Von der Bezirksschule Waldenburg in die Weltpolitik
05.05.2026 Porträt, BaselbietEmil Frey kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg und wurde später Bundesrat
Er ist bis heute der einzige Bundesrat aus dem Baselbiet – und doch kennt man seinen Namen kaum noch. Emil Frey war Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg, Journalist, Gesandter in ...
Emil Frey kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg und wurde später Bundesrat
Er ist bis heute der einzige Bundesrat aus dem Baselbiet – und doch kennt man seinen Namen kaum noch. Emil Frey war Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg, Journalist, Gesandter in Washington und schliesslich Bundespräsident.
Hanspeter Gautschin
Emil Frey wurde am 24. Oktober 1838 in Arlesheim geboren. Sein Vater, der Jurist und Politiker Emil Remigius Frey, hatte sich in den Wirren der Kantonstrennung auf die Seite der Landschaft gestellt. Emil besuchte zunächst die Schulen in Therwil und Waldenburg, später das Gymnasium in Basel. Dass er 1852/53 an der Bezirksschule Waldenburg unterrichtet wurde, gibt seiner Biografie aus Oberbaselbieter Sicht einen besonderen Bezug.
Der heranwachsende Emil Frey bereitete seinen Eltern zunächst Sorgen. Er galt als widerspenstig und wenig gefestigt. 1852 kam er an die Bezirksschule Waldenburg und wohnte im Haushalt von Lehrer Friedrich Nüsperli, dem es gelang, zu ihm ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dort stabilisierte sich seine Entwicklung so weit, dass er das letzte Bezirksschuljahr erfolgreich abschloss und 1853 an das Basler Pädagogium wechselte. Nach Studien in Jena zog es ihn 1860 in die Vereinigten Staaten. Was zunächst als landwirtschaftliche Weiterbildung begann, wurde bald zum existenziellen Abenteuer.
Als 1861 der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, meldete sich Frey freiwillig zur Unionsarmee. Er diente in einem Regiment, das von dem deutschen Revolutionär Friedrich Hecker rekrutiert worden war. In der Schlacht von Gettysburg geriet er 1863 in Gefangenschaft und verbrachte anderthalb Jahre unter harten Bedingungen, unter anderem im berüchtigten Libby-Gefängnis in Richmond. Die Haft war lebensgefährlich.
Diese Erfahrungen prägten ihn nachhaltig. In späteren Erinnerungen beschrieb er den Kampf als Einsatz «für die Erhaltung der Union und die Ausrottung der Sklaverei». Auch wenn seine späteren Darstellungen den Krieg stark idealisierten, bleibt festzuhalten: Ein Baselbieter hatte aktiv an einem weltgeschichtlich entscheidenden Ereignis teilgenommen.
Zuerst Bern, dann Washington
1865 kehrte Frey als Major in die Schweiz zurück. Kaum zu Hause, begann seine politische Karriere im Baselbiet. Er wurde Landschreiber, dann Regierungsrat, leitete unter anderem die Erziehungs- und Militärdirektion. Besonders engagierte er sich für eine fortschrittliche Fabrikgesetzgebung – ein frühes sozialpolitisches Anliegen.
1872 erfolgte der Schritt in die eidgenössische Politik. In jenem Jahr wurde Nationalrat Dr. med. Martin Bider abgewählt: Frey erhielt 424 Stimmen mehr als sein Konkurrent. Er verdrängte damit Martin Bider (siehe Beitrag in der «Volksstimme» vom 19. Februar 2026) aus dem Nationalrat – ein politischer Einschnitt, der im Oberbaselbiet nicht ohne Echo blieb. 1876 präsidierte Frey bereits den Nationalrat. Innerhalb des Freisinns stand er auf dem linken Flügel. Er suchte soziale Reformen, wollte Arbeiteranliegen aufnehmen und internationale Standards im Arbeiterschutz fördern. Nicht alle mochten seinen selbstbewussten Stil; zweimal scheiterte er bei Bundesratswahlen.
Im Jahr 1882 wurde Frey zum ersten schweizerischen Gesandten in Washington ernannt. Damit begann seine zweite «amerikanische Karriere». Sechs Jahre lang vertrat er die Eidgenossenschaft in den USA. Seine Sprachkenntnisse, seine Kriegserfahrung und seine persönlichen Kontakte verschafften ihm Zugang bis in höchste Kreise. Frey nutzte diese Stellung, um die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA zu vertiefen. Er förderte den Austausch offizieller Publikationen und unterstützte wissenschaftliche Kontakte, etwa mit der Johns Hopkins University in Baltimore. Damit trug er dazu bei, die junge Bundesverfassung von 1874 auch im Ausland bekannt zu machen.
1890 wurde Emil Frey in den Bundesrat gewählt – als einziger Baselbieter bis heute. Er übernahm das Militärdepartement. In seine Amtszeit fallen Reformen der Armeestruktur, der Ausbau der Landesverteidigung sowie organisatorische Neuerungen wie die Schaffung der Armeekorps. 1894 amtierte er als Bundespräsident.
Nach seinem Rücktritt 1897 leitete er die Internationale Telegraphenunion in Bern und blieb publizistisch aktiv. 1905 veröffentlichte er eine heroisch gehaltene «Kriegsgeschichte der Schweizer». Bis ins hohe Alter setzte er sich mit Fragen der Neutralität und der militärischen Organisation auseinander.
Er starb am 24. Dezember 1922 in Arlesheim. Was bleibt von Emil Frey? Seine Sicht auf den amerikanischen Bürgerkrieg war idealisiert, wirtschaftliche Hintergründe blendete er weitgehend aus. Dennoch bescheinigten ihm selbst politische Gegner Weitblick und Weltläufigkeit.
Ein Mann aus dem Baselbiet, geprägt auch von der Bezirksschule Waldenburg, hatte Weltgeschichte erlebt und diese Erfahrung in die Schweizer Politik eingebracht. Sein Weg von Waldenburg bis ins Bundesratszimmer bleibt ein aussergewöhnliches Kapitel Baselbieter Geschichte.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

