«Vielleicht muss man Stromknappheit spüren»
07.05.2026 BaselbietEBL-CEO Tobias Andrist über Strommarkt, Netzausbau und Energiewende
Die Energiewirtschaft steckt im Umbruch. Gleichzeitig blickt die Elektra Baselland (EBL) auf ein gutes Jahr zurück. CEO Tobias Andrist erklärt, weshalb die Netze grosse Investitionen erfordern und ...
EBL-CEO Tobias Andrist über Strommarkt, Netzausbau und Energiewende
Die Energiewirtschaft steckt im Umbruch. Gleichzeitig blickt die Elektra Baselland (EBL) auf ein gutes Jahr zurück. CEO Tobias Andrist erklärt, weshalb die Netze grosse Investitionen erfordern und Ungleichheiten bei den Kosten drohen. Zudem äussert er sich zu einer möglichen Stromknappheit.
Jo Krebs
Herr Andrist, die Energiebranche warnt vor einem Scheitern des EU-Stromabkommens. Welche Auswirkungen hätte ein Nein aus Brüssel auf Alltag und Stromrechnung eines Industriebetriebs oder einer Bäckerei im Oberbaselbiet?
Tobias Andrist: Wir sind mitten drin, wir sind quasi die Nabe im europäischen Markt. Wenn wir nicht im Strommarkt integriert sind, haben wir Nachteile. Die Energieflüsse funktionieren so oder so. Nur wenn wir voll eingebunden sind, können wir ein Optimum erreichen und beispielsweise unsere Kraftwerke in den Bergen gut für die Stromversorgung vermarkten. Für den Stromkunden im Oberbaselbiet bedeutet ein Nein mittelfristig schlichtweg höhere Kosten für die Netzregulierung durch Swissgrid. Wenn das Abkommen und damit auch die Strommarktöffnung kommt, haben wir diesbezüglich geringere Kosten in der Schweiz, können unsere Grosskraftwerke besser vermarkten, und auch Kleinbetriebe und Private erhalten die Handlungsfreiheit, ihren Lieferanten selbst zu wählen, wenn sie das denn möchten.
Immer mehr Hausbesitzer produzieren ihren eigenen Solarstrom und nutzen somit das Stromnetz weniger.
Wie wollen Sie verhindern, dass am Ende mehrheitlich die Mieter und das lokale Gewerbe die Zeche für den Unterhalt des EBL-Stromnetzes zahlen?
Diese Entwicklung beobachten wir mit einer gewissen Sorge. Wer eine grosse PV-Anlage und einen Speicher hat, bezieht übers Jahr gesehen wenig Energie und bezahlt entsprechend weniger für die Netznutzung, benötigt an kalten Wintertagen aber dennoch eine hohe Spitzenleistung vom Netz. Die Leitungen im Boden und die Transformatorenstationen müssen auf genau diese Spitzenauslastung ausgelegt sein, was sehr hohe Grundkosten verursacht. Momentan werden 70 Prozent dieser Netzkosten über den variablen Energiebezug bezahlt. Das führt zu einer Kostenverlagerung und damit Entsolidarisierung – es ist im Grunde eine versteckte Förderung für Eigenheimbesitzer. Ich bin überzeugt, dass hier irgendwann der Regulator eingreifen und höhere Leistungstarife oder Pauschalen verlangen wird. Darum pushen wir seitens EBL die Modelle wie Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV) oder lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) nicht aktiv. Wir wollen unseren Kunden heute nichts versprechen, wenn sich die Spielregeln in ein paar Jahren ändern und ihre Wirtschaftlichkeitsrechnung dann schlechter ausfällt.
Wärmepumpen und E-Autos erfordern ein stärkeres Stromnetz, doch der Bund hat die Kapitalrendite für Investitionen in die Netzinfrastruktur gekürzt. Wie finanziert die EBL den nötigen Leitungsausbau im Baselbiet, und müssen die KMU und Haushalte nun mit höheren Kosten rechnen?
Als Genossenschaft haben wir hier ein anderes Verhältnis zu diesem Thema. Unser ureigener Auftrag ist eine gute und sichere Stromversorgung im Oberbaselbiet. Wir können nicht einfach sagen, wir investieren jetzt nicht ins Netz, nur weil der Zins zu tief ist, und riskieren dadurch eine schlechte Versorgungssicherheit. Wir investieren momentan deutlich mehr in den Ausbau, als wir abschreiben. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Netzkosten stark zu kontrollieren, um weiterhin ein günstiges Netz zu garantieren. Aber es ist natürlich eine unschöne Situation: Die Energiepolitik senkt die Renditen, während wir hinsichtlich der Energiestrategie gezwungen sind, massiv ins Netz zu investieren.
Für die Netzstabilität setzt die Energiebranche grosse Hoffnungen in Künstliche Intelligenz und smarte Technologien. Was heisst Digitalisierung bei der EBL konkret, und wie profitieren Ihre Kunden im Alltag davon?
Für die Kunden wird das am direktesten über den Smart Meter sichtbar, wo wir bis Ende des Jahres eine Abdeckung von 99 Prozent erreichen. Über das Kundenportal erhalten sie Transparenz über ihren eigenen Verbrauch. Zudem können Dinge wie ein Mieterwechsel nun automatisch und auf Knopfdruck abgerechnet werden, ohne dass jemand vor Ort den Zähler ablesen muss. Intern hilft uns die Digitalisierung extrem: Monteure werden papierlos via iPads zu ihren Aufträgen gesteuert. Wir klonen unser gesamtes Stromnetz digital und reichern es mit Daten der Smart Meter an. So wissen wir exakt, wo wir Überlastungen haben, wo noch Reserven für PV-Anlagen bestehen und wie wir das Netz künftig optimal modellieren müssen. Zudem setzen wir auf Künstliche Intelligenz, um administrative Prozesse zu beschleunigen und unser internes Wissen blitzschnell verfügbar zu machen.
In Bern wird wieder intensiv über den Bau neuer Atomkraftwerke diskutiert. Ist diese Debatte aus Ihrer Sicht zielführend, und welche Voraussetzungen müssten überhaupt gegeben sein, damit neue AKW-Planungen relevant werden?
Die Schweiz profitiert heute stark von dieser Technologie. Wenn diese Kraftwerke irgendwann vom Netz gehen, entsteht unweigerlich eine Lücke im Winter. Für die EBL selbst ist Atomkraft aber kein Investmentthema, dafür sind wir zu klein; unser Fokus bleibt voll bei den erneuerbaren Energien. Ein neues Kernkraftwerk bündelt extrem viel Kapital. Ohne massive staatliche Garantien und Subventionen wird in der Schweiz kein Versorgungsunternehmen ein solches Risiko eingehen. Fakt ist: In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden in Europa und in der Schweiz massiv erneuerbare Energien und Batterien ausgebaut, aber es wird in dieser Zeit in der Schweiz kein neues Atomkraftwerk gebaut.
Wenn Atomkraft kurzbis mittelfristig keine Lösung ist – wie füllen wir dann die berüchtigte Winterlücke?
Wir werden auf jeden Fall ein Backup brauchen, und das werden aus heutiger Sicht wohl Gaskraftwerke sein. Es braucht Anlagen, die im Hintergrund bereitstehen, falls Sonne und Wind über längere Zeit zu wenig Energie liefern oder Importe nicht ausreichen. Wasserstoff ist noch keine echte Alternative, da er im Vergleich zu Erdgas extrem teuer und schwierig zu transportieren oder zu speichern ist. Die Winterlücke werden wir also durch Importe, Windenergie oder eben Gaskraftwerke füllen.
Die Energiewende benötigt für Windkraft oder Solaranlagen Platz im Mit welchen Argumenten überzeugen Sie die Bevölkerung vor Ort für die Eingriffe mit Kraftwerken ins vertraute Landschaftsbild?
Wir leisten uns momentan den Luxus, Infrastrukturprojekte über Jahrzehnte durch Einsprachen bis vor das Bundesgericht zu blockieren – wie wir es in der Region auch beim Wasserkraftwerk Zwingen erlebt haben. Das ist möglich, weil wir uns aktuell in einer Wohlfühlgesellschaft befinden. Jeden Tag kommt zuverlässig Strom aus der Steckdose, und die Leute verstehen den Nutzen dieser Infrastruktur heute oft gar nicht mehr, weil für sie «eh schon alles da ist». Wahrscheinlich braucht es am Schluss wirklich eine spürbare Knappheit, damit man aufwacht und die Notwendigkeit für Investitionen und gewisse Eingriffe in die Landschaft akzeptiert.
Wenn wir die massiven Investitionen für den Netzausbau, die Winterreserven und neue Speicher betrachten: Worauf müssen sich Familien und das lokale Gewerbe im in den nächsten Jahren bei ihren Stromrechnungen einstellen?
Eine verlässliche Preisprognose über zehn oder mehrere Jahre zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Was wir wissen: Durch die Elektrifizierung von Mobilität und Heizungen steigt die Nachfrage nach Strom massiv. Die Frage ist, ob wir schnell genug die richtige Produktion nachbauen können. Der Strompreis wird sich daher daran orientieren, ob ausreichend Energie verfügbar ist. Wie sich das entwickelt, werden wir sehen.
Jahresergebnis der EBL
jk. Die Genossenschaft Elektra Baselland (EBL) blickt auf ein starkes Jahr 2025 zurück. Obwohl sinkende Strompreise den Umsatz bremsten, stieg der Gewinn deutlich. Trotz eines anspruchsvollen Marktumfelds präsentiert die Elektra Baselland erfreuliche Zahlen. Während der Gesamtumsatz mit 285,4 Millionen Franken praktisch stabil blieb (-0,9 Prozent), stieg der operative Gewinn (EBIT) um 13,4 Prozent auf 24,7 Millionen Franken. Dass die EBL bei sinkenden Strompreisen mehr verdiente, liegt einerseits an deutlich tieferen Beschaffungskosten im Stromeinkauf, andererseits am Abbau alter Deckungslücken in der Grundversorgung.
Das stärkste Wachstum verzeichnete die Sparte Wärme. Durch die Übernahme des Innerschweizer Agro Energiezentrums Rigi stieg der dortige Umsatz um rund 50 Prozent. Die EBL festigt damit nicht nur ihr Wärmegeschäft, sondern wird auf einen Schlag zu einem der führenden Pelletproduzenten der Schweiz.
Gute Nachrichten gibt es für das regionale Verteilnetz: Die Versorgungssicherheit im Oberbaselbiet war 2025 extrem hoch. Ein durchschnittlicher Endverbraucher war im ganzen Jahr gerade einmal knapp 15 Minuten ohne Strom. Zieht man davon die geplanten Unterbrechungen ab – etwa für den Wechsel auf die neuen digitalen Smart Meter –, fielen ungeplante Ausfälle kaum ins Gewicht.
Die strategischen Zukäufe und die Modernisierung des lokalen Stromnetzes erforderten 2025 Nettoinvestitionen von 73 Millionen Franken. Infolgedessen stieg die Nettoverschuldung der Genossenschaft, die mittlerweile 466 Vollzeitstellen zählt (+10,5 Prozent), spürbar an. Mit einer Eigenkapitalquote von knapp 70 Prozent bleibt die EBL jedoch weiterhin sehr solide finanziert.
Zur Person
jk. Tobias Andrist ist seit Juli 2018 CEO der EBL (Genossenschaft Elektra Baselland), einem der aktivsten Energieversorger der Schweiz. Der Betriebsökonom FH und Inhaber eines MBA der Edinburgh Business School verfügt über langjährige und tiefgreifende Erfahrung in der Energiebranche. Vor seiner Ernennung zum CEO war er bereits seit 2009 in verschiedenen Führungspositionen bei der EBL tätig, unter anderem als Leiter der Sparte Strom sowie als Leiter der Unternehmensentwicklung. In seiner aktuellen Rolle treibt er die Energiewende pragmatisch voran – mit einem starken Fokus auf Versorgungssicherheit, Netzstabilität und den Ausbau erneuerbarer Energien.

