Viel mehr als eine «Pinselrenovation»
31.03.2026 BaselbietStandortentscheid mit Neubauten fürs Kantonsspital in Liestal und auf dem Bruderholz
Die Baselbieter Regierung hat sich dafür entschieden, am Kantonsspital mit zwei Standorten festzuhalten. Die zeitlichen und finanziellen Risiken eines Neubaus in Pratteln wären zu gross. ...
Standortentscheid mit Neubauten fürs Kantonsspital in Liestal und auf dem Bruderholz
Die Baselbieter Regierung hat sich dafür entschieden, am Kantonsspital mit zwei Standorten festzuhalten. Die zeitlichen und finanziellen Risiken eines Neubaus in Pratteln wären zu gross. Zudem würde man damit weitere 2000 Patienten jährlich verlieren.
Peter Sennhauser
Gesundheitsdirektor Thomi Jourdan (EVP) gab sich offen: «Ganz ehrlich, als der Regierungsrat Anfang 2024 das Projekt Standort KSBL gestartet hat, hatte für mich persönlich die Ein-Standortvariante viel Charme und Kraft», gestand er am Freitag vor den Medien. Was er nicht sagte: dass Politiker gerne mit der Vision liebäugeln
– und daraus oft ein Milliardengrab wird statt eines Denkmals.
Das soll im Falle des Kantonsspitals Baselland (KSBL) nicht passieren. Die finanziellen, zeitlichen und strategischen Risiken wären bei einem neuen Standort «Salina Raurica» in Pratteln zu gross, findet die Regierung und schlägt dem Parlament die pragmatische Lösung vor: «Bruderholz» und «Liestal» würden mit einer Gesamtbelastung von 850 Millionen Franken (gegenüber 1,16 Milliarden für Salina Raurica) saniert und ausgebaut.
Eindeutige Faktenlage
Jourdan: «Wenn man die Bewertung auf der Grundlage der mittlerweile erarbeiteten Fakten macht und das Ergebnis ganz nüchtern anschaut, dann kann man zu keiner anderen Empfehlung kommen als Bruderholz-Liestal.» Den Vergleich der beiden Standorte hat die Regierung mit beträchtlichem Aufwand (der an der Medienkonferenz nicht beziffert werden konnte) bis ins letzte Detail angestellt. So wurde für den unabhängigen, externen Blickwinkel die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PWC) engagiert. Die externen Gutachter kamen noch eindeutiger zum Ergebnis zugunsten der Lösung «Status quo» als die internen Beurteilungen. Obwohl dem Neubau auf der Grünen Wiese ein Effizienzvorteil von 4 Prozent im Betrieb zugestanden wurde, wie Jourdan betont: «Wir hatten nachweislich keinen ‹Bias› zugunsten von Bruderholz-Liestal, sondern wir haben Salina Raurica die 4 Prozent zugestanden. Und trotzdem schneidet Bruderholz-Liestal insgesamt besser ab.»
Weniger statt mehr Patienten
Konkret: Bezüglich der medizinischen Versorgung sind beide Versionen gleichwertig. Dasselbe gilt für die Wirtschaftlichkeit, wobei PWC hier dem Status quo einen Punkt mehr gibt. Bei den «Markttrends» hingegen schneidet der Neubau wieder etwas besser ab. Die Zielsetzung des Projekts erfüllen demnach beide Varianten mit der gleichen Punktzahl.
Auf Nachfrage erklärte Thomi Jourdan dann aber auch, dass der Standort Pratteln nicht einmal in Bezug auf die zu erwartenden Patientenströme einen Vorteil darstellen würde. Es liessen sich damit in der Summe nicht nur keine Patienten vom Uni-Spital Basel zurückgewinnen. Im Gegenteil: «Netto geht man in Salina Raurica von einer Verringerung der Patientenzahl um etwa 1800 bis 2000 Patienten aus. Jährlich», sagte Jourdan, und das trotz der antizipierten Neuzugänge aus dem Fricktal. Denn auch wenn Pratteln auf der Karte wie das Zentrum des Baselbiets aussehe, habe die Analyse der Verkehrsströme ergeben, dass aus dem Birs- oder Leimental niemand Richtung Pratteln abbiegen würde.
Zu komplex, zu riskant, (zu teuer)
Die grössten Unterschiede liegen in der Umsetzung: Die Studie attestiert dem Status quo eine fast um die Hälfte geringere Komplexität als dem Neubau, wohingegen die politischen, zeitlichen, qualitativen und finanziellen Risiken mehr als doppelt so hoch wären.
Und das, obwohl auch in der Zwei-Standortlösung massiv gebaut wird. Denn die Sanierung der beiden Spitalbauten aus dem vergangenen Jahrhundert werde nicht «einfach eine Pinselrenovation», betonte Thomi Jourdan. «Ich glaube, in der politischen Diskussion ist vielen nicht bewusst, was an Neubauten in Liestal und auf dem Bruderholz geplant ist. Ich glaube, das ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen: Wir haben für die beiden Standorte bereits bestehende Wettbewerbsergebnisse, die man umsetzen kann.»
So liegen für das Bruderholz Vorprojekte für den neuen Bettentrakt vor (siehe Visualisierungen), und in Liestal ist der neue Behandlungstrakt ebenfalls bereits angedacht. KSBL-Verwaltungsratspräsidentin Barbara Staehelin sagte dazu in Anlehnung an die Vision in Salina Raurica: «Auf dem Bruderholz bauen wir auf der Grünen Wiese, in Liestal auf dem Asphalt.»
Parkhaus-Rätsel gelöst
Sie meinte damit den Bau, der zwischen der brandneuen Einstellhalle und dem Notfall zu stehen kommen soll: «Damit sind sowohl die hohen Parkgebühren wie auch der lange Fussweg vom Parkhaus zum Spitalbau erklärt, über die wir derzeit viele Klagen hören», sagte sie mit leisem Schalk. Denn dereinst liegt das Parkhaus unmittelbar am (neuen) Eingang zum Liestaler Spital.
Während Jourdan darauf verwies, dass durch diese Projekte nicht am «Objekt im Betrieb» gebaut wird, sondern parallel dazu, legte Finanzdirektor Anton Lauber («Mitte») den Finger auf den Punkt, dass mit diesen Investitionen auch eine deutliche Wertsteigerung des KSBL stattfinde.
Betriebsstart 2032 – oder 2040?
Vor allem aber liege auch in diesen, weit fortgeschrittenen Planungsstufen ein grosser Vorteil der Variante Liestal-Bruderholz: «In Pratteln besitzen wir noch nicht einmal das Bauland», sagte Thomi Jourdan und verwies auf Einsprache- und sonstige Fristen und Herausforderungen: «Nehmen Sie nur schon die Tramerschliessung von Salina Raurica. Dieses Projekt hat eine ganze Arealentwicklung über Jahre zum Stillstand gebracht.»
Lauber verwies darauf, dass «wir jetzt schon wissen, dass sich der Zeithorizont acht oder gar zehn Jahre nach hinten verschiebt», wenn man auf die Grüne Wiese setze.
Dem Argument, mit dem Verkauf der Grundstücke in Liestal und auf dem Bruderholz finanziere sich der Neubau sozusagen selber, entgegnet Jourdan entschieden: Die Regierung habe diese Frage von Wüst und Partner klären lassen: Selbst wenn man die Nutzungsziffer auf dem Bruderholz vervierfache, würde sich der Erlös auf einen Nettobetrag von gerade mal 35 Millionen belaufen.
Keine Varianten-Abstimmung
Die Idee, dass das Volk an der Urne über die zu realisierende Variante abstimmen könne, stamme von ihm, sagte Jourdan an der Pressekonferenz am Freitag. Die Verfassung sehe solche Abstimmungen aber nur für Grundsatzentscheide vor. Erstens sei man über dieses Stadium längst hinaus, zweitens seien die beiden Varianten punkto Umsetzung und Risiko nicht vergleichbar.
Während Liestal/Bruderholz nur noch eine Ausgabenbewilligung brauche, damit man loslegen könne, würde Salina Raurica einen langen politischen Prozess anstossen. Nach der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission wird deswegen jetzt der Landrat direkt über die Regierungsanträge entscheiden. Dieser Beschluss unterliegt dem Finanzreferendum. «Wenn das Volk sich an der Urne also gegen den Beschluss entscheiden würde, wäre das auch als Votum gegen die zwei-Standort-Strategie zu werten», warf Finanzdirektor Anton Lauber ein.
Reaktionen von «verpasste Chance» bis «rasch vorwärtsmachen»
sep. Wie sehr die Meinungen auch nach Vorliegen von Fakten und Zahlen auseinandergehen können, zeigen die Reaktionen auf den Regierungsplan, am Zwei-Standort-KSBL festzuhalten. Am deutlichesten wohl an der «IG Zukunft Kantonsspital», die von einer «verpassten Chance für die Gestaltung einer nachhaltigen Spitalzukunft» schreibt. Mit den Landräten Marco Agostini (Grüne), Tim Hagmann (GLP), Sven Inäbnit (FDP), Stefan Meyer (SVP) und Dario Rigo («Mitte») besteht deren Co-Präsidium nämlich aus Vertretern aller Parteien im Landrat bis auf Thomi Jourdans EVP – und die SP.
Letztere wiederum zeigte sich in einer Pressemitteilung überzeugt, dass die Regierung die richtige Entschgeidung getroffen habe, zumal die Partei selber seit Herbst die «Grüne Wiese» als «viel zu risikoreich» einschätzt und sich die Parteibasis an einem Parteitag für die Zwei-Standort-Version ausgesprochen habe. Die Sozialdemokraten fordern deshalb, dass der Landrat zügig über die zur Weiterentwicklung der beiden Standorte Liestal und Bruderholz entscheidet und den Beschluss zeitnah der Bevölkerung zur Abstimmung vorlegt.
Radikal anders klingt das Communiqué der Grünliberalen. Es handle sich um «einen strategischen Fehlentscheid, der die Realität des Gesundheitswesens ignoriert und das Unvermögen beider Basler Regierungen offenbart, im Dossier Spitalplanung wirksam zusammenzuarbeiten», schreibt die GLP.
Nachdenklich geben sich die Freisinnigen: Es sei klar, dass dieser Entscheid weitreichende Auswirkungen auf die medizinische Versorgung, die finanzielle Entwicklung des Kantons sowie die langfristige Ausrichtung des Gesundheitswesens in unserer Region «und damit auch auf die gesundheitspolitische Zusammenarbeit mit Basel-Stadt haben wird». Deswegen werde sich die Landratsfraktion in den kommenden Wochen darauf konzentrieren, auf Basis von fundierten Grundlagen eine klare Position der FDP zu erarbeiten.




