickeln nächtliche Aktivitäten. Auch nachtaktive Tiere sind im Baselbiet heimisch. Zu ihnen gehören die mehr als 20 Fledermausarten, mit denen uns Céline Martinez-Ernst im Buch bekannt macht.
Dass die Nacht auch nicht mehr ist, was sie einmal war, sondern zivilisationsbedingten Einflüssen ausgesetzt ist, geht unter anderem aus Beiträgen über nächtlichen Fluglärm und «Lichtverschmutzung» hervor.
Nahe an der Gegenwart
Die meisten Texte, die in Band 35 gesammelt sind, behandeln aktuelle Themen. Historisches nimmt einen eher kleinen Platz ein. Immerhin erinnert etwa Cathy Flaviano an die historische Brandnacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1986, als in einer Lagerhalle des Chemieunternehmens Sandoz ein Feuer ausbrach. Beim Grossbrand, der daraus entstand, wurden hochgiftige Chemikalien freigesetzt. Cathy Flaviano war damals als junge Reporterin für Radio Basilisk vor Ort und schildert, wie sie die Ereignisse jener Nacht erlebt hat. Ihr kurzer Bericht ist eindrücklich. Es ist aber schade, dass ihren Erinnerungen nicht auch ein Text zur Seite gestellt wurde, der aufzeigt, was durch diese Katastrophe in der Region in Gang gesetzt wurde und wo wir heute stehen.
Eine Kategorie für sich sind die kurzen Baselbieter Sagen, die zwischen die einzelnen Texte eingestreut sind. Man liest sie gerne, und die eine oder andere Sage ruft uns nicht nur frühere Zeiten in Erinnerung, sondern lässt ahnen, dass im Dunkel der Nacht auch andere Gesetze herrschen könnten als bei strahlendem Tageslicht.
In den Anfangszeiten des Baselbieter Heimatbuchs – Band 1 erschien 1942 – wurden darin auch literarische Texte abgedruckt. Diese Praxis kam im Lauf der Zeit zum Erliegen. Es ist schön, dass mit dem Beitrag von Thomas Schweizer «Nachts, wenn vom Kirchturm die Glocke droht» für einmal wieder ein literarischer Text im Baselbieter Heimatbuch Platz gefunden hat.
Nacht. Baselbieter Heimatbuch 35, Verlag Baselland 2025, 210 Seiten, zahlreiche Fotos.
Baselbieter Chronik mit ungewisser Zukunft
sto. Bis und mit Band 31 war die Chronik ein fester Bestandteil des Baselbieter Heimatbuchs. Sie deckte jeweils die zwei vorhergehenden Jahre ab. Neben einer informativen Zusammenstellung von Baselland betreffenden Ereignissen und Fakten gehörte zum Chronik-Teil zusätzlich ein Blick auf die Legislatur sowie auf die Geschäfte des Regierungsund des Landrats, auf Wahlen und Abstimmungen. Hinzu kamen eine Liste von Jubilarinnen und Jubilaren, eine Totentafel, eine Aufzählung von Preisen und Ehrungen sowie Nachrichten aus der Sportwelt. Damit waren das Baselbieter Heimatbuch und dessen Chronik auch ein wichtiger Teil des Gedächtnisses von Baselland. Dies erst recht, nachdem die Chronik im Internet einsehbar wurde.
Ab Band 32, der den Titel «Export» trägt, wurde die Chronik zu einem dem Baselbieter Heimatbuch beigelegten Heft. In ebendieser Form erschien sie ein letztes Mal auf Papier als Beilage des Bandes 33 «Frauenbiet».
Zusammengestellt wurde die Chronik jeweils von einem Chronisten. Eine Ausnahme stellte Band 21 aus dem Jahr 1997 dar. Hier war mit Nicole Thommen-Gebauer eine Chronistin am Werk. Als vorläufig letzter Chronist amtete Beat Meyer von 2014 bis 2023.
Online war die Chronik vollständig auf der Website des Kantons abrufbar, bis diese im Herbst 23 neu gestaltet wurde. Damals verschwand die Baselbieter Chronik aus dem Internet, da sie sich in der neuen Umgebung nicht sinnvoll abbilden liess. Im vergangenen Herbst gelang es nun, die Datensätze der Chronik in einer möglichst strukturierten Form zu sichern. Wie von Valentin Chiquet, dem stellvertretenden Staatsarchivar, auf Nachfrage zu erfahren war, werden die Daten zurzeit aufbereitet. Valentin Chiquet hofft, dass diese Arbeiten im ersten Halbjahr 2026 abgeschlossen sein werden und anschliessend die Neupublikation auf der Online-Plattform des Staatsarchivs in Angriff genommen werden kann.
Die Frage der Weiterführung der Chronik ist nach wie vor offen. Es bleibe abzuklären, sagt Valentin Chiquet, wie und in welchem institutionellen Rahmen die Chronik allenfalls weitergeführt werden könne, um zeitgemässen Ansprüchen an Qualität, Nachvollziehbarkeit und Publikationsform zu entsprechen.



