Verena Oberer, auf der Suche nach einem besseren Leben
10.07.2026 BaselbietAls Heinrich Oberer im Sommer 1857 mit nur 31 Jahren an Typhus stirbt, verändert sich das Leben seiner Frau Verena schlagartig. Die 28-Jährige steht in Sissach mit vier kleinen Kindern ohne Ernährer da. Das Einkommen aus der Posamenterei fällt weg, das Haus muss verkauft ...
Als Heinrich Oberer im Sommer 1857 mit nur 31 Jahren an Typhus stirbt, verändert sich das Leben seiner Frau Verena schlagartig. Die 28-Jährige steht in Sissach mit vier kleinen Kindern ohne Ernährer da. Das Einkommen aus der Posamenterei fällt weg, das Haus muss verkauft werden, der Hausrat wird versteigert, und die Familie zieht zu den Schwiegereltern an die Scheunengasse. Für die junge Witwe bleiben kaum Perspektiven. Wie viele Frauen ihrer Zeit ist sie auf Unterstützung angewiesen – und muss dennoch einen Weg finden, ihre Familie durchzubringen.
In dieser schwierigen Lage reift ein mutiger Entschluss. Verena Oberer-Waibel will in die Vereinigten Staaten auswandern. Wie viele Baselbieterinnen und Baselbieter hofft sie, im vermeintlich gelobten Land wirtschaftlich neu beginnen zu können. Cleveland im Bundesstaat Ohio wird ihr Ziel. Vieles spricht dafür, da dort bereits Verwandte lebten und ihr den Schritt in die neue Welt erleichterten.
Die Auswanderung verlangt ihr alles ab. Weil sie unmöglich mit vier kleinen Kindern die Reise antreten kann, trifft sie eine schmerzliche Entscheidung. Die drei älteren Kinder bleiben bei den Grosseltern in Sissach zurück, nur die jüngste Tochter Maria, die eben erst laufen gelernt hat, nimmt sie mit.
Im Oktober 1858 am Ziel
Die Reise führt über Basel, Paris und Le Havre nach New York und anschliessend weiter nach Cleveland. Am 6. Oktober 1858 erreichen Mutter und Tochter Amerika. Die Überfahrt im Zwischendeck gehört damals zu den Strapazen vieler Auswanderer. Zusammengepfercht auf engstem Raum, geplagt von Seekrankheit, schlechter Luft und mangelhaften hygienischen Verhältnissen, erleben viele die Reise als Albtraum. Umso überwältigender muss der Augenblick gewesen sein, als New York in Sicht kommt – eine Stadt mit rund 800 000 Einwohnerinnen und Einwohnern, wie sie Verena noch nie gesehen hatte. Basel zählte damals nicht einmal 40 000 Menschen.
Vier Jahre später beginnt für Verena ein neuer Lebensabschnitt. Sie heiratet den Farmer Martin Johnson. Aus der Ehe gehen vier weitere Kinder hervor. Der Alltag auf der kleinen Farm ist arbeitsreich. Sie führt den Haushalt, betreut die Kinder und unterstützt ihren Mann bei der Bewirtschaftung des Landes. Ein Brief aus dem Jahr 1876 zeigt, dass sich die Familie eine bescheidene Existenz aufgebaut hat. Ganz glücklich wird Verena dennoch nie. Das Heimweh und die Sorge um die drei in der alten Heimat zurückgelassenen Kinder begleiten sie über Jahre hinweg. Besonders eindrücklich verläuft das Schicksal des ältesten Sohnes Eduard. Die Hoffnung auf bessere Verhältnisse bewegen auch ihn zur Auswanderung. 1881 reist er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern nach Ohio. Doch das erhoffte Glück bleibt aus. Nach rund drei Monaten fällt der Entschluss zur Rückkehr.
Für Verena Oberer-Waibel gibt es keinen Weg zurück. Sie bleibt in Ohio und verbringt dort fast fünf Jahrzehnte ihres Lebens. Die Verbindung zur Schweiz reisst nie ab. Briefe an die Angehörigen zeugen von der Dankbarkeit gegenüber Eltern und Schwiegereltern, die ihre Kinder aufgenommen haben, aber auch von der Sehnsucht nach der alten Heimat.
Verena Oberer-Waibel stirbt am 12. Februar 1907. Ihre Geschichte steht beispielhaft für viele Baselbieterinnen und Baselbieter des 19. Jahrhunderts, die aus wirtschaftlicher Not nach Amerika aufbrachen. Manche fanden dort eine neue Existenz, andere erlebten Rückschläge oder kehrten wieder heim. Verena blieb – und bezahlte ihren Neuanfang mit dem schmerzlichen Verzicht auf das unmittelbare Zusammenleben mit einem Teil ihrer Familie.
Heiner Oberer

