Was verloren geht, bleibt verloren
04.09.2026 BaselbietKantonsarchäologie muss immer mehr Abstriche machen
Die angespannte Finanzlage des Kantons erfordert bei der Archäologie Baselland eine restriktive Zuteilung der Ressourcen. Das Thema «Verzicht und Verluste» beschäftigt das Team auch aufgrund des verdichteten ...
Kantonsarchäologie muss immer mehr Abstriche machen
Die angespannte Finanzlage des Kantons erfordert bei der Archäologie Baselland eine restriktive Zuteilung der Ressourcen. Das Thema «Verzicht und Verluste» beschäftigt das Team auch aufgrund des verdichteten Bauens immer stärker. Betroffen sind auch Objekte im Oberbaselbiet.
Tobias Gfeller
Der Gasthof «zum Bären» in Langenbruck ist ein fester Bestandteil der Geschichte des Passdorfs am Oberen Hauenstein. Der «Bären» ist seit mehr als zwei Jahrzehnten geschlossen. Undurchsichtige Besitzverhältnisse und wechselnde Pläne machen die Zukunft der einstigen Institution ungewisser denn je. Die Bausubstanz des denkmalgeschützten Hauses zerfällt. Trotzdem wird die Bausubstanz archäologisch nicht weiter untersucht werden. Der Kantonsarchäologie Baselland fehlt es an Ressourcen, um dem Traditionshaus auf den Grund zu gehen. Das Team muss Prioritäten setzen, um die knappen Ressourcen möglichst zielgerecht einzusetzen.
Aus Ressourcengründen ist es unmöglich, alle Bodeneingriffe im Kanton auf archäologische Spuren zu untersuchen. Dies kommuniziert die Archäologie Baselland seit 2022 in ihren Jahresberichten proaktiv und transparent. Auch bei der Jahresmedienkonferenz vor den Sommerferien erwähnte Kantonsarchäologe Reto Marti das Thema «Verzicht und Verluste». Im Jahresbericht 2025 ist dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet. Aufgrund der finanziell und personell begrenzten Ressourcen muss die Kantonsarchäologie bereits bei der Gesuchsprüfung eines Neu- oder Umbaus die grundsätzliche Entscheidung treffen, welche Bauprojekte begleitet werden können, schreibt Jan von Wartburg, Leiter Ausgrabungen, im Jahresbericht. «Mit dem Entscheid, bei einem konkreten Projekt auf einen Augenschein zu verzichten, wird bereits ein potenzieller Verlust an archäologischer Substanz in Kauf genommen.»
Klausurtagung angeregt
Die Archäologie Baselland ist beim Thema «Verzicht und Verluste» schweizweit führend. Sie war die erste Fachstelle, die dieses aus ihrer Sicht wichtige Thema systematisch angegangen ist, erklärt Kantonsarchäologe Reto Marti gegenüber der «Volksstimme». «Das Thema liegt in einem interessanten Spannungsfeld. Keine einzige archäologische Fachstelle kann alles machen, was vielleicht aus rein wissenschaftlicher Sicht interessant wäre.» Es gehöre zum archäologischen Alltag und Auftrag, zu priorisieren und die vorhandenen Ressourcen so zu steuern, dass sie einen optimalen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Ertrag erbringen. Die Kantonsarchäologien arbeiten beim Thema «Verzicht und Verluste» zusammen. Im Januar 2026 widmete die Konferenz Schweizerischer Kantonsarchäologinnen und Kantonsarchäologen (KSKA) – angeregt durch den Kanton Baselland – dieser Fragestellung eine Klausurtagung.
Die Priorisierung geschieht auf unterschiedlichen Ebenen, beschreibt Reto Marti. «Die Setzung von Schwerpunkten beginnt beim Entscheid, wo archäologische Einsätze stattfinden sollen. Aber auch während einer Ausgrabung muss man laufend überprüfen, wo zum Beispiel Fundschichten von Hand und wo sie mit dem Bagger abgetragen werden.» Bei der Funderfassung stelle sich zum Beispiel die Frage, in welchem Detaillierungsgrad diese erfolgen soll.
Aufgrund der intensiven Bautätigkeit in den historischen Ortskernen im Baselbiet wächst der Rückstand der Kantonsarchäologie bei der Untersuchung historischer Gebäude besonders stark. Diejenigen Fälle, in denen aus Ressourcengründen auf eine Intervention verzichtet wurde, stiegen im Baselbiet zwischen den Jahren 2022 und 2025 von 56 auf 126 an. Der starke Anstieg habe zum Teil mit der Art und Weise der Erfassung zu tun, die mittlerweile nochmals verfeinert wurde, erklärt Reto Marti. Aber auch für die Bauforschung gelte: «Was man bei einem aktuellen Umbau oder Abbruch nicht dokumentieren kann, ist für die Nachwelt in der Regel unwiederbringlich verloren.»
Auch «blinde Flecken» infolge von Verzichten und Verlusten müssen dokumentiert werden, betont Kantonsarchäologe Reto Marti. «Die systematische Erfassung des Verzichts bedingt eine komplette Übersicht über das archäologische Erbe, das im Moment gerade gefährdet ist – etwa durch ein Bauvorhaben, eine landwirtschaftliche Massnahme oder durch Erosion.» Wie hoch ist diese Gefährdung? Sind bereits archäologische Fundstellen in der Umgebung bekannt? Wie gut ist die zu erwartende Erhaltung? Wie hoch ist das Potenzial, neue Erkenntnisse zu gewinnen? Liegt die fragliche Stelle in einer bekannten archäologischen Schutzzone oder gibt es interessante historische Überlieferungen dazu?
«Wenn man schliesslich darauf verzichtet, die Fundstelle genauer anzusehen, ist es schwierig, das Ausmass des Verlusts zu beschreiben», gibt Marti zu bedenken. Recherchen ohne Einsatz vor Ort würden rasch aufwendig. Sehr schnell übersteige der Aufwand für eine solide Verzichtsdokumentation den angestrebten Ertrag. Man hofft, die Verzichtsdokumentation in Zukunft mit statistischen Methoden und dem Einsatz von KI zu vereinfachen.
Nicht untersuchte Reste?
Durch den Verzicht auf eine Untersuchung ist es gemäss Reto Marti beim Langenbrucker «Bären» möglich, dass beim Umbau im Innenbereich allenfalls Befunde unentdeckt zerstört wurden, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen könnten.
Ein weiteres Beispiel aus dem Oberbaselbiet ist die Liegenschaft an der Ledergasse 36 in Tenniken. Beim Um- und Ausbau des Dachgeschosses hat die Archäologie Baselland 2025 auf eine Bauuntersuchung verzichtet. Im Gebäude könnten laut Marti noch Reste eines Hochfirstständerbaus stecken.
Hochfirstständerbauten gehören zu den ältesten erhaltenen Häusern im Kanton Baselland und wurden in der Regel vor 1600 erbaut. Bereits 2020 musste beim Nachbargebäude an der Ledergasse 34 auf eine bauarchäologische Untersuchung verzichtet werden. Die damals noch vorhandene Hochfirstständerkonstruktion wurde ohne Dokumentation abgebrochen.
