Von Georg Herwegh zu Helene Bossert
23.10.2026 Bezirk LiestalDas Dichter- und Stadtmuseum gibt es bereits seit 80 Jahren
Von seinen Anfängen als «Herwegh»-Museum hat sich das Dichter- und Stadtmuseum Liestal (Distl) in mehreren Schritten zu einem vielfältigen Museum für Liestaler Stadtgeschichte und Baselbieter Literatur ...
Das Dichter- und Stadtmuseum gibt es bereits seit 80 Jahren
Von seinen Anfängen als «Herwegh»-Museum hat sich das Dichter- und Stadtmuseum Liestal (Distl) in mehreren Schritten zu einem vielfältigen Museum für Liestaler Stadtgeschichte und Baselbieter Literatur entwickelt.
Martin Stohler
Das 1946 im dritten Obergeschoss des Liestaler Rathauses eingerichtete Dichtermuseum zeigte in seinen Anfangsjahren lediglich Teile des Nachlasses von Georg Herwegh sowie Erinnerungsstücke an die beiden Dichter Josef Viktor Widmann (1842 – 1911) und Carl Spitteler (1845 – 1924). Während Widmann und der Nobelpreisträger Spitteler in Liestal aufgewachsen waren, fehlt bei den Herweghs ein entsprechender Bezug zum «Stedtli». Dass beträchtliche Teile des Nachlasses von Georg und Emma Herwegh – Briefe, Gemälde, Tagebücher und mehr – nach Liestal gelangten, hat eine längere Vorgeschichte.
Georg Herwegh, 1817 in Stuttgart geboren, fühlte sich schon früh zur Literatur hingezogen. Sein rebellischer Geist und seine republikanische Gesinnung führten ihn 1839 nach Zürich. Dort veröffentlichte er einen Gedichtband, der ihn schlagartig bekannt machte. Als die konservative Zürcher Regierung den ihr suspekten Deutschen abschieben wollte, gelang es Herwegh, das Baselbieter Staats- und das Augster Bürgerrecht zu erwerben. Nach seiner Heirat mit Emma Siegmund im Jahr 1843 und einem Abstecher nach Frankreich wohnten die Herweghs an verschiedenen Orten, unter anderem wieder in Zürich, jedoch nicht in Baselland. 1875 starb Georg Herwegh in Baden-Baden, wo die Herweghs seit 1866 lebten.
Auf seinen Wunsch fand Georg Herwegh in «seinem Heimatkanton in freier republikanischer Erde» auf dem Liestaler Friedhof seine letzte Ruhestätte. Wäre es nach den Vorstellungen von Emma Herwegh gegangen, hätte das Grab zu einer Gedenkstätte für den von ihr verehrten Dichtergatten werden sollen. Allerdings fehlte dazu das Geld, selbst die Pflege des Grabes war zeitweise nicht gewährleistet. Dies änderte sich erst, als Arbeitervereine 1904 das Herwegh-Denkmal in Liestal stifteten und Emma Herwegh, die am 24. März 1904 in Paris verstarb, an der Seite ihres Gemahls auf dem Liestaler Friedhof begraben wurde. Als Folge der dabei entstandenen Kontakte übergab Marcel Herwegh einen Teil des Nachlasses seiner Eltern der Gemeinde Liestal. Dabei erwartete er, dass die Bilder und Gegenstände museal ausgestellt würden.
Museum im Ratshaus
Möglich wurde die Schaffung des Museums schliesslich dank der intensiven Vorarbeiten von Bruno Kaiser (1911 – 1982), einem während des Zweiten Weltkriegs in Baselland internierten Deutschen, der den Herwegh-Nachlass ordnete und erschloss. Daneben fehlte es nicht an tatkräftiger Unterstützung durch Liestaler Persönlichkeiten wie den damaligen Kantonsbibliothekar Otto Gass oder Carl August Ewald. Hilfreich war auch, dass der Architekt Wilhelm Brodtbeck beim Umbau des Ratshauses in den 1930er-Jahren darauf achtete, dass entsprechende Ausstellungsräume mitgeplant wurden. Für die Leitung des Museums war eine stadträtliche Kommission zuständig, geöffnet hatte es einmal im Monat.
1985 wurde Hans Rudolf Schneider eingeladen, Mitglied der Museumskommission zu werden. Damals soll ihm der damalige Kommissions- und ehemalige Stadtpräsident Fritz Dettwiler gesagt haben, mit seiner Einsitznahme sei keine grosse Arbeitslast verbunden, da es nicht mehr als eine bis zwei Sitzungen pro Jahr gebe. Dabei blieb es jedoch nicht. Schneider, der nach seiner Wahl in die Kommission bei seiner ersten Sitzung gleich auch noch zu deren Präsidenten gemacht wurde, sah rasch, dass man das Museum auf eine neue, breitere Basis stellen musste. 1992 stimmten der Liestaler Stadt- und der Einwohnerrat entsprechenden Plänen zu und schufen eine 40-Prozent-Stelle für die professionelle Betreuung des Museums, die mit Hans Rudolf Schneider besetzt wurde.
Unter Schneiders Leitung kam es in den folgenden Jahren zu einer ganzen Reihe von Sonderausstellungen, so etwa 1995 zu einer grossen Spitteler-Ausstellung oder 1996 zu einer Ausstellung über Friedrich Glauser. 1998 dann zeigte das Museum die Ausstellung «Wirtshaus, Hinterzimmer, Salon», die Bezug auf die Revolution von 1848 nahm und Teil eines gemeinsamen Projekts mit dem Museum am Burghof (dem heutigen Dreiländermuseum) in Lörrach und dem Musée Historique de Mulhouse war.
Umzug im Jahr 2001
Ein wichtiger Schritt in der Geschichte des Dichtermuseums erfolgte schliesslich im Jahr 2001. Damals zog es vom Ratshaus in das Gebäude an der Rathausstrasse 30 um. Im selben Jahr kam es auch zur Gründung des Gönnervereins. In den neuen, grösseren Räumlichkeiten liess sich nun das Konzept einer Kombination von Dichtermuseum und stadtgeschichtlichem Museum umsetzen. Dazu gehörten neben der Dauerausstellung weiterhin Lesungen, Vorträge und Sonderausstellungen. Als Publikumsmagnet erwies sich unter anderem die Ausstellung «Von Brodtbeck und Bohny zu Otto + Partner – Architektur aus Liestal seit 1901» – die letzte unter der Ägide von Hans Rudolf Schneider. Dieser gab im Jahr 2008 den Stab an Markus Ramseier weiter.
Ramseier, der sich einen Namen als Flurnamenforscher und Schriftsteller gemacht hatte, leitete das Museum von 2008 bis 2011, zuletzt unterstützt von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Daniela Dill. In Ramseiers Zeit fallen die stark beachtete Dialekt-Ausstellung «Doppelzunge» und eine Ausstellung zum Thema «Schnecken», die sich ihrem Gegenstand auf vielfältige Weise näherte. Ramseier schwebte der Umbau des Museums zu einem «Haus des Wortes» mit einem Dichter oder einer Schriftstellerin in Residenz vor. Es war dies eine Vision, für deren Verwirklichung das Dichter- und Stadtmuseum realistisch gesehen nicht der geeignete Ort war.
Nach dem Abgang von Markus Ramseier leitete Daniela Dill das Museum interimistisch bis zum Stellenantritt von Stefan Hess als neuem Leiter am 1. Juli 2012. Ihm steht seit Dezember 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin Rea Köppel zur Seite. In ihre gemeinsame Amtszeit fällt die Neukonzipierung der Dauerausstellung. Diese ist nun im ersten und zweiten Stock eingerichtet, während der dritte Stock für Dauerausstellungen freigehalten wird. Aktuell ist dort die von Dominik Wunderlin kuratierte Ausstellung «Badekuren im Entdeckerland – Zur Geschichte des Fremdenverkehrs zwischen Jura und Rhein» zu sehen.
Ein grosser Wurf gelang Stefan Hess und Rea Köppel 2025 mit der Sonderausstellung «Helene Bossert – Heimatdichtung und Hexenjagd». Zu dieser Ausstellung ist im Verlag Baselland auch ein umfangreicher Begleitband erschienen.
Vielseitige Veranstaltungen
Neben dem Ausstellungsbetrieb sind die beiden auch für ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm verantwortlich. Gut 30 Lesungen, Darbietungen, Vorträge und Führungen sind es inzwischen pro Jahr. Mit Blick auf den ebenfalls vollen Veranstaltungskalender der Kantonsbibliothek stellt sich die Frage, ob sich die beiden Institutionen nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Dem hält Stefan Hess entgegen, dass es zwischen den beiden Institutionen eine gewisse Arbeitsteilung gebe. Beim Dichter- und Stadtmuseum liege der Fokus vor allem auf der Baselbieter Literatur, während bei der Kantonsbibliothek hauptsächlich Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der übrigen Schweiz und teilweise auch aus dem Ausland zum Zug kommen.
Im Übrigen sind Dichtung und Literatur nur ein Standbein des Distl. Hinzu kommt die «Stadtgeschichte». Hier blickt das Liestaler Museum immer wieder über den Tellerrand, wie die aktuelle Sonderausstellung und das Begleitprogramm zu Fragen des Tourismus zeigt.
Der Gönnerverein
sto.
Seit 25 Jahren kann das Dichter- und Stadtmuseum Liestal auf die finanzielle und ideelle Unterstützung des eines Gönnervereins zählen.
Der Verein bietet seinen Mitgliedern diverse Vorteile: Gönnerinnen und Gönner erhalten freien Eintritt ins Museum, Ermässigungen auf alle Veranstaltungseintritte, regelmässige Informationen sowie Einladungen zu exklusiven Gönneranlässen und Kulturausflügen. Der Mitgliederbeitrag beträgt 50 Franken, für Haushalte 70 Franken und für Firmen und Institutionen 250 Franken. Jugendliche in Ausbildung bezahlen 20 Franken. Präsidiert wird der Verein von Franz Kaufmann.
distl.ch/ueberuns


