Vom Uhrwerk zum Menschenwerk
08.04.2026 Porträt, BaselbietReinhard Straumann – Ingenieur, Metallurge und Wegbereiter der Medizinaltechnik
Im Waldenburgertal begann vieles mit Zahnrädern und Spiralen. Reinhard Straumann (1892–1967) nahm diese Präzision auf – und setzte sie erfolgreich dort ein, wo es um Knochen, ...
Reinhard Straumann – Ingenieur, Metallurge und Wegbereiter der Medizinaltechnik
Im Waldenburgertal begann vieles mit Zahnrädern und Spiralen. Reinhard Straumann (1892–1967) nahm diese Präzision auf – und setzte sie erfolgreich dort ein, wo es um Knochen, Heilung und Sicherheit ging.
Hanspeter Gautschin
Wer im Waldenburgertal von Industrie spricht, landet rasch bei der Uhrmacherei. Reinhard Straumann, im-Jahr 1892 in Bennwil geboren, kam aus genau diesem Umfeld. Er war ein technisch hochbegabter Kopf, geprägt von Werkstoffen, Messgenauigkeit und dem Anspruch, Dinge besser zu machen.
Seine Ausbildung führte ihn an renommierte technische Schulen, unter anderem ans Technicum in Neuenburg sowie an die École Supérieure d’Aéronautique in Lausanne. Früh spezialisierte er sich auf Metallurgie und Legierungen, also auf jene Materialien, die Präzisionsinstrumente zuverlässig machen. Als technischer Direktor der «Thommens Uhrenfabrik AG» in Waldenburg arbeitete er mitten in der Entwicklung der regionalen Uhrenindustrie. Doch sein Interesse blieb nicht beim Uhrwerk stehen.
Eine Zäsur brachte der Winter 1925/26: Ein schwerer Skisprungunfall zwang ihn zu langer Rekonvaleszenz. In dieser Zeit wandte er sich einem Thema zu, das damals kaum erforscht war: der Struktur des Knochens. Straumann betrachtete Knochen nicht nur als biologische Substanz, sondern auch als Material. Aus Metallurgie wurde Biomechanik – ein Perspektivenwechsel, der seine weitere Arbeit prägen sollte.
Forschung im privaten Labor
1932 wies Straumann darauf hin, dass organische Knochensubstanz eine kristalline Struktur aufweist. Seine Forschung entstand nicht an einer grossen Universität, sondern in einem privaten Labor, das er in seinem Wohnhaus in Waldenburg einrichtete. Dort arbeitete er an metallurgischen Fragen ebenso wie mit physikalischen Methoden – ein ungewöhnlicher Mix, der neue Anwendungen möglich machte.
Seine Erkenntnisse blieben nicht Theorie. Mit dem Blick des Werkstoffkundlers stellte sich rasch die Frage, wie belastbare und zugleich gewebetaugliche Materialien für die Medizin aussehen müssen. Genau hier begann ein neues Kapitel im Tal: Medizinaltechnik, entwickelt aus der Denktradition der Präzision.
Parallel dazu blieb Straumann dem Skisport verbunden. Nach dem Unfall ging es ihm um Sicherheit. Zwischen 1926 und 1952 veröffentlichte er eine Reihe von Arbeiten über den Skisprung, analysierte Kräfte, Flugbahnen und Ausläufe, entwickelte Normen für Sprungschanzen. Seine Modelle wurden im Göttinger Windkanal geprüft; 1932 erklärte die Fédération Internationale de Ski (FIS) seine Vorgaben als verbindlich. Damit erhielt der Skisprung weltweit einen messbaren Sicherheitsrahmen.
1954 gründete Straumann in Waldenburg das Forschungsinstitut Dr. Ing. R. Straumann AG. Mit dabei war sein Sohn Fritz Straumann, ebenfalls Ingenieur. Aus dem Labor im Wohnhaus wurde eine Institution, die Forschung und Produktion zusammenführte.
Ab 1960 arbeitete das Institut eng mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen zusammen. In Zusammenarbeit mit führenden Chirurgen entstand die stabile Osteosynthese, eine Methode, welche die Knochenbruchbehandlung grundlegend veränderte. Die dafür nötigen Werkstoffe und Spezifikationen wurden in Waldenburg mit entwickelt und prägten später internationale Standards. Die Produkte – Schrauben, Platten, Instrumente – fanden ihren Weg in Spitäler weit über die Schweiz hinaus. Auch Veterinär- und Zahnmedizin griffen das Know-how auf.
Reinhard Straumann starb 1967. Sein Werk führte Fritz Straumann weiter. Aus einem Baselbieter Forschergeist wuchs ein internationaler Name. Der Ursprung blieb kleinräumig, die Wirkung global: Präzision aus dem Tal, angewandt am Menschen.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

