Von der Floristin zur Landwirtin
31.07.2026 BuusBäuerinnen-Serie Teil 5: Christine Spycher vom Hof auf dem Rigiberg
Produktionsüberschüsse und sinkende Milchpreise prägen die Lage in der Schweizer Landwirtschaft. Christine Spycher, Betriebsleiterin in Buus, verfolgt eine Strategie mit mehreren Standbeinen.
...Bäuerinnen-Serie Teil 5: Christine Spycher vom Hof auf dem Rigiberg
Produktionsüberschüsse und sinkende Milchpreise prägen die Lage in der Schweizer Landwirtschaft. Christine Spycher, Betriebsleiterin in Buus, verfolgt eine Strategie mit mehreren Standbeinen.
Jane Bures
Dicht am Scheitel zwischen Oberbaselbiet und Fricktal, auf dem Rigiberg, steht der Hof von Christine Spycher. Das Gehöft ist seit 1907 im Familienbesitz und wird in vierter Generation betrieben. Heute Morgen hat es nicht gereicht, die acht Zwergziegen zu füttern, und so gibt es zuerst eine Portion Haferflocken für die Tiere. Prompt hören sie auf zu meckern und wir können uns ungestört an den Holztisch in der einladenden Eingangslaube des Hofs setzen.
Es kommt vor, dass bei landwirtschaftlichen Kontrollen gefragt wird, wo denn der Chef des Betriebs sei. Noch sitzt es in den Köpfen fest, dass ein Mann einen Bauernhof führt. «Wir Frauen müssen mehr als 100 Prozent geben, um in einer Führungsrolle wahrgenommen zu werden», bringt es die sympathische Landwirtin auf den Punkt.
Spycher ist gelernte Floristin und hat sich nach mehr als zehn Jahren Tätigkeit in diesem Beruf entschieden, nach einer Weiterbildung den Hof von ihrem Onkel zu übernehmen. Seit Januar 2017 leitet sie nun den Milchbetrieb. Ihr Stall beherbergt 20 Milchkühe sowie fünf bis sieben Aufzuchtkälber. Weiter pflegt Christine Spycher in einer grosszügigen Rossstallung mit Auslauf vier Pferde, zwei davon aus eigener Zucht. Mit dem Reitsport ist sie seit ihrer Kindheit verbunden und heute sogar Präsidentin des Reitvereins Farnsburg. Wer gerne eine Kutschenfahrt erleben möchte, kann diese bei ihrem Vater, Walter Spycher, buchen. Er bietet nach Vereinbarung Erlebnisfahrten für Geburtstage und Hochzeiten an.
Nachhaltigkeit im Blick
Mit den Nachbarbetrieben, einer Pferdepension und einem weiteren Milchbetrieb, pflegt Christine Spycher ein freundschaftliches Verhältnis. Jeder greift dem anderen bei Bedarf unter die Arme.
Ihren Hof führt sie heute mit dem Qualitätslabel IP-Suisse. Der Marienkäfer steht für eine nachhaltige Landwirtschaft, die mit konkreten Richtlinien einhergeht. Im Vordergrund steht nicht nur die Lebensmittelherstellung, sondern auch die Erhaltung eines gesunden Kreislaufs bei der Produktion. Dazu gehört eine tiergerechte und umweltfreundliche Betriebsphilosophie, die Spycher unbestritten lebt: Ihre Kühe gehen von Frühling bis Herbst täglich auf die Weide, bei hohen Temperaturen im Sommer nachts. Sie sind sauber, gleich wie der Anbindestall, wohin die Kühe nach dem Weiden für die zusätzliche Fütterung zurückkehren. Hier haben sie Schatten, reichlich Platz und einen grossen Ventilator für genügend Frischluft an warmen Tagen.
Bei der hofeigenen Futterproduktion wird die bald 40-Jährige von ihrem Onkel und von ihrem Vater unterstützt. Sie sind für die Bewirtschaftung der anliegenden Äcker zuständig, für die Aussaat, Düngung und das Mähen. Soweit es geht, bekommen Spychers Kühe selbst angebautes Futter. Die Mutter der Betriebsleiterin hilft ihr, den Hofladen «s’Spycherli» gefüllt zu halten. Ausser in den Sommermonaten kann man hier samstags frische Backwaren kaufen. Die Selbstbedienung ist sogar täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Zu erwerben gibt es Konfitüre, saisonale Pflanzen und geschmackvolle Deko-Artikel wie Kränze oder Körbe.
Der berufliche Hintergrund der jungen Unternehmerin ist nicht zu übersehen: Der Eingang des Hofs sowie der Laden sind stilvoll dekoriert. Verweilen kann man hier als Gast jeweils am letzten Wochenende vor dem 1. Advent, an dem die Familie den sogenannten Hofadvent organisiert. Die jährliche Adventsausstellung und das Raclette-Beizli sind in der Umgebung bekannt und beliebt.
140 000 Liter Milch pro Jahr
Der Hof Spycher umfasst an die 20 Hektaren Land und einen Wald. Errichtet wurde das Gebäude schon 1824, etliche Jahre bevor die Familie aus dem Bernbiet zuzog. Es ist umgeben von weiten Wiesen und Hochstammobstbäumen. Von Buus selbst liegt der Hof fast 3 Kilometer entfernt. Ins Dorf kommt Christine Spycher aber regelmässig, da sie die Milch ihrer Kühe hier zur Sammelstelle bringen muss. Die Fahrzeuge der «Mooh Genossenschaft», einer Milch-Zwischenhändlerin, fahren nicht bis auf den Rigiberg.
Die 20 Kühe auf Spychers Hof produzieren jährlich 140 000 Liter Milch. Die Betriebsleiterin kämpft zusammen mit allen ihren Berufskolleginnen und -kollegen für einen fairen Preis. Sie erklärt, dass der momentane Milchüberschuss im Land bei den langjährigen Schweizer Importverträgen ein Problem sei. Die Futterqualität sei vergangenes Jahr hoch gewesen, sodass die Milchproduktion in der Schweiz anstieg. Die Auswirkungen auf den Preis, zu dem Spycher ihr Produkt verkaufen kann, sind immens. Der Milchpreis falle immer tiefer.
Die Frage, ob der aufkommende vegane Lebensstil eine Auswirkung auf die Abnahme hätte, verneint sie. «Bei der Pausenmilch reissen uns die Kinder die Milch aus den Händen», sagt die Hofchefin und schmunzelt. Jedes Jahr engagiert sie sich zusammen mit einer befreundeten Landwirtin am Tag der Pausenmilch bei deren Ausgabe in der Dorfschule.
Was Christine Spycher an ihrem Beruf gefällt, sind die Ruhe und Selbstständigkeit. Selbst nach zehn Jahren sei sie glücklich, wenn sie am Morgen den Stall betritt, sagt sie. Weggefallen sei der anspruchsvolle Kundenkontakt. Aber Stallarbeit und Melken, die täglich auf sie warten, «hängen» auch an. Verreisen oder Ferien sind auf einem Milchbetrieb schwer. Aufgrund der landwirtschaftlichen Situation in der Schweiz werden sich kleinere Betriebe Zukunftsgedanken machen müssen. Bei der taffen Landwirtin sind Visionen in Richtung Erneuerung und Entwicklung vorhanden. Sie wird sehen, wie sich diese verwirklichen und umsetzen lassen.
Serie zum UNO-Jahr 2026 der Bäuerinnen und Landwirtinnen: Bereits erschienen sind die Porträts von Sonya Leuenberger vom Hof Halde in Ziefen, Andrea Gysin vom Hof Halde in Läufelfingen, Myriam Schwob vom «Prinzenhof» in Lampenberg und Angelika Itin vom «Mettlihof» in Maisprach. Die Serie wird wöchentlich fortgesetzt.


