Wenn «Bätziwasser» zum Streitwert wird
12.06.2026 NiederdorfAlfredo Kurmann war 28 Jahre lang Friedensrichter
Es landeten die skurrilsten Fälle an Alfredo Kurmanns Verhandlungstisch. Auch solche, die den langjährigen Friedensrichter stark berührt haben. Ein Blick auf seine Amtszeit.
Elmar Gächter
...Alfredo Kurmann war 28 Jahre lang Friedensrichter
Es landeten die skurrilsten Fälle an Alfredo Kurmanns Verhandlungstisch. Auch solche, die den langjährigen Friedensrichter stark berührt haben. Ein Blick auf seine Amtszeit.
Elmar Gächter
«Zuerst schlichten, dann richten.» Dieses Prinzip stand auch für Alfredo Kurmann ganz oben, als er 1998 zum Friedensrichter gewählt wurde. Doch das war nicht sein einziges Anliegen. «Vermitteln und Menschen helfen, die im Leben nicht immer den Rank finden, zählten schon immer zu meinen innigsten Triebfedern», sagt der Niederdörfer, der Ende März nach 28 Jahren altersbedingt seine weitgehend ehrenamtliche Tätigkeit abgegeben hat.
Sein Wirkungskreis erstreckte sich zunächst auf Niederdorf, Oberdorf, Bennwil und Lampenberg und ab 2010 auf alle 18 Gemeinden im Bezirk Waldenburg. Über die Jahre hinweg hat er rund 550 Schlichtungsverhandlungen geführt und dabei die unterschiedlichsten Streitfälle erlebt sowie die ganze Breite menschlicher Charaktere kennengelernt. «Man kann diese Tätigkeit nur ausüben, wenn man Menschen mag», sagt er zu den Herausforderungen des Amts.
Bis vor 15 Jahren landeten auch Klagen über üble Nachrede oder Verleumdungen auf dem Tisch des Friedensrichters. Heute gilt es vor allem, bei finanziellen Streitigkeiten den Rechtsfrieden wiederherzustellen, eine aussergerichtliche Einigung zu finden und langwierige Gerichtsverfahren zu vermeiden. Das Forderungsspektrum reicht von kleinen Beträgen bis zu namhaften Summen. Kurmann erwähnt mit Schmunzeln jenen Fall, bei dem zwei Parteien mündlich ein Pachtverhältnis für eine Entschädigung von vier Flaschen Schnaps vereinbart hatten, ohne jedoch den konkreten Inhalt zu benennen.
Statt «Chriesiwasser», wie es der Verpächter erwartete, wollte ihn der Pächter mit einem billigeren «Bätziwasser» abspeisen. Das Gespräch endete in einem typisch schweizerischen Kompromiss: Der Kläger gab sich mit je zwei Flaschen beider Sorten zufrieden.
Nicht immer eine Lösung
Ein ganz anderes Kaliber war jener Streitwert in Millionenhöhe, den ein Autor klagte, weil er seiner Ansicht nach zu wenig an den Erträgen seiner Bücher beteiligt worden war. «Da fuhren doch wirklich grosse schwarze Limousinen mit Chauffeuren bei der Gemeindeverwaltung vor, aus denen vier sehr gut gekleidete Männer ausstiegen. Diese Verhandlung hat mich stark beeindruckt, weil beidseits echte Monsieurs mit Niveau anwesend waren, die respektvoll und ehrlich miteinander umgegangen sind, auch wenn keine Lösung gefunden werden konnte.»
Nicht immer verlief alles ruhig; es wurde auch auf den Tisch gehauen, geflucht und auf eine Entscheidung gedrängt. Tätlich angegriffen wurde Kurmann aber nie. Etwas «gschmuech» war ihm allerdings, als er zwei Kläger einer Umzugsfirma – richtige Brocken, wie es Kurmann ausdrückt – aus dem Lieferwagen aussteigen sah. «Ich habe die Tischordnung vorsichtshalber geändert und mich an die Türe platziert, falls die Parteien aufeinander losgehen sollten. Zum Glück kam es nicht dazu.»
Generell gelte es bei Verhandlungen, gut zuzuhören, neutral zu bleiben und eine Lösung zu finden, bei der alle gleich zufrieden oder unzufrieden seien. Wichtig sei auch, sich abgrenzen zu können, vor allem in einem Tätigkeitsgebiet, wo man viele Leute persönlich kenne und mit ihnen per Du sei. «Dies war jedoch nie ein Problem», sagt Kurmann. Insbesondere Zwistigkeiten in Familien, meist gepaart mit Sturheit, hätten ihn jedoch im Innersten berührt und ihm zu denken gegeben. «Da hat mir meine Ausbildung als Mediator sicher geholfen.»
Vor allem älteren einsamen Menschen gehe es auch darum, sich persönlich austauschen zu können. «Hier sah ich meine Aufgabe primär darin, mit ihnen ein Gespräch zu führen und sie zu beraten, bevor es zu einem eigentlichen offiziellen Streitfall kam, auch wenn ich dafür nicht entschädigt wurde.» Er stellt fest, dass viele Leute in finanziellen Dingen naiv sind und die Dienste des Friedensrichters vor allem dann in Anspruch nehmen, wenn Betreibungsbegehren sie dazu zwingen. Vermehrt seien auch jüngere Personen betroffen, die Online-Käufe tätigten, ohne sie zu bezahlen. Die Fallzahlen seien in den vergangenen Jahren gesunken. Heute gehe man weniger selbst zum Friedensrichter, sondern beauftrage stattdessen einen Anwalt, auch wenn dies wesentlich teurer werden könne.
Stellenwert hat sich verändert
Alfredo Kurmann ist kein Jurist; er sieht darin jedoch keinen Nachteil. «Ich denke, es wird geschätzt, wenn man als Friedensrichter die gleiche ‹Sprache› spricht wie die Beteiligten und auf Augenhöhe agiert.» Besonders interessierten ihn als Bauernsohn landwirtschaftliche Streitfälle und er ist überzeugt, dass es ein Vorteil ist, auf eine grosse Lebenserfahrung zurückgreifen zu können. Der Stellenwert des Friedensrichters habe sich in den vergangenen Jahren verändert. «Die gesellschaftliche Bedeutung ist wie bei anderen Amtsträgern gesunken. Aus meiner Sicht braucht es dieses Amt jedoch weiterhin, vielleicht entschlackt, sodass schwerere Fälle anderen Instanzen zugewiesen werden.»
Er blickt gerne auf die 28 Jahre als Friedensrichter zurück. «Ich war weitgehend selbstständig und konnte mich in Zweifelsfällen stets auf die Unterstützung des Obergerichts verlassen. Stolz macht es mich, dass es mir gelungen ist, bei rund einem Fünftel der mir zugewiesenen Fälle einen beidseitig anerkannten Kompromiss zu finden. Und wo dies nicht möglich war, konnte ich immerhin dem Anliegen als Friedensrichter Ausdruck verleihen. Dies hat mich sehr zufrieden gemacht.»

