Vom Urmeer in die Industrieanlage
21.07.2026 Baselbiet, PrattelnWie Salz entsteht, gefördert und verarbeitet wird – ein Blick weit zurück und in die Zukunft
Salz ist für das Baselbiet seit fast 190 Jahren ein bedeutender Rohstoff. Nun ordnen die Schweizer Salinen ihre Produktion neu: Schweizerhalle verliert ab 2032 teilweise seine Rolle, Riburg ...
Wie Salz entsteht, gefördert und verarbeitet wird – ein Blick weit zurück und in die Zukunft
Salz ist für das Baselbiet seit fast 190 Jahren ein bedeutender Rohstoff. Nun ordnen die Schweizer Salinen ihre Produktion neu: Schweizerhalle verliert ab 2032 teilweise seine Rolle, Riburg wird ausgebaut. Die «Volksstimme» begibt sich in zwei Teilen auf die Spuren des «weissen Golds».
Daniel Aenishänslin
Vor rund 3,8 Milliarden Jahren beginnt die Erde langsam abzukühlen. Über dem glühenden Inneren bildet sich eine feste Kruste, die ersten Ozeane entstehen. Die frühen Meere lösen Natrium und Chlor aus dem Gestein. Im Wasser verbinden sich die Elemente zu Natriumchlorid – zum ersten Salz der Erdgeschichte.
Wo sich flache Meeresarme vom offenen Ozean abtrennen, entstehen Lagunen. Unter der intensiven Sonne verdunstet das Wasser, zurück bleiben helle Krusten aus Salz, Gips und Kalk. Schicht um Schicht wachsen daraus Ablagerungen, die sich über Jahrmillionen verdichten.
Mit der Zeit werden diese Sedimente wieder von Gestein überdeckt. Die ältesten bekannten Steinsalzlager in den USA und Indien reichen heute bis zu 600 Millionen Jahre zurück. Man schätzt, dass rund 5 Trillionen Tonnen Steinsalz im Untergrund der Erde lagern. Genug, um den gesamten Planeten mit einer rund 40 Meter dicken Schicht zu bedecken. Auch unter der Schweiz befinden sich solche Vorkommen. Die Salzlager von Riburg und Schweizerhalle sind etwa 245 Millionen Jahre alt, jene von Bex rund 230 Millionen.
Die industrielle Nutzung in der Region beginnt erst im 19. Jahrhundert. In der Region Pratteln stösst Carl Christian Friedrich Glenck auf bedeutende Salzvorkommen. Am 7. Juni 1837 beginnt dort mit Bohrloch Nummer 1 die erste systematische Salzförderung der Schweiz. An jener Stelle, wo heute die Villa Glenck steht.
Die frühen Bohrungen sind reine Handarbeit. Ein schwerer Stahlmeissel wird in das Gestein gesetzt, gedreht und mit rhythmischen Hammerschlägen vorangetrieben. Zwei Männer arbeiten im Wechsel, Schlag um Schlag, Zentimeter um Zentimeter. Tage und Wochen vergehen, bis die Salzschichten erreicht werden. Was hier entsteht, ist kein klassischer Bergbau, sondern der Beginn einer neuen Technik: der Gewinnung aus der Tiefe durch Lösung.
Nur kleiner Teil wird Speisesalz
Die Schweizer Salinen in Schweizerhalle, Riburg und Bex (VD) produzieren heute jährlich zwischen 400 000 und 600 000 Tonnen Salz. Der grösste Anteil entfällt mit rund 45 bis 60 Prozent auf Auftausalz für den Winterdienst. Weitere wichtige Bereiche sind Industrie- und Gewerbesalz mit rund 20 bis 25 Prozent sowie Regeneriersalz mit etwa 10 bis 16 Prozent. Speisesalz macht rund 8 bis 9 Prozent aus, Landwirtschaftssalz etwa 5 Prozent und Pharmasalz rund 1 Prozent.
In Riburg steht heute eines der markantesten Bauwerke dieser Industrie: der Saldome 2. Mit einer Spannweite von 120 Metern und einer Höhe von 33 Metern ist er der grösste frei stehende Holzkuppelbau Europas. Mehr als 100 000 Tonnen Salz lagern hier. Ein Vorrat für jene Winter, in denen die Strassen weiss werden und die Landschaft an ihre Grenzen kommt.
Doch Salz ist nicht nur Lagergut. Neben festem Salz produzieren die Salinen verschiedene Soleprodukte. Von hochreiner Chemiesole bis zu verdünnten Lösungen für Thermalbäder und medizinische Anwendungen. In Rheinfelden etwa profitieren das «Sole Uno», die Reha Rheinfelden und das Hotel «Eden im Park» von einer direkten Soleleitung.
Aus dem Meer und aus der Tiefe
Bis heute wird Salz auf unterschiedliche Weise gewonnen. Meersalz entsteht in flachen Küstenbecken unter Sonne und Wind. In Ländern wie Spanien, Frankreich oder Italien wird Meerwasser in weite Verdunstungsfelder geleitet. Tag für Tag verschwindet das Wasser, während sich an den Rändern Kristalle bilden, die wie feiner Raureif wachsen. Die Luft ist schwer von Salz, Möwen kreischen über den Becken, und Arbeiter schieben mit langen Rechen die weissen Schichten zusammen.
Steinsalz hingegen stammt aus urzeitlichen Binnenmeeren, die austrockneten und später von Gestein überdeckt wurden. Heute wird es tief unter der Erde abgebaut, wo künstliches Licht die Stollen wie Gletscherlandschaften erscheinen lässt. Maschinen schneiden das Salz aus dem Fels oder sprengen es in Blöcken heraus.
Eine dritte Form ist das Kochsalz. Der Name führt in die Irre, denn nicht der Zweck ist gemeint, sondern die Weise, wie es gewonnen wird: Eine Salzlösung wird gekocht. Ingenieure pressen Wasser tief in die Salzlager. Es löst das Gestein und kehrt als Sole an die Oberfläche zurück. Eine klare, aber hoch konzentrierte Flüssigkeit.
Früher wurde diese Sole in grossen Eisenpfannen über offenem Feuer eingedampft. Rauch zog durch die Siedehäuser, während am Ende reine Salzkristalle zurückblieben. Daher stammt der Begriff Siedesalz.
Gefördert, geschleudert und geföhnt
Heute geschieht derselbe Prozess in geschlossenen Anlagen. Die Rohsole gelangt in grosse Tanks und enthält bereits über 300 Gramm Salz pro Liter. Bevor sie weiterverarbeitet wird, müssen unerwünschte Begleitstoffe entfernt werden. Kalzium- und Magnesiumsalze werden durch Zugabe von Kalk, Soda und Kohlensäure ausgefällt. Sie sinken als feiner Niederschlag zu Boden.
Die Rohsole wird heute meist in unterirdischen Kavernen gewonnen. Diese entstehen durch kontrolliertes Auslaugen der Salzschichten. In rund 200 Metern Tiefe (Muttenz) kann eine solche Kaverne bis zu 70 Meter Durchmesser und etwa 40 Meter Höhe erreichen. Über drei ineinanderliegende Rohre wird Wasser eingepresst, Sole nach oben gefördert und Stickstoff eingebracht. Dieser bildet eine schützende Schicht, die verhindert, dass sich die Decke der Kaverne unkontrolliert auflöst.
Eine solche Kaverne wird über 15 bis 20 Jahre genutzt. Danach wird sie überwacht, stabilisiert und schliesslich mit Beton verschlossen.
Danach beginnt die eigentliche Verwandlung: In Verdampfungsanlagen siedet die Sole bei rund 140 Grad. Der entstehende Dampf wird aufgefangen und erneut genutzt, der Prozess arbeitet nahezu im Kreislauf. Kristall um Kristall entsteht ein dichter Salzbrei, der in Zentrifugen entwässert und danach geföhnt wird. Damit es nicht verklumpt, wird eine Rieselhilfe wie Kalziumkarbonat beigefügt. Zum ersten Mal zeigt sich das Salz so, wie es im Alltag erscheint: weiss, trocken, unscheinbar – und doch Ergebnis eines hochkomplexen industriellen Prozesses.
Als Pratteln olympisch wurde
Doch seine Wirkung endet nicht im Alltag. Salz prägt auch Oberflächen, auf denen Geschwindigkeit entsteht. Hinter perfekten Skipisten steckt oft ebenfalls Salz. Zunächst wirkt das paradox, denn Salz lässt Schnee schmelzen. Genau das geschieht auch: Für kurze Zeit wird der Schnee weich und feucht. Doch dann verteilt sich das Wasser zwischen den Kristallen und gefriert erneut. Die Schneekörner verbinden sich dichter miteinander, als würden sie verschweisst.
Wie wichtig dieses Salz sein kann, zeigte sich bei den Olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi. Der Winter am Schwarzen Meer war zu warm, die Pisten drohten weich zu werden. Hinter den Kulissen begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Renndirektor Hans Pieren erinnerte sich an die Schweizer Rheinsalinen und griff zum Telefon. 24 Tonnen Salz wurden dringend benötigt.
Innerhalb weniger Stunden wurde das Salz organisiert, verladen und zum Flughafen Zürich transportiert. Von dort flog es nach Russland. Keine 24 Stunden später wurde Schweizer Salz bereits auf den olympischen Pisten verteilt. Ein unscheinbarer Rohstoff aus der Schweiz wurde zum stillen Retter der Winterspiele.
Das industriell gewonnene Salz und die Schweiz: Am Anfang dieser Geschichte stehen die hölzernen Bohrtürme in der Rheinebene. Heute fördern Anlagen der Schweizer Salinen in Riburg, Schweizerhalle und Bex im Kanton Waadt das Salz mit hochpräziser Technik aus dem Untergrund. Ein unscheinbares Produkt – ein unersetzliches auch.
Auch wenn die Salzproduktion ab 2032 in Schweizerhalle aufgegeben wird, wird ein Teil des «weissen Golds» weiterhin aus dem Baselbieter Boden kommen. Unter anderem streben die Rheinsalinen die künftige Salzgewinnung im Röserntal bei Liestal an.
Ein Stück Industriegeschichte (1)
vs. In Schweizerhalle bei Pratteln wird seit 1837 Salz gewonnen und verarbeitet. Nun stellen die Schweizer Salinen ihre Produktion neu auf: Ab dem Jahr 2032 soll die auf Baselbieter Kantonsgebiet geförderte Sole nicht mehr in Schweizerhalle, sondern in Riburg im Fricktal zu Salz verarbeitet werden. Schweizerhalle bleibt Sitz der Verwaltung und ein historischer Standort, verliert aber seine heutige Rolle in der Produktion. Oder wie es die «bz Basel» vor einiger Zeit formulierte: Ein Stück Baselbieter Industriegeschichte neigt sich dem Ende entgegen.
Die «Volksstimme» nimmt diesen Einschnitt zum Anlass, auf die Baselbieter Salzgeschichte zu blicken. In einer der nächsten Ausgaben folgt Teil 2 über Salz und die Staatsfinanzen vor allem in der Zeit nach der Kantonsgründung. Der Historiker und ehemalige Baselbieter Staatsarchivar Matthias Manz ist dafür für die «Volksstimme» ins Archiv gestiegen.



