Wann sollen Wiesen gemäht werden?
15.09.2026 BaselbietEin Spagat zwischen Futterqualität und Artenvielfalt
Wiesen sollen viel Futter für Tiere liefern. Das erfordert eine Bewirtschaftung, die zu einer Verarmung der Artenvielfalt führt. Um dem entgegenzuwirken, entrichten Bund und Kantone Zahlungen, die an Auflagen gebunden ...
Ein Spagat zwischen Futterqualität und Artenvielfalt
Wiesen sollen viel Futter für Tiere liefern. Das erfordert eine Bewirtschaftung, die zu einer Verarmung der Artenvielfalt führt. Um dem entgegenzuwirken, entrichten Bund und Kantone Zahlungen, die an Auflagen gebunden sind, etwa ein Verzicht auf Düngung und spätere Mähtermine.
Heinz Döbeli
Um aus einer Wiese einen möglichst hohen Ertrag an Gras zu gewinnen, muss gedüngt werden. Das ermöglicht mehrere Schnitte pro Jahr. Düngen und häufiges Mähen begünstigen schnell wachsende Pflanzen, was im Gegenzug zu einer Verarmung der Artenvielfalt führt. Sollen einige unserer bunten Blumenwiesen mit vielen Sommervögeln erhalten bleiben, können Bewirtschafter, die auf Düngung oder mehrmaliges Mähen verzichten, Ausgleichszahlungen für den Minderertrag einfordern.
In diesen Bewirtschaftungsverträgen sind die Mähtermine so festgelegt, dass auch langsam wachsende Pflanzen bis zur Samenreife stehen bleiben. Dadurch schwindet der Nährwert des Schnittguts, weil die Wiesen «überständig» werden. Unter «überständig» versteht man Wiesen, die zu spät gemäht werden und nicht mehr vollwertiges Gras oder Heu liefern. Das Festlegen der Mähtermine ist somit ein Spagat zwischen der Optimierung des Nährstoffertrags, der Artenvielfalt und des finanziellen Ertrags.
Der Klimawandel bringt dieses System zusehends ins Rutschen. In diesem Jahr reifte fast alles aussergewöhnlich früh. Zum Beispiel pflückte ich meine ersten Kirschen am 28. Mai und die letzten am 24. Juni, alles deutlich früher als in vergangenen Zeiten. Fast noch extremer verhält es sich mit den Wiesen.
Phänologischer Kalender
Im Gartenbau oder der Landwirtschaft sind Regeln sinnvoll, die sagen, wann was gemacht werden soll. Zum Beispiel wurde mir beigebracht, dass Kartoffeln am Ostermontag gesetzt werden sollen. Wann Ostern gefeiert wird, hängt vom Mond ab. Sinnvoller ist folgende Regel: Wenn die Forsythien blühen, schneidet man die Rosen. Auch diese Regel variiert. Wenn der Frühling kühl ist, schneidet man später, wenn er warm ist, früher.
Dies ist ein Beispiel des phänologischen Kalenders. Er ist angepasst an den Fortschritt des Pflanzenwachstums, das heisst, er nimmt Rücksicht auf das Wetter und die Meereshöhe. In Basel blühen die Forsythien zwei Wochen früher als bei mir in Ziefen.
Der phänologische Kalender richtet sich nach klar erkennbaren Phänomenen (Erscheinungen) in folgender Reihe: Huflattichblüten, Forsythienblüten, Fliederblüten, Holunderblüten, Sommerlindenblüten, reife Vogelbeeren, reife Holunderbeeren, Rosskastanien, Laubfall.
Vielleicht wäre allen geholfen, wenn sich die Termine der Bewirtschaftungsverträge nach einem eigens dafür geschaffenen phänologischen Kalender richten würden. Als Taktgeber könnten typische Wiesenblumen dienen. Auch die Überwachung könnte vereinfacht werden. Bevor die Wiese gemäht wird, wird die Wiese mit den Zeigerblumen fotografiert und an die Kontrollinstanz geschickt. Bewirtschafter könnten flexibler auf das Wetter reagieren, was dazu führen könnte, dass nicht an einem Stichtag alle Wiesen gleichzeitig gemäht werden. Das würde auch die Schmetterlinge freuen.
Die Wiese auf dem Bild wurde zusammen mit einer benachbarten Wiese mit einem Balkenmäher gemäht. Das Heu wurde an zwei Tagen von Freiwilligen zusammengerecht. Am ersten Tag waren drei Personen beteiligt, Altersdurchschnitt 71 Jahre, am zweiten Tag waren es neun, Altersdurchschnitt 67 Jahre. Die alte Garde ist klimaresistent.

