Weltreisende mit Koffer voller Geschichten
06.02.2026 WaldenburgMargrit Gysin ist die Grande Dame des Schweizer Figurenspiels
Margrit Gysin hat das Schweizer Figurentheater geprägt wie kaum eine andere. Hinter ihrem Erfolg stecken Poesie, Rebellion und eine unerschütterlichen Liebe zum Leben.
Melanie Frei
...Margrit Gysin ist die Grande Dame des Schweizer Figurenspiels
Margrit Gysin hat das Schweizer Figurentheater geprägt wie kaum eine andere. Hinter ihrem Erfolg stecken Poesie, Rebellion und eine unerschütterlichen Liebe zum Leben.
Melanie Frei
Warm ist es in der Stube in Liestal. Die zusammengewürfelten Sofas und Sessel verbreiten ein heimeliges Gefühl. Margrit Gysin empfängt mit offenen Armen, die Augen leuchten, wenn sie zu erzählen beginnt. Manchmal schliesst sie die Augen, um sich besser an die vielen Geschichten ihres Lebens zu erinnern. «Ich habe wahrscheinlich schon alle Länder gesehen», sagt sie und lacht. Es ist diese Mischung aus Bescheidenheit und Weltoffenheit, die einen sofort in ihren Bann zieht. Man geht glücklich aus diesem Haus.
Margrit Gysin ist 77 Jahre alt, doch man bemerkt ihr Alter nur dann, wenn sie von den zahllosen Reisen erzählt, die hinter ihr liegen. Seit fast 50 Jahren ist sie als Figurentheaterspielerin unterwegs – von Indien über Afghanistan bis nach Tansania, von den Ostblockländern bis nach Lateinamerika. Mit ihrem Koffer voller selbstgebauter Puppen, Naturmaterialien und Geschichten hat sie Kindern und Erwachsenen rund um den Globus Hoffnung und Trost geschenkt.
Dabei begann alles ganz zaghaft. «Als ich als junges Mädchen in den frühen Zwanzigern mit dem Figurentheater anfing, war ich noch nicht so selbstbewusst», erinnert sich Gysin. Es war ihre Chefin, die sie dazu drängte, ihre Theaterstücke auch ausserhalb der Schule, wo sie als Heilpädagogin tätig war, zu zeigen. Sie gab der jungen Margrit sogar einen Tag pro Woche frei dafür.
Die Anfänge waren hart. Gysin musste für ihre Bezahlung kämpfen. Wenn sie für einen Auftritt 500 Franken verlangte, zahlten ihr manche Veranstalter weniger – mit der Ausrede, sie hätten zu wenig eingenommen. «Vielleicht war es, weil ich eine junge Frau war und sie dachten, ich verstehe so was nicht», spekuliert sie. Doch die junge Margrit liess sich nie unterkriegen. Das hatte ihr schon ihre Mutter beigebracht: «Lern einen Beruf, der dich stabil im Leben auf zwei Beinen hält. Du musst alleine klarkommen.»
Mit 19 Jahren hatte sie ihr Elternhaus in Waldenburg verlassen und war nach Frankreich gezogen, um an der renommierten Theaterschule Jacques Lecoq in Paris zu studieren. Zurück in der Schweiz, liess sie sich zur Kindergärtnerin und Heilpädagogin ausbilden – ein sicheres Einkommen, wie die Mutter es empfohlen hatte. Doch die Leidenschaft fürs Theater war stärker. Im Jahr 1976 gründete sie zusammen mit Michael Huber das Puppentheater «Fahrendi Bühni», das später zum Figurentheater Margrit Gysin wurde.
Je einfacher, desto besser
Ihre Karriere nahm einen ungewöhnlichen Weg. Gysin suchte nie aktiv nach Aufträgen. Die seien von alleine gekommen, sagt sie. An Festivals lernte sie andere Puppenspielerinnen und -spieler kennen, die sie in ihre Länder einluden. So kam sie in die damaligen Ostblockländer – Rumänien und Polen, wo Figurentheater kulturell tief verankert war. Auch die DDR besuchte sie häufiger.
Auf ihren Reisen lernte Gysin eine wichtige Lektion: «Je einfacher dein Theater, desto besser kommt es an.» Im afrikanischen Tansania hatte sie zum Beispiel als Requisite einen Scheinwerfer eingepackt. «Kannst dir ja vorstellen, dass es dort keinen Strom gab. Und als ich endlich eine Steckdose fand, hatte sie keinen Strom», erzählt sie und lacht herzlich. In Bolivien empfahl ihr ein Kulturschaffender, «El zorro y el perro» zu spielen – der Fuchs und der Hund. Eine bekannte Fabel. Es stellte sich dann heraus, dass gefühlt niemand in Bolivien diese Geschichte kannte …
Doch gerade diese Unwägbarkeiten machten ihre Kunst aus. Margrit Gysin erzählt im Kleinen das Grosse. Alles hat Platz in einem Koffer: kleine Figuren aus Naturmaterialien, ein Faltenwurf, der zum Gebirge wird, ein Stück Moos, das zum dunklen Wald wird. Sie kreiert Puppen, Bühnenbild, Musik, Geräusche, Licht und Sprache selbst und erweckt alles zum Leben.
Ihre liebste Reise führte sie ins Himalaya-Gebirge. Auf 3000 Meter Höhe wandern, im Zelt schlafen – «heute könnte ich das nicht mehr», sagt sie. Aber die Erinnerungen bleiben. Abenteuerlustig ist Margrit Gysin aber immer noch. So geht sie seit 16 Jahren regelmässig im Rhein baden. Auch jetzt – bei vier Grad. «Das bringt die Lebensgeister richtig in Schwung», sagt sie.
Was Margrit Gysin auf ihren Reisen immer faszinierte, war die Hoffnung, die trotz unerträglicher Umstände in den Menschen brannte. «Ich möchte den Kindern genau dieses Weltbild vermitteln. Ich wünsche mir, dass sie ihr Vertrauen in das Gute nie aufgeben», sagt sie.
Pionierin des Figurenspiels
Margrit Gysin gilt als Pionierin des Schweizer Figurentheaters. Teil ihres Erfolgs ist ihre spezielle Spielweise, die vor ihrer Zeit ungewöhnlich war: Im Gegensatz zum traditionellen «Kasperlitheater» zeigt sie sich selbst auf der Bühne und tritt als weitere Figur im Stück auf. Sie wird gleichzeitig Spielerin und Spielfläche. Durch diese Methode kann sie mit den Kindern interagieren, auf ihre Fragen eingehen, ihre Ideen aufnehmen.
«In all meinen Puppen steckt ein Teil von mir selber. Wenn ich sie herstelle, gebe ich ihnen Charakterzüge, die nur ich kenne», erklärt sie. Ihre Stücke basieren oft auf Märchen oder Kinderbüchern – «Der Wolf und die sieben Geisslein», «Momo», «Die Sterntaler», «Mimi und Brumm» –, doch sie behandeln immer existenzielle Themen: Solidarität, Respekt, Menschenwürde, Anderssein.
2017 wurde Gysin mit dem Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet – als «Grande Dame des Figurenspiels». Die Jury würdigte ihr Lebenswerk: mehr als 30 Produktionen, Auftritte an zahllosen internationalen Festivals, Auszeichnungen in Zagreb, Mexiko und Wien. Sie beherrscht fünf Sprachen und hat ihr Theater in acht verschiedenen Sprachen vorgetragen. «Meine Lieblingssprache ist aber noch immer Mundart», sagt sie und schmunzelt.
Wissen weitergeben
Seit 1980 gibt Margrit Gysin ihr Wissen weiter – an Seminaren, Kunstund Fachhochschulen in der Schweiz und im Ausland, in Berlin, Stuttgart und Prag. Sie ist künstlerische Leiterin der zweijährigen Weiterbildung «Figurentheater» und doziert an der Fachhochschule Nordwestschweiz. In ihren Kursen zeigt sie, wie man zu guten Ideen kommt, wo die Kreativität versteckt ist, was technisch alles dazu gehört. Studierende entwickeln eigene Stücke, die dann aufgeführt werden.
Das Reisen habe sie verändert, sagt sie – verständnisvoller und toleranter gemacht. Aber eines habe sie sich immer bewahrt: die Liebe zum Theater und die Freude am Leben.
Wenn man Margrit Gysins Haus verlässt, nimmt man etwas mit: die Gewissheit, dass es möglich ist, seiner Leidenschaft zu folgen, dass Einfachheit oft stärker wirkt als Perfektion, und dass Geschichten – wenn sie aus dem Herzen kommen – keine Grenzen kennen. Margrit Gysin hat im Kleinen das Grosse erzählt. An Ruhestand ist nicht zu denken. Noch immer tourt sie mit neuen Stücken durch die Schweiz. Am Wochenende gastiert sie mit «Pu, der Bär» im Palazzo Liestal.
Margrit Gysins neues Figurentheater
«Pu, der Bär», am Sonntag, 8. Februar, um 11 und 16 Uhr und am Mittwoch,11. Februar, um 14 und 17 Uhr im Theater Palazzo in Liestal.

