«Vom Perfektionismus bei der Technik muss man wegkommen»
05.05.2026 BaselbietMartina Sollberger vom TV Ziefen ist mit DJ Bobo auf Arena-Tour
Vom Turnverein auf die grosse Bühne: Martina Sollberger begleitet DJ Bobo auf seiner Tour «The Great Adventure» durch Europa. Die 32-jährige Turnerin des TV Ziefen spricht über späte Chancen, ...
Martina Sollberger vom TV Ziefen ist mit DJ Bobo auf Arena-Tour
Vom Turnverein auf die grosse Bühne: Martina Sollberger begleitet DJ Bobo auf seiner Tour «The Great Adventure» durch Europa. Die 32-jährige Turnerin des TV Ziefen spricht über späte Chancen, körperliche Grenzen und den Druck, wenn nicht Punkte zählen, sondern Unterhaltung.
Brigitte Keller
Frau Sollberger, wie kam es dazu, dass Sie Teil der sechsköpfigen Akrobatiktruppe wurden, die DJ Bobo bei seiner neuen Show begleiten wird?
Martina Sollberger: Der Aufruf, dass DJ Bobo Ringturner suchen würde, erfolgte über verschiedene Kanäle, insbesondere auch durch den Schweizerischen Turnerverband (STV). Ich fand jedoch, ich sei mit 32 zu alt dafür, und ein Unfall vor ein paar Jahren, bei dem ich mir ein Knie sehr schwer verletzte, hielt mich von einer Bewerbung ab. Mein Mann Severin bewarb sich und er war es dann auch, der mich dazu motivierte, mich kurz vor Anmeldeschluss doch auch noch zu bewerben. Und ja, ich war schon immer eher der Show-Typ gewesen und nicht der Wettkampf-Typ. Voraussetzung war, dass man einen Doppelsalto-Abgang von den Ringen beherrscht. Bei meinem Bewerbungsvideo hängte ich noch einen Sportakrobatikteil mit Tanz und Musik dran. Vielleicht war dies der ausschlaggebende Punkt, dass ich ausgewählt wurde und Severin, als einer der besten Ringturner der Schweiz – er war zweimal Schweizermeister – nicht. Es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir beide zusammen diese einmalige Erfahrung hätten machen können.
Mussten Sie Ihr Training umstellen – weg vom Wettkampf hin zur Show?
Es ist ganz klar Show, nicht Wettkampf. Vom Wettkampf-Denken und dem Perfektionismus bei der Technik muss man wegkommen. Es muss natürlich «sauber» ausgeführt sein, aber alles rundum, wie Synchronität und exakter Abgang, ist hier genauso wichtig. Dies war für uns alle eine ziemliche Umstellung. Mir hilft meine Erfahrung im Akrobatik-Training, ich bin es gewohnt, zu tanzen und Choreografien zu machen.
Ist der Druck vergleichbar – oder sogar grösser, wenn es nicht um Punkte, sondern um Unterhaltung geht?
Eigentlich war ich immer nervöser vor einem Wettkampf. Wenn man ein anspruchsvolles Programm turnt, das zwar spektakulär aussieht, aber technisch nicht ganz korrekt ist, wird man mit Abzug bestraft. Charme und Ausdruck helfen einem dort im Gegensatz zum Showbusiness nicht. Und ich war mit dem TV Ziefen auch schon an der «Gymnaestrada», dem grössten internationalen Breitensportfestival, und ich habe auch schon einmal an der grössten Schweizer Turnshow «Gymotion» mitgemacht. Dort war man aber jeweils eine von vielen. Jetzt, auf der Tour mit DJ Bobo, sind die Dimensionen nochmals grösser und gleichzeitig sind wir Akrobaten nur zu sechst: Wenn ich stürzen würde, macht es etwas aus. Hier spiele ich eine wichtigere Rolle, ich bin Teil einer grossen Show, hier muss ich «abliefern».
Wie studiert man eine Arenashow in dieser Grössenordnung überhaupt ein – mit so vielen Mitwirkenden, Technik und Abläufen?
Alle zusammen getroffen haben wir uns, nach dem ersten Kennenlerntreffen im vergangenen Sommer, nur wenige Male. Jeder, respektive alle Zweierteams wussten, was zu trainieren war. Das Programm an den Ringen habe ich in Ziefen mit der Unterstützung des Turnvereins und meines Mannes Severin geübt. Als zweite Nummer von mir wünschten sich die Verantwortlichen genau die Bodenakrobatik-Nummer mit einem Doppelsalto über den Partner hinweg, wie ich sie in meinem Bewerbungsvideo gezeigt hatte. Das hiess für mich, diese mit Valentin Rosati, einem mir bisher unbekannten Partner, einzustudieren. Das war für mich und ihn sehr anspruchsvoll, wir mussten ja erst ein Vertrauen zueinander aufbauen. Dafür haben wir viel zusammen trainiert, seit Anfang März wöchentlich.
Wie viel ist an der Show bis ins Detail durchgeplant – und wo bleibt noch Raum für Spontaneität auf der Bühne?
Es ist alles ganz genau durchgeplant – und trotzdem braucht es auch Spontaneität, wenn vor Ort etwas angepasst werden muss. So war es auch nach dem ersten Auftritt vor Publikum im Europa-Park, als sogar noch ein ganzes Lied aus der Show gestrichen wurde. Und dort war beispielsweise auch das «Ringgerüst» noch nicht so starr fixiert, wie wir das gewohnt sind, und wir mussten respektive durften unsere Darbietungen daran anpassen. Man muss immer darauf vorbereitet sein, spontan etwas anpassen zu können. Wichtig ist, dass das, was das Publikum zu sehen bekommt, immer möglichst perfekt daherkommt.
Ist das ein einmaliges Projekt oder können Sie sich vorstellen, nach der DJ-Bobo-Tournee noch länger im Showbereich zu bleiben?
Früher hätte ich gerne mehr Shows machen wollen, als Jugendliche hatte ich mir sogar vorstellen können, Zirkusartistin zu werden. Jetzt, mit 32, bin ich eigentlich schon aus dem Showalter raus. Ich werde es jetzt rausfinden. Ich denke, die acht Wochen werden sehr intensiv für den Körper sein. Wir hatten ja bereits vier Show-Abende hintereinander im Euro-Park, die habe ich mega gespürt. Auch jede Verletzung, die man schon gehabt hat, beeinflusst einen, auch mental. Man überlegt, was passieren könnte, und kennt seine eigenen Grenzen sehr gut.
Wie konnten Sie die zwei Monate dauernde Tournee mit Ihrer Arbeitsstelle regeln?
Ich bin selbstständig als Logopädin im
Frühbereich tätig, und da ich es ja bereits vor einem Jahr gewusst habe, konnte ich meine Abwesenheit zum Glück entsprechend einplanen. Dafür habe ich die vergangenen Wochen mehr gearbeitet.
Wie erleben Sie DJ BoBo als Person?
Das fragen mich viele! Er stellt sich nicht auf ein Podest oder separiert sich. Man isst zusammen, man umarmt sich vor jeder Vorstellung. Er gibt uns auch immer positives Feedback zu unseren Auftritten. Er ist ein Teil des ganzen Teams. Von anderen Hauptacts hört man da ganz anderes. Ich erlebe ihn als sehr bodenständigen Menschen. Er zeigt sich so, wie er ist, und verstellt sich nicht. Seine authentische Art, auch mal einen Fehler zu machen und darüber lachen zu können, macht ihn sympathisch und kommt auch beim Publikum sehr gut an.
Gibt es etwas, das Sie an seiner Arbeitsweise überrascht hat?
Ich habe gestaunt, wie stark er selber bei jedem Schritt bei den Vorbereitungen involviert war. Er ist von morgens bis abends dabei und entwickelt die Show mit. Man spürt seine grosse Leidenschaft und Freude, die er für seine Arbeit hat.
Am ersten Mai-Wochenende ging die Tour los mit drei Auftritten in den Deutschen Städten Riesa und Leipzig. Was war das für ein Gefühl?
Am vergangenen Mittwochmorgen um 5 Uhr stieg ich in den Tourbus, der uns zu unserem ersten Auftrittsort brachte. In diesem Moment wurde mir so bewusst: Ich bin ein Teil der Show. Ich bin sehr gespannt, was wir in den kommenden zwei Monaten mit insgesamt mehr als 30 Auftritten, dem Zusammenwachsen mit der ganzen Crew und den Begegnungen mit dem Publikum erleben werden.
Zur Person
bke. Martina Sollberger, geborene Bill, ist 32 Jahre alt und in der Nähe von Winterthur aufgewachsen. Sie ist gelernte Logopädin und selbstständig tätig. Mit ihrem Ehemann Severin Sollberger wohnt sie in Kappel (SO). Schon als Vorschulkind machte sie in einem Kinderzirkus mit und wechselte dann zum Geräteturnen und zur Sportakrobatik, was sie seither intensiv betreibt und mit Bestplatzierungen an Wettkämpfen unter Beweis stellte. Zum TV Ziefen kam sie vor ein paar Jahren durch ihren Ehemann, den Turner Severin Sollberger, den sie in einem J+S-Leiterkurs kennengelernt hatte. Mittlerweile ist sie beim TV Ziefen auch aktiv als Leiterin verschiedener Abteilungen tätig. Die kommenden zwei Monate ist Martina Sollberger Teil einer sechsköpfigen Akrobatiktruppe, die DJ Bobo europaweit bei insgesamt über 30 Auftritten bei seiner neuen Show «The Great Adventure» begleiten wird. Der einzige Auftritt in der Schweiz findet am 9. Mai im Hallenstadion in Zürich statt.


