Vom Schnellzug abgehängt
27.08.2026 BaselbietGemeinden kämpfen für bessere Postautoanschlüsse
Anwil, Kienberg und Rothenfluh fordern wieder eine bessere Anbindung an die Schnellzüge in Gelterkinden, und Ormalingen solidarisiert sich. Die kantonale Abteilung öV will vorerst keine Fahrplanänderung. Nun wird das Anliegen den Landrat beschäftigen.
Christian Horisberger
«Wir sind irritiert und enttäuscht.» Der Anwiler Gemeinderat Darryl Ackermann hätte von Isaac Reber wenigstens ein persönliches Gespräch und im besten Fall ein Entgegenkommen erwartet, beides aber wurde ihm vom Vorsteher der Baselbieter Bauund Umweltschutzdirektion verwehrt. Geht es nach dem Willen des grünen Regierungsrats und dessen Abteilung für öffentlichen Verkehr, werden die Berufspendler aus Kienberg, Anwil und Rothenfluh mindestens auch im nächsten Jahr am Bahnhof Gelterkinden den Schnellzügen in Richtung Basel hinterher schauen müssen – und am Abend den Postautos, die bereits unterwegs sind, wenn die Schnellzüge aus Basel in Gelterkinden eintreffen.
Im vergangenen Dezember wurde der Fahrplan für die Buslinie 101 (Wegenstetten – Hemmiken – Ormalingen – Gelterkinden) optimal auf die Schnellzüge von und nach Basel abgestimmt und jener für die Linie 102 (Kienberg – Anwil – Rothenfluh – Ormalingen – Gelterkinden) auf die S3. Die Pendler von Kienberg bis Rothenfluh, die bis dahin die Schnellzüge mit dem Postauto erreicht hatten, müssen seither mit dem «Bummler» Vorlieb nehmen, und ihre Fahrzeiten haben sich verlängert.
In der Vernehmlassung zum neuen Fahrplan, der im kommenden Dezember in Kraft treten wird, hatten die Gemeinden Anwil, Kienberg und Rothenfluh ihr Anliegen bereits im April postuliert. Zudem haben sich in einer von Pendlern initiierten Unterschriftensammlung in Anwil und Rothenfluh mehr als 400 Personen für eine wieder bessere Anbindung an die Schnellzüge ausgesprochen. In einer Bevölkerungsumfrage schlossen sich die Kienberger dem Anliegen an, und auch der Verein Region Oberbaselbiet unterstützte es in seiner Stellungnahme zum Fahrplanentwurf 2027.
Gemeinden machen Druck
Den weiteren Verlauf des Versuchs, die Schnellzuganbindung zurückzuerhalten, schildert die Gemeinde Anwil in einer gestern veröffentlichten Medienmitteilung. Isaac Reber wird darin als Verhinderer dargestellt. Denn nach einem Treffen der betroffenen Gemeinden – aus Solidarität schloss sich Ormalingen an – mit einem Vertreter der Abteilung öffentlicher Verkehr der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) schien es noch gut auszusehen: Die Gemeinden hätten auf der Basis des Fahrplans 2025 einen konkreten Vorschlag für neue Fahrzeiten vorgelegt, und es sei am Treffen von Mitte Juni vereinbart worden, dass die Abteilung öV diesen weiter ausarbeite, sagt Gemeinderat Ackermann. «Der Vorschlag hätte nicht mehr Kurse bedeutet und wäre damit kostenneutral gewesen», versichert er gegenüber der «Volksstimme».
Ende Juli sollte die Abteilung öV den Gemeinden den von ihr überarbeiteten Entwurf unterbreiten. Dazu ist es nicht gekommen. Am 21. Juli informierte der Kanton die vier Gemeinden darüber, dass ihrem Wunsch für den kommenden Fahrplanwechsel nicht entsprochen werde. Es bestünden aus fachlicher Sicht erhebliche Zweifel, «dass die vorgeschlagene Fahrplanänderung zu einer Verbesserung des Angebots führen würde», heisst es in der Absage. Hinzu komme, dass die aktuellen Fahrgastzahlen noch keine belastbare Beurteilung der Nachfrageentwicklung zulassen würden: Bis sich nach einer Fahrplanumstellung stabile Nutzungsmuster einstellen würden, brauche es eine gewisse Zeit. Eine erneute Anpassung ohne vollständige Datengrundlage berge das Risiko, Entscheide zu treffen, die sich nachträglich als nicht zielführend erweisen würden. Man nehme das Anliegen ernst, schreibt die Abteilung öV, doch sei es nicht ihr Ziel, einzelne Wünsche umzusetzen, sondern den Fahrplan so auszugestalten, dass er den Bedürfnissen der Mehrheit der Fahrgäste bestmöglich entspricht.
Auf Anfrage der «Volksstimme» betont die Abteilung öV, dass der letzte Fahrplanwechsel für das Baselbiet die «bei weitem grössten Anpassungen im öffentlichen Verkehr seit vielen Jahren mit sich gebracht» habe. Dies sei durch den Viertelstundentakt Basel – Liestal und den zweiten Schnellzugshalt in Gelterkinden erfolgt. In der Folge habe man sich intensiv darum bemüht, die Buskonzepte so anzupassen, dass sie diese Angebotsverbesserungen möglichst optimal abnehmen.
Jetzt mit dem Auto zum Bahnhof
Für die Betroffenen sieht «optimal» anders aus. Darryl Ackermann spricht von einem «Abschneiden» der Gemeinden von einem attraktiven ÖV-Angebot, was zur Folge habe, dass mehrere ÖV-Nutzerinnen und -Nutzer mit dem Auto nach Gelterkinden fahren würden, um dort den Schnellzug zu nehmen.
Er bat deshalb den Vorsteher der Bau- und Umweltschutzdirektion um ein Gespräch. Nach mehreren erfolglosen Versuchen Ackermanns, Reber zu erreichen, hat ÖV-Abteilungsleiter Florian Kaufmann im Auftrag des Regierungsrats geantwortet. Die Kurzfassung des Schreibens: Nein, es wird keine Anpassung auf den kommenden Fahrplanwechsel geben. «Nach Vorliegen der Zahlen werden wir in der ersten Jahreshälfte 2027 in der Lage sein, gemeinsam mit Ihnen die Lage neu zu beurteilen.»
Die Medienstelle der BUD hält fest, dass es bei fachspezifischen Anfragen üblich sei, dass sich der Direktionsvorsteher von der zuständigen Fachstelle beraten lasse. Isaac Reber lehne nicht die Fahrplananpassung per se ab, sondern sei der Meinung, «dass eine Entscheidung über die eine oder andere Variante faktenbasiert gefällt werden muss».
Nach dem Korb aus Liestal setzen die «abgeschnittenen Dörfer» ihre Hoffnungen aufs Parlament. Der Ormalinger «Mitte»-Politiker Dario Rigo wird das Anliegen in der Fragestunde der Landratssitzung in zwei Wochen zur Sprache bringen.

