Wasser
25.08.2026 PersönlichEs regnete. Endlich. Ich stand an der Haustür, die Türfalle in der Hand, und stutzte. Jacke? Lange Hosen? Geschlossene Schuhe? Wochenlang hatte sich diese Frage nicht gestellt. T-Shirt, kurze Hosen – fertig. Ich hatte Regen verlernt!
Dabei hatte ich mich auf den Sommer ...
Es regnete. Endlich. Ich stand an der Haustür, die Türfalle in der Hand, und stutzte. Jacke? Lange Hosen? Geschlossene Schuhe? Wochenlang hatte sich diese Frage nicht gestellt. T-Shirt, kurze Hosen – fertig. Ich hatte Regen verlernt!
Dabei hatte ich mich auf den Sommer gefreut. Auf lange Tage, laue Abende, Wanderungen mit einem am offenen Feuer gebrätelten Klöpfer und auf Velotouren mit Rückenwind und 25 Grad. Dann wurde der Sommer zum Gegner. Ich unternahm alles, um ihm auszuweichen. Für Wanderungen und Velotouren stand ich vor Sonnenaufgang auf. Nachmittags mied ich das Freie. Bei der Arbeit blies mir permanent der Ventilator ins Gesicht. Monatelang freut man sich auf den Sommer. Dann verbringt man ihn auf der Flucht vor ihm.
Ich konnte dem Sommer ausweichen. Der Wald nicht.
Unzählige Buchen tragen schon im August dürre, braune Blätter. Herbst im Hochsommer. Das Gras auf Wiesen und an Wegrändern ist verbrannt, die Landschaft hat ihr gewohntes, sattes Grün verloren. Plötzlich sehe ich mich überall an Wasser erinnert – vor allem dort, wo keines mehr ist. Bei manchen Bäumen frage ich mich: Erholen die sich wieder? Oder sehe ich ihnen gerade beim Sterben zu?
Auf Waldwegen öffnen sich Risse. Bäche sind zu Rinnsalen geworden, viele sind versiegt. Grundwasserstände sind tief, Quellen schütten weniger. Aufgrund der extremen Trockenheit wurde der kantonale Führungsstab – früher: «Krisenstab» – aktiv. Wasserentnahmen aus Bächen wurden verboten, ebenso das Betreten zahlreicher Fliessgewässer. Kanton und Gemeinden riefen wiederholt zum Wassersparen auf. Einige Gemeinden gingen weiter und verboten das Rasenwässern und das Autowaschen auf dem Hausplatz.
Beim Zähneputzen drehe ich den Hahn seit jeher zu, beim Einseifen unter der Dusche ebenso. Trotzdem ging mir diese Sparempfehlung zu weit: Was geht den Staat an, was ich nackt unter der Dusche mit meinem Wasserhahn mache?
Irgendwann brauchte es gar keine Empfehlungen mehr. In der Küche ertappte ich mich dabei, den Hahn schneller zuzudrehen. Dem Kopfsalat verwehrte ich das ausgiebige Wasserbad in der grossen Schüssel. Den Wasserhahn stellte ich auf die sparsamere Brausefunktion um. Selbst beim Abschütten des Pastawassers meldete sich plötzlich mein Gewissen. Zwei Liter Wasser einfach in den Ausguss!
Dann kam der Regen. Richtiger Regen. Er trommelte aufs Dach, lief die Strasse hinunter, wusch staubige Windschutzscheiben, tropfte von den Bäumen. Ich freute mich über schlechtes Wetter. Auch das war neu.
Ein paar Stunden Regen machen aber keinen ausgetrockneten Sommer wett.
Dürre Buchenblätter werden nicht wieder grün, nur weil es einmal schüttet.
Bei mir ging die Erholung schneller.
Am nächsten Morgen stand ich im Badezimmer und rasierte mich. Irgendwann bemerkte ich den laufenden Wasserhahn.
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

