Von Alphornklängen und einer Dachlawine
30.06.2026 Basel, Kultur, Baselbiet, BaselAls Reporter und freiwilliger Helfer bei den Alphorn-Vorträgen
Für Heinrich Stebler aus Sissach stand es schon lange fest, dass er als Büchelspieler am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel mitmachen will. Die «Volksstimme» hat ihn begleitet und stand dabei gleichzeitig als Helfer im ...
Als Reporter und freiwilliger Helfer bei den Alphorn-Vorträgen
Für Heinrich Stebler aus Sissach stand es schon lange fest, dass er als Büchelspieler am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel mitmachen will. Die «Volksstimme» hat ihn begleitet und stand dabei gleichzeitig als Helfer im Einsatz.
Robert Bösiger
Uiuiui! Angesagt sind Temperaturen bis 38 Grad Celsius. Und ich sollte als Freiwilliger in Basel ans Jodlerfest zum Primarschulhaus St. Johann, wo sich die Alphorngemeinde zum Vortrag trifft. Selbstverständlich wird erwartet, dass man als Helferin oder Helfer in Tracht erscheint. Dass ich die schwere blaue Burgunderbluse in einem Sack mitnehme und auch das weisse Hemd nicht in die Hose stecke, geschieht wohl aus einer Mischung aus Vernunft und Restrenitenz.
Kaum auf dem Bahnhof, dröhnen mir vertraute Büchelklänge entgegen. Heini Stebler – «Heini vo Sissech» – flutet die morgendliche Unterführung mit seinen Naturtönen. Wie für ihn typisch, hat er gleich mehrere Büchel umgehängt – aber nicht nur: An seinem Rücken hängt ein Schild mit der Aufschrift «Vorsicht Dachlawine». Er liebe halt solche Gags, sagt er. So werde er auch auftreten bei seinen beiden Vorträgen am Freitag.
Im Zug nach Basel staunen Touristen aus Asien über «Heini vo Sissech» und dessen unbekannte Instrumente. Geduldig erklärt er, worum es sich da handelt und dass in Basel derzeit gerade das Eidgenössische Jodlerfest stattfinde. Angekommen in Basel platziert er sich zunächst mitten auf der Passarelle, dann unter den riesigen Anzeigetafeln beim Ein- respektive Ausgang. Die Ständeli mit Büchel, Stockbüchel und Mini-Büchel werden von den Passanten entweder kopfschüttelnd oder anerkennend zur Kenntnis genommen. Er wird fotografiert und erntet Applaus.
Draussen macht sich Heini Stebler auf in die Stadt. Er wolle als erstes das Vortragsgelände St. Johann begutachten. Mich selber treibt es zunächst auf den Petersplatz bei der Universität, wo sich das Jodlerdorf befindet. Wären da nicht schon viele Menschen in Tracht und mit Strohhüten (gesponsert von der Basler Kantonalbank) unterwegs, könnte man glatt meinen, man sei mitten in die Basler Herbstmesse geraten. Während noch Stände in Schuss gebracht werden, verpflegen sich bereits vereinzelte Jodler und Alphorner (und -innen).
Das «Potz!musig-Chalet» wird eingerichtet und verkabelt, und die «Telebasel»-Teams wuseln auf dem Petersplatz umher. Und schon sind vereinzelt Sanitätstrupps, bewaffnet mit Notfallmaterial und Defibrillator, unterwegs. Es ist unschwer erkennbar, dass hier, mitten auf dem «Jodlerberg», um 14 Uhr die Eröffnungsfeier stattfinden soll. Nach einem eisgekühlten Kaffee (für 5 Franken plus 2 Franken Depot für den Mehrwegbecher) und einem Flammenspiess (18 Franken) streife ich nochmals auf dem Petersplatz umher und beobachte die Jodlergemeinde.
Noch nicht im Einsatz, wäre ich bereits reif für eine kühle Dusche. Doch leider kann ich es nicht wie jene jungen Leute machen, die sich im Brunnen abkühlen. Die eher gelangweilt dastehenden Soldaten in ihren Uniformen dürfen es ja schliesslich auch nicht …
Einspielen mit Tenueerleichterung
So gehe ich hinunter zur Tramstation Universitätsspital, wo das 11er-Tram Richtung Westen fährt. Kaum an der Station St.-Johanns-Tor angelangt, vernehme ich Alphornklänge. Im kleinen «Pärkli» vis-à-vis der Tramstation sind zwei Alphorner aus Sursee sich am Einspielen. Ihr weisses Hemd ist offen; die Tracht liegt nebenan auf einem Bänkli. Nur einen Steinwurf entfernt machen sich drei Mitglieder «meiner» Alphorngruppe bereit zum Einspielen: Charlotte Husner, Peter Friedli und Urs Manser. Auch sie entledigen sich allem, was bis zum Vortrag unnötig ist. Nun taucht noch ein Alphorner auf, der gebrochen Deutsch spricht und gemäss eigenen Angaben aus San Francisco kommt. Jonathon Stillman berichtet, dass er als Gründer der in der US-Alphornszene bekannten Alphornformation «Alphorns SF» extra nach Basel gereist sei, um hier am Jodlerfest teilzunehmen.
Ich bin kaum angekommen auf dem Vortragsplatz, ist gerade ein Freiwilliger dabei, den roten Kunststoffbelag mit dem Wasserschlauch zu kühlen. Auf den Betonstufen haben es sich Neugierige eingerichtet, die meisten mit ihren Petflaschen. Bereits als dritte absolvieren meine Alphorn- «Gschpöönli» als «Trio Halmet» ihren Auftritt und zeigen, wie schön das Stück «Viu Glück», geschrieben von Robert Oesch, ist.
«Büchler sterben aus!»
Von nun an erfolgen die Auftritte alle paar Minuten. Neben mir lacht jemand beim Anblick des Schilds «Achtung Dachlawine», andere murmeln. Heini Stebler tritt mit seinem Stockbüchel vor die gestrenge Jury. Er gibt «Rocky Mountain Echo» zum Besten.
Zurück auf der Tribüne bei mir, wirft er einen Blick auf sein mitgebrachtes Thermometer: 40 Grad Celsius. Stunden später wird ein Radiosprecher bestätigen, dass man in Basel den rekordverdächtigen Wert von 38,8 Grad gemessen hat. Über seinen Auftritt ist Stebler happy, dennoch nervt er sich über den Umstand, dass die Büchler weder auf den Plakaten abgebildet, noch in den Vortragslisten als solche vermerkt sind. «Mir stärben us!», sagt er und hält sich seinen Wasserverdunster vors Gesicht.
Es ist heiss und drückend, die Sonne sengt gnadenlos. Damit wir zwei nicht verdursten, organisieren wir Wassernachschub. Schliesslich rät auch das Organisationskomitee des Jodlerfestes, viel zu trinken – notabene Wasser. Nach 14 Vorträgen – 5 Einzelvorträge, drei Duos, vier Trios und zwei grössere Formationen – ist Büchler Heini wieder an der Reihe. Mit seinem Instrument tritt er vor die sechsköpfige Jury und trägt eine Muotataler Melodie vor. Angesagt wird er vom Buusner alt Regierungsrat Thomas Weber, der seit seinem politischen Ruhestand ebenfalls Alphorn spielt. «Eine 2 wird es wohl werden», kommentiert Heini bei der Rückkehr auf die Tribüne seine Darbietung; es habe leider ein paar «Streifer» gegeben …
Fritz Weidmann aus Kanada
Für mich wird es nun Zeit, mich für meine beiden Schichten bereit zu machen. Gabriela Lützelschwab gibt mir in der Pause einen Crashkurs für meinen Helfer-Job bei der Anmeldung. Immer, wenn jemand kommt, um sich für seinen Vortrag anzumelden, müsse ich die Gegenkontrolle mit der Auftrittsliste machen und gegebenenfalls die gewählten Bewertungsstücke im System ergänzen oder neu eingeben. Allfällige Änderungen müsse ich ausdrucken und weitergeben an die Ansage. Alles klar.
Einer der ersten, der vor mir steht, ist Fritz Weidmann aus dem kanadischen Calgary. Er wird «Im Stachel» von Hermann Koller zum Besten geben. Während auf dem Vortragsplatz die Vorträge gehalten und jeweils mit Applaus bedacht werden, habe ich es manchmal locker, manchmal stehen die Anmeldewilligen Schlange. Heiss ist es noch immer, aber zuweilen weht ein homöopathisches, wohltuendes Lüftchen.
Je länger ich hier vor dem Bildschirm sitze und den Vorträgen lausche, realisiere ich dreierlei: Ja, viele der Alphornstücke klingen irgendwie ähnlich, vielleicht auch, weil sie von Komponisten stammen, die in der Szene sehr bekannt und beliebt sind (Hans-Jürg Sommer oder Robert Oesch). Handkehrum gibt es Titel, geschrieben von anderen Komponisten, die wohltuend aus der Masse herausragen (Gilbert Kolly oder Robert Scotton).
Willkommene Abwechslung bieten die eher seltenen Büchelvorträge.
Immer spannend wird es, wenn Stücke zur Aufführung gelangen, die teilweise extra für das Eidgenössische Jodlerfest in Basel geschrieben wurden. Zum Beispiel «Basler Läckerli», «Z Basel mit em Üristiär» oder «Z Basel ufem Gmiesmärt».
«Alphornduo Frauenversteher»
Das Handy klingelt. Die drei Frauen vom Trio «Echo vo de Langenegg» rufen aus dem Zug an, der mit grosser Verzögerung in Basel ankommen wird. Sie könnten unmöglich auf die Zeit auf dem Platz sein. In Absprache mit dem Platzchef setzen wir das Trio ganz an den Schluss – auf ungefähr 21.30 Uhr.
Ich staune, dass die allermeisten Gruppen und Einzelhorner es schaffen, sich zeitig anzumelden. Doch wo bleibt denn das «Alphornduo Frauenversteher»? Da kommen zwei fesche Urner Burschen mit ihren Hörnern daher und für mich ist sofort klar: Das müssen sie sein. Auf die Frage, wie sie denn auf diesen Namen gekommen sind, räumen sie augenzwinkernd ein: «Ach, da war wohl etwas Alkohol im Spiel …»
Nachdem die drei Bläserinnen aus der Zentralschweiz endlich eingetroffen sind und sich auch die Letzten noch angemeldet haben, neigt sich mein Helfertag um halb zehn Uhr dem Ende zu. Und ich kann dem wunderbaren Schluss-Stück «Arosa», geschrieben von Robert Oesch und wunderbar interpretiert vom «Echo vo de Langenegg» lauschen. Tag eins des Jodlerfestes ist passé – wenigstens für mich.
Mehr noch als auf ein kühles Bier freue ich mich nun auf eine Dusche.
Hoffen auf die Note 1
rob. Rund 85 Vorträge hat die sechsköpfige Jury an diesem Freitag bewerten müssen. Bewertet werden die Tonkultur, die Blastechnik (unter anderem Treffsicherheit und Intonation), die Interpretation I (Dynamik, Phrasierung und Artikulation), die Interpretation II (Rhythmik, Tempo und Zusammenspiel) sowie der musikalische Ausdruck. Erst die Summe der Punkte ergibt dann letztlich das zählbare Resultat. Speziell: Anders als beispielsweise beim Schwingen liegen jene Bläserinnen und Bläser vorne, die am wenigsten Punkte auf dem Notenblatt haben.
Die Klassierungen der Oberbaselbieter
Alphorn Einzel, Christian Hanselmann, Gelterkinden, Klasse 1
Alphorn Trio mit Christian Hanselmann, Gelterkinden, Klasse 3
Büchel Einzel, Heini Stebler, Sissach, Klasse 3
Jodler
Jodlerklub Echo vom Ramstein, Bretzwil, Klasse 1
Jodlerchörli Wildenstein, Bubendorf Bubendorf, Klasse 2
Jodlerklub Farnsburg, Gelterkinden, Klasse 1
Jodlerklub Hohwacht, Lauwil, Klasse 1
Jodlerklub Siberbrünneli, Ormalingen, Klasse 1
Jodlerfründe Wisebärg, Rünenberg, Klasse 1
Jodlerklub Spitzeflüeli, Waldenburg, Klasse 1
Jodlerduett Maja und Flurina Amport, Bretzwil, Klasse 1
Jodelduett Daniel und Stefan Eschbach, Diegten, Klasse 1
Jodelquartett Markus Lüthi, Arisdorf, Sabine Bader-Oberli, Titterten,
Simon Oberli, Arboldswil und Peter Schneider, Lauwil, Klasse 1
Der Ranglistenauszug erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.




