«Volljährig»
01.10.2026 PersönlichGeschter hani zum letschte Mol e Zeedel für d Schuel vo myner Dochter unterschriibe. Glyy wird sy 18-ni, also offiziell volljährig und sälber verantwortlig. Sy darf eifach so Zügs unterschryybe, bestimmen und entscheide. Go wehlen und abstimme darf sy sogar in zwöi ...
Geschter hani zum letschte Mol e Zeedel für d Schuel vo myner Dochter unterschriibe. Glyy wird sy 18-ni, also offiziell volljährig und sälber verantwortlig. Sy darf eifach so Zügs unterschryybe, bestimmen und entscheide. Go wehlen und abstimme darf sy sogar in zwöi Länder. Ich als Mami ha aso irgendwie usdient. Es komischs Gfühl …
Es fühlt sich a wien e Mäilestäi – das Chind, woni churz nach em Uswandere do z Münche gebore ha, isch jetz offiziell «fertig mit Chind sy». Aber sy die Chind plötzlig anderscht, wenn dä speziell Geburtsdaag duuren isch? Mir bespräche doch am neggschte Daag glyych in der Chuchi der Daag, bevor sy in d Schuel goht. Während ich ihren es Brötli zum Zmittag schmiir, gib ich doch immer no myni Rootschleeg ab, ass die warm Jagge hüt besser wär … Ich bi immer no s Taxi, wenn d S-Bahn nid fahrt und i gang no mit zu wichtigen Arzttermin (wenn sy das wünscht).
Bim Bache cha me zimmlig genau säge, wenn öbbis fertig isch. E Tiefchüelpizza muess öppen elf Minuten in Oofe. Es Puzzli mit 500 Teil isch exakt mit deene 500 Teil suuber zämme puzzlet fertig. Bime Software-Update wird sogar aazeigt, wenn der Balke bi 100 Prozent aacho und alles fertig isch. Sälbscht binere Wöschmaschiine stoht, wie lang die no schleuderet, au wenn mir alli wüsse, ass sich die letscht Minute sehr in d Längi zieht!
Aber sone junge Mensch? Ich sälber bi nid fertig gsi mit «Chind sy», won ich 18-ni worde bi. Ich ha my zwar wahnsinnig erwachse gfühlt und my direkt nach mym 18. Geburtsdaag vo der Schuel abgmäldet – churz vor em Diplom. Jetz isch es duss! Aber au numme, wil i schon e Lehrstell im Sack gha ha. So hani ganz sälbschtbestimmt zwee Mönet vor der Drogischtelehr in der Hanro Unterlyybli verpackt und Gäld verdient. Zum Glück het niemer nüd gsäit, wäg däm fehlende Diplom. Blybt me nach em 18. Geburtsdaag aso eifach es grosses Chind mit meh Sälbschständigkeit, Verantwortig und im beschte Fall mit Gäld?
Ich ha jo ne jüngere Bueb, und so närv i myni Chind no lang mit «hesch dy Wasserfläsche yypackt?». Und ich gang wyterhii am Wuchenänd amme vor myne Chind ins Bett, wil ich müeder bi als die Junge. Und ich kassier no lang es lachends Augerolle, wenn ich Wörter wie «Auweia» oder «Botzblitz» säg. Schyynts säge das nummen alti Lüt, also settig wie ich, Mitti Vierzgi.
Sälbscht wenn mol beidi Chind nid numme volljährig, sondern au würklig erwachsen und sälbschtändig sy … Es blyybe jo immer myni Chind. Ich bi sälber gärn no chly Dochter, dehäi im Elterehuus. Ich chumm au gärn no Rootschleeg und guet gmeinti Tipps vo mynen Elteren über. Ass myni Chind hüt e Schirm bruuchen und ass sie selle vorsichtig fahre, säg ich allwä no, wenn si sälber mol Zeedel für ihri Chind unterschryyben und die neggschti Generation volljährig wird …
Marianne Lindner-Köhler, 1981 im Baselbiet geboren und aufgewachsen, lebt mit ihrer Familie in München. Als Mary Long tritt sie auf bayerischen und Schweizer Poetry-Slam- und Kleinkunstbühnen auf.

