Was tun Astronauten nach Feierabend?
21.10.2025 NachtcaféClaude Nicollier lieferte Wissen und Unterhaltung im Nachtcafé der «Volksstimme»
Im voll besetzen Marabu erzählte der bisher einzige Schweizer Astronaut Claude Nicollier von seinen Missionen im Weltraum. Er wurde «seekrank», flickte das ...
Claude Nicollier lieferte Wissen und Unterhaltung im Nachtcafé der «Volksstimme»
Im voll besetzen Marabu erzählte der bisher einzige Schweizer Astronaut Claude Nicollier von seinen Missionen im Weltraum. Er wurde «seekrank», flickte das Hubble-Teleskop und verbrachte fast seine gesamte Freizeit im Raumschiff am Fenster.
Christian Horisberger
Zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr hat Claude Nicollier gesagt, dass er nun die Schwelle von der Kindheit zum Erwachsensein überschreite. Was er damit meinte, kam im Nachtcafé der «Volksstimme» vom Donnerstag deutlich zum Ausdruck. Der bisher einzige Schweizer im All liess im bis auf den letzten Platz besetzten Marabu keine Zweifel daran aufkommen, dass er die Faszination und Freude an seiner Arbeit nie verloren hat und sein Wissensdurst noch lange nicht gestillt ist. Und obwohl der Pilot, Astrophysiker und Astronaut sich die vier Weltraum-Missionen, die er im Space Shuttle von 1992 bis 1999 absolvierte, mit jahrelangem Training, Disziplin und Fokussierung erarbeitet hat, sprach er von einem Geschenk und Privileg, als Astronaut solch tiefgründige Erfahrungen gemacht haben zu dürfen. «Wenn man etwas so Aussergewöhnliches erlebt hat, muss man es teilen, das kann man nicht für sich behalten», begründete Nicollier seine Zusage zum Gespräch mit Anita Crain in Gelterkinden.
Mit gelegentlichen scherzhaften und ironischen Bemerkungen liess der Nachtcafé-Gast aus dem Waadtland – den ganzen Abend nahezu perfekt Deutsch sprechend – auch Unterhalter-Qualitäten aufblitzen. Als er etwa die Formel für die Abhängigkeit von Flughöhe und Geschwindigkeit bei Raumflügen erwähnte, fügte er an: «Das sind die Gesetze der Himmelsmechanik, die Sie ja sicher kennen.» Dabei blickte er in den Saal. Den Start eines Space Shuttles beschrieb der Astronaut so: «Ganz am Anfang rüttelt es etwa so stark, dass das Personal auf einem Linienflug den Kaffeeservice einstellen würde.»
Spaziergänge 20 mal im Pool geübt
Nach achteinhalb Minuten Aufstieg befinde sich die Rakete in der Erdumlaufbahn und umkreise den Planeten mit 28 000 Stundenkilometern. Eine Erdumkreisung dauere etwa anderthalb Stunden. Der rasche Wechsel von Nacht und Tag und die fantastischen Sonnenaufgänge, der Ausblick auf Gebirge, Wüsten oder die Lichter der Grossstädte aus der Vogelperspektive haben ihn und seine Begleiter auf seinen Missionen geradezu gefesselt, erzählte Nicollier. Und zwar buchstäblich: Sie hätten fast ihre gesamte Freizeit an Bord der Raumfähre am Fenster verbracht und vom Kommandanten regelmässig ins Bett geschickt werden müssen.
Weniger erfreulich sei die Übelkeit, ähnlich wie bei Seekrankheit, unter der etwa die Hälfte aller Astronauten in der Schwerelosigkeit leidet – auch der Schweizer. Die Betroffenen erhielten eine Injektion und würden sich dann rasch an die Situation gewöhnen. «Dann kann man die Schwerelosigkeit geniessen.»
Ein «Tag» im All war für die acht Besatzungsmitglieder durchgetaktet: 12 bis 13 Stunden Arbeit unter höchster Konzentration, 6 bis 7 Stunden Schlaf in einem an der Wand fixierten Schlafsack und wenig Freizeit. Weltraumspaziergänge – Arbeitseinsätze ausserhalb des Space Shuttle – waren für Nicollier selten. Zweimal war er an Reparaturen oder Updates am Weltraumteleskop Hubble beteiligt. In achtstündigen Einsätzen, die auf der Erde 20 Mal in einem Wasserbecken durchexerziert worden waren, habe er diese «ausserordentliche Entdeckungsmaschine» flott gemacht, damit sie weiterhin Daten über das Universum sammeln kann, sagte er.
Leben im All? Ganz sicher!
Auf die Frage von Gastgeberin Anita Crain, ob er an ausserirdisches Leben glaube, sagte Claude Nicollier ohne zu zögern: «Das Universum ist voll von Leben.» Es umfasse schätzungsweise eine Billion Galaxien, jede mit Hunderten Milliarden an Stern- und Planetensystemen. Das seien ziemlich viele Orte, wo es Viren oder Bakterien geben könne. Die Wahrscheinlichkeit von Leben in einer höheren Form wie unserer allerdings sei wegen der extrem spezifischen Bedingungen, die dafür nötig seien, deutlich weniger hoch, erklärte der Wissenschaftler.
Ehefrau schaute keinen Start
Pragmatismus vor Emotionen galt für ihn auch während seiner Zeit bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Der Beruf des Raumfahrers ist gefährlich. Deshalb damit aufzuhören sei für ihn aber auch dann keine Option gewesen, als die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start explodierte, sagte Nicollier, der damals für eine nächste Mission vorgesehen war. «Ich hatte Vertrauen in die Menschen, die den Unfall untersuchten, um die Gründe dafür zu verstehen.» Angst habe er auf seinen Raumflügen keine empfunden, Sorge allenfalls. Anders seine verstorbene Ehefrau: Sie habe sich nach dem Challenger-Unglück gewünscht, er würde aufhören. Und sie habe keinen seiner Starts live verfolgt. Eine Belastung für seine Familie seien auch die anderthalb Monate vor seinen Missionen gewesen, in denen er zu Hause nicht habe abschalten können. Umso mehr schätze er es heute, Zeit mit seinen Enkelkindern zu verbringen und mit ihnen die Welt zu entdecken.
Einen Enkel oder eine Enkelin jemals auf eine Mars-Mission schicken würde Nicollier eher nicht. Auf die entsprechende Frage sagte er, dass er die Vorbereitung und Technik vorher «genau anschauen» würde. Er würde eine Mondmission für einen Enkel oder eine Enkelin vorziehen. Denn der Mond sei nur drei Reisetage entfernt – gegenüber acht Monaten, die der Flug zum Mars dauern würde. Und das Leben dort wäre nicht gemütlich: Die Atmosphäre bestehe hauptsächlich aus Kohlendioxid, und wegen der kosmischen Strahlung müsste man sich unter der Oberfläche einrichten. Immerhin werde es auf dem Mars nicht so frostig wie auf dem Mond mit bis zu minus 120 Grad im Sonnenschatten: «Dahin müsste man schon zwei Pullover mitnehmen.»
«Weltraumtourismus ist ok»
Wenig überraschend sprach sich Nicollier trotz enormer Kosten und Ressourcenverbrauchs überzeugt für eine Fortsetzung der Raumfahrt aus: Das Jahresbudget der Nasa mit ihrem Nutzen für die Forschung betrage 20 Milliarden Dollar – das US-Verteidigungsbudget liege bei fast einer Billion, so der Raumfahrer. Kriege und ihre Folgen seien nicht nur viel teurer, sondern sorgten auch noch nur für Leid und Schmerz.
Und was hält ein Mann, der Jahre hart trainierte und sich viel Wissen aneignen musste, um ins All fliegen zu dürfen, von Weltraumtouristen? Für manche im Saal wohl überraschend, sagte Nicollier für einmal auf Englisch: «It’s ok.» Denn damit würden auch Nicht-Astronauten die Gelegenheit erhalten, diese fantastische Erfahrung machen zu können – wenn auch für viel Geld.
Bevor sich Claude Nicollier unter grossem Applaus verabschiedete, um sogleich mit dem Zug in die Westschweiz heimzureisen, zeigte er eine Auswahl von Bildern seiner Missionen und von Meilensteinen der Raumfahrt. Gut möglich, dass er mit seinem Besuch die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer zu einem ersten Blick in die Sterne inspiriert hat – und ältere zu einem auf ihren Kontostand …



