Vorgezogene 1.-August-Rede
10.07.2026 PersönlichAch, haben wir gestöhnt, geächzt, geschwitzt, gejammert. Nicht wegen der Fussball-Nati. Als von der Hitzewelle Heimgesuchte. Auf Baustellen das Arbeiten eingeschränkt. Landwirte durften nicht wässern. Kinder brutzelten in schlecht isolierten Schulhäusern.
Unser ...
Ach, haben wir gestöhnt, geächzt, geschwitzt, gejammert. Nicht wegen der Fussball-Nati. Als von der Hitzewelle Heimgesuchte. Auf Baustellen das Arbeiten eingeschränkt. Landwirte durften nicht wässern. Kinder brutzelten in schlecht isolierten Schulhäusern.
Unser Land ist seit Jahrhunderten geübt, mit Kälte umzugehen – im Umgang mit Hitze ist es Anfänger. Ein Wasserschloss – der Umgang mit Wasserknappheit ist ihm fremd. In anderen Regionen Europas oder in Asien versucht man wenigstens seit Langem, auf das sich wandelnde Klima zu reagieren. Grossstädte wie Paris, Kopenhagen, Singapur haben Millionen von Bäumen gepflanzt, Asphalt aufgebrochen oder beschattet, Dächer und Fassaden von Liegenschaften und Industriebauten begrünt. Und wir?
Unser Land hats verschlafen: eigensinnig, handlungsunwillig und -unfähig. Die Mehrheit der Bevölkerung und der Gewählten in Parlamenten und Exekutiven ist nicht im 21. Jahrhundert angekommen: Jammern über zu wenig öffentliche Gelder, Bürokratie, Gemeindeautonomie und Kantönligeist dienen als beliebte Ausrede.
Beispiel Sissach: Shopping und Flanieren in der Begegnungszone sind im Hochsommer ab zehn Uhr ganz einfach mörderisch. Ich bleibe zu Hause und bestelle online. Siehe auch die baumlose, gigantische Asphaltsanierung der Kantonsstrasse oder der soeben geteerte Umschwung der neuen Turnhalle: vielleicht günstig, aber eben tödlich. An der Hitze sterben mehr Menschen als im Verkehr.
Mich interessiert wenig, ob die Menschheit Schuld am Klimawandel trägt. Mich interessiert als Bürger und Christ die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Dass unsere Kinder und Enkel an diesem wunderbaren Flecken Welt, unserer Heimat, eine lebenswerte Zukunft haben. Oder werden sie eines Tages als Klima- und Wirtschaftsflüchtlinge nach Schweden oder Kanada auswandern, weil unsere Ignoranz ihnen Lebensqualität und Perspektiven hier verbockt hat?
Geld und Wirtschaftsleistung, gute Bildung allein sichern weder Wohlstand noch Wohlergehen. Ökonomie und Ökologie müssen Hand in Hand gehen. Es gilt, endlich die nötige Güterabwägung zu leisten und sofort eine nationale Strategie umzusetzen; viele sperrige Gesetze, andere Regeln müssen schnell ausgesetzt werden: gemeinsam das Richtige und Notwendige tun. Für unser Land. Für unser Baselbiet. Für Sissach.
Eine 1.-August-Rede wie eine Kampfschrift? Richtig: Es geht um Landesverteidigung. Martin Pfister bekommt mehr Geld, um unsere Armee zeitgemäss auszurüsten. Mindestens genauso dringend müssen wir unser Land für ein weiterhin gutes Leben trotz Hitze und Wasserknappheit fit machen. Das kostet noch mehr. Das Know-how wäre da, allein die Einsicht zur Priorisierung und dahinter die Freisetzung der notwendigen Mittel fehlen.
Die erste grosse Hitze ist vorüber. Alltag, runterspülen und vergessen? Vielleicht benötigt es diesen Sommer noch zwei drei dieser Ausnahmesituationen, damit der kollektive Fünfer fällt.
Grüsse von der (kühlen) Alp.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

