Lieber Karl, es tut mir leid, dass ich dich die meiste Zeit des Jahres völlig ignoriere.
Von Oktober bis Mai verstaubst du im Keller. Manchmal vergesse ich sogar, dass es dich überhaupt gibt. Erst wenn die erste Hitzewelle über die Stadt rollt und meine Wohnung langsam die ...
Lieber Karl, es tut mir leid, dass ich dich die meiste Zeit des Jahres völlig ignoriere.
Von Oktober bis Mai verstaubst du im Keller. Manchmal vergesse ich sogar, dass es dich überhaupt gibt. Erst wenn die erste Hitzewelle über die Stadt rollt und meine Wohnung langsam die Temperatur eines Pizzaofens erreicht, denke ich wieder an dich.
Dann hole ich dich nach oben.
Es ist nie eine besonders elegante Art, wie du in mein Leben trittst. Mit deinem dicken Abluftschlauch, der aus dem Fenster hängt, siehst du eher aus wie eine medizinische Apparatur als wie ein Haushaltsgerät.
Aber Schönheit war noch nie das Wichtigste in einer Beziehung.
Wir besitzen nur dich.
Eine einzige Klimaanlage.
Du wohnst zurzeit im Zimmer nebenan, weshalb ich dir gefolgt bin und mir mit meinem Mitbewohner ein Zimmer teile. Das klingt romantischer, als es ist. In Wahrheit möchte einfach niemand freiwillig in dem Zimmer übernachten, das den ganzen Tag von der Sonne beschienen wird und sich in eine Sauna verwandelt.
Ausgerechnet vergangene Woche wurde mein neues Bett geliefert, auf das ich mich so gefreut hatte. Schweissgebadet baute ich das alte Bett ab und das neue auf. Geschlafen habe ich darin trotzdem noch kein einziges Mal.
Denn du bist im anderen Zimmer, Karl.
Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt weisst, welche Macht du inzwischen über uns hast. Wir schliessen Türen vorsichtiger als Bankschliessfächer. Niemand wagt es mehr, das Fenster unnötig zu öffnen. Und wenn jemand den Raum verlässt, wird die Tür sofort wieder geschlossen.
Natürlich gibt es noch andere Helfer. Nasse Handtücher im Nacken. Literweise Eiskaffee. Glace. Und wenn gar nichts mehr hilft, den Rhein. Aber am Abend kommen wir immer wieder zu dir zurück.
Nimm es mir nicht übel, Karl. Ich habe es auch mit Venti-Franz versucht. Er gibt sich wirklich Mühe. Den ganzen Tag summt und bläst er vor sich hin. Aber am Ende zirkuliert doch nur dieselbe warme Luft im Zimmer. Gegen dich hat Franz keine Chance.
Obwohl ich mich mit meinem Mitbewohner bestens verstehe, reicht in diesen Tagen manchmal schon eine offen stehende Tür für eine Grundsatzdiskussion. Ich komme nicht umhin, dich und deine einfache Art mehr und mehr zu schätzen. Du arbeitest Tag und Nacht, beschwerst dich nie und verlangst nichts. Nur gelegentlich musst du deinen Wassertank leeren.
Irgendwann wird der Sommer vorbei sein. Dann wirst du wieder in den Keller ziehen. Wahrscheinlich monatelang. Ich werde wieder über deinen sperrigen Schlauch schimpfen und darüber, dass du so viel Platz wegnimmst.
Doch wir beide wissen, wie das endet, Karl.
Spätestens bei der nächsten Hitzewelle hole ich dich wieder hervor.
Melanie Frei, Redaktorin «Volksstimme»