Wende in der Energiewende
25.09.2026 Bezirk LiestalIm Winter rücken Reservekraftwerke in den Fokus
Der Bedarf an Strom im Winter wächst: Beim jüngsten EBL-Powertalk in Liestal diskutierten Fachleute, wie sich die Versorgung sichern lässt – und welche Rolle Reservekraftwerke dabei spielen könnten.
...Im Winter rücken Reservekraftwerke in den Fokus
Der Bedarf an Strom im Winter wächst: Beim jüngsten EBL-Powertalk in Liestal diskutierten Fachleute, wie sich die Versorgung sichern lässt – und welche Rolle Reservekraftwerke dabei spielen könnten.
Jo Krebs
Im Vorfeld des EBL-«Power Talks» zum Thema «Wind oder Gas» diskutierten Fachleute des Bundesamts für Energie (BFE), des Kantons Baselland, der Axpo und des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) mit Medienschaffenden. Ihr Fazit: Der einstigen Atomausstieg-Euphorie ist Pragmatismus gewichen.
Als das Schweizer Stimmvolk 2017 der «Energiestrategie 2050» zustimmte, schien der Weg klar: schrittweise aus der Kernenergie aussteigen und die Erneuerbaren stark ausbauen. Neun Jahre später steht in der nationalen Politik vor allem die Frage im Zentrum, wie sich ein Lichterlöschen im Winter verhindern lässt. Wegen der zunehmenden Elektrifizierung und des steigenden Strombedarfs sind zusätzliche Produktionskapazitäten zwingend nötig.
Photovoltaik liefert im Sommer zwar Strom im Überfluss, lässt die Schweiz in den kalten Monaten jedoch im Stich. Um diese Winterstromlücke abzufedern, greift der Bund zu Massnahmen, die vor wenigen Jahren noch nicht auf dem Plan standen. Mit dem 2024 angenommenen Mantelerlass wurde die Versorgungssicherheit deutlich priorisiert. Parallel erlebt die Kernkraft ein Comeback. Heute wird auf Bundesebene darüber debattiert, die Laufzeiten für die Werke Leibstadt und Gösgen auf bis zu 80 Jahre zu verlängern, denn der Zubau der Erneuerbaren schreitet schlicht zu langsam voran.
Kantonaler Wind-Stillstand
Dieser bundespolitische Kurswechsel schlägt direkt auf das Baselbiet durch, wie die EBL-Runde zeigte. Um die Winterstromlücke zu schliessen, wäre Windkraft ideal: Moderne Anlagen produzieren rund zwei Drittel ihres Stroms im Winter. Doch die kantonale Bilanz ist ernüchternd. Obwohl das Baselbiet früh mit der Richtplanung begann und Eignungsgebiete identifizierte, steht bis heute kein einziges modernes Grosswindrad.
Die Realisierung solcher Projekte dauert im Baselbiet wie schweizweit oft weit mehr als zehn Jahre, vor allem wegen lokalen Widerstands. Während die Bevölkerung national meist Ja zur Energiewende sagt, formiert sich vor Ort rasch Opposition gegen Windprojekte. Landschaftsschutz, Lärmsorgen und Schattenwurf wiegen für betroffene Anwohner fast immer schwerer als die nicht greifbare nationale Versorgungssicherheit.
Weil der Ausbau der heimischen, dezentralen Winterstromproduktion derart blockiert ist, rückt Gas in den Fokus. Auch beim EBL-Talk wurde darüber kontrovers diskutiert. Dabei geht es primär um Notfallkraftwerke, die bei extremen Strommangellagen im Winter kurzfristig einspringen. Doch auch Gaskraftwerke im normalen Betrieb wären als Teil des künftigen Energiemix eine Option. Die Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besteht darin, Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaziele miteinander zu vereinen.
Ein Beispiel ist das bewilligte Axpo-Reservekraftwerk im Auhafen Muttenz. Es ist das grösste der fünf in der Schweiz geplanten Reservekraftwerke, die ab Winter 2030/31 im Ernstfall einspringen sollen. Mit 291 Megawatt Leistung könnte die Anlage den Bedarf von rund 600 000 Haushalten decken. Die Axpo betont, das Kraftwerk klimaneutral mit Biodiesel (HVO) oder künftig synthetischem «eMethanol» betreiben zu wollen. Doch die oft als Alternative propagierte Lösung «Biogas» ist äusserst komplex: Importiertes Biogas aus dem europäischen Ausland wird in der Schweizer Klimabilanz häufig nicht voll angerechnet, was immense bürokratische Hürden bei den CO2-Zertifikaten schafft.
Energie-Dilemma
Das Baselbiet veranschaulicht dieses Spannungsfeld beispielhaft. Verzögert sich der Ausbau der erneuerbaren, lokalen Infrastruktur wie der Windenergie weiter, rücken alternative Massnahmen zur Sicherung der Stromversorgung in den Vordergrund.
Um die drohende Winterstromlücke zu schliessen, ist der Bund in der Konsequenz darauf angewiesen, auf andere Lösungen zurückzugreifen – dazu gehören die geplanten Reserve-Gaskraftwerke wie jenes im Auhafen sowie eine mögliche Laufzeitverlängerung der bestehenden Kernkraftwerke.

