Unverschämt viel Hoffnung
02.04.2026 BaselbietGedanken zu Ostern von Pfarrer Samuel Maurer
Ostern bietet Stoff für ganze Drehbücher: Eine geballte Ladung aus Emotionen, menschlichem Scheitern, göttlichem Können, vermeintlichen Enden und nicht mehr erhofften Wendungen. Da geht es um Gemeinschaft und ...
Gedanken zu Ostern von Pfarrer Samuel Maurer
Ostern bietet Stoff für ganze Drehbücher: Eine geballte Ladung aus Emotionen, menschlichem Scheitern, göttlichem Können, vermeintlichen Enden und nicht mehr erhofften Wendungen. Da geht es um Gemeinschaft und Freundschaft, um zusammen Essen und Feiern am Gründonnerstag – mit einem Meister, der plötzlich dient, anderen die Füsse wäscht und über Brot und Wein von Leib und Blut spricht.
Ein paar Augenblicke später finden wir uns im Garten Gethsemane wieder, wo Gemeinschaft zerbricht. Es folgen küssender Verrat durch Judas Iskariot, die Verhaftung durch die herbeigeführten Soldaten, inklusive Ohrheilung. Es kommt zu Verhören vor dem Sanhedrin, Herodes und Pontius Pilatus. Hin- und hergerissen zwischen: «An was soll er schuldig sein?» und «Der lästert Gott!». Beim Hahnenkrähen hat Simon Petrus Jesus dreimal verleugnet.
Der Karfreitag bricht an und mit ihm noch einmal so etwas wie ein Funke Hoffnung. Der römische Statthalter Pontius Pilatus gibt der versammelten Menschenschar in Jerusalem die Chance, Jesus freizugeben. Doch die Menge ist dagegen. Sie begnadigt lieber einen Schwerverbrecher und fordert die Hinrichtung Jesu: «Ans Kreuz mit ihm!» Es folgt der Tod auf Golgatha, demütigend, öffentlich und abschreckend. Die letzte Hoffnung erlischt, als die Sonne der Dunkelheit weicht und der Gekreuzigte ruft: «Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?»
Jesus stirbt und wird in ein vorbereitetes Grab gelegt. Der schwere Stein, der das Grab verschliesst, rollt sich trauerschwer vor die Herzen der anwesenden Frauen und nimmt den letzten Glaubensatem. Vieles, was die Jünge- rinnen und Jünger mit Jesus geteilt und erlebt haben, scheint sich in diesem Moment in Schmerz und Trauer aufzulösen. Ihr Rabbi und Meister, dem sie über so viele Monate gefolgt sind und der ihnen so vieles vorgelebt und weitergegeben hat, ist tot. Die Ankläger haben ihren vermeintlichen Unruhestifter zum Schweigen gebracht. Haben ihren Job erfüllt und müssen deshalb keine Repressionen der Besatzermacht fürchten.
Der Tod wird bezwungen
Es folgen Leere, Verzweiflung, ein Tag dumpfer Trauer für die Jüngerinnen und Jünger von Jesus, während für eine Mehrheit das Leben weitergeht und der Alltag wie gewohnt seinen Lauf nimmt.
Der dritte Tag bricht an – und mit ihm kommt alles ganz anders. Drei Frauen machen sich auf den Weg, dem Toten eine letzte Ehre zu erweisen. Doch sie finden das Grab leer und Engel kündigen es an: Jesus lebt! Aus Trauer und Trauma keimt zuerst ungläubiges Staunen und wächst schliesslich zum grossen Freudenjubel. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!
Der Tod ist ein für allemal bezwungen. Die lähmende und alles beendende Tragödie wendet sich zu einem epischen Happy End – und wird zur grössten Story der Menschheit. Jesus gibt sich hin für uns: Er opfert sich unschuldig und nimmt unsere Schuld und Sünden auf sich. Er überwindet den Tod – für uns. An Ostern geht die Post ab! Wenn das kein perfekter, emotionsgeladener und actionreicher Stoff für lange und unterhaltsame «Netflix»-Abende mit Popcorn auf dem Sofa ist!
Neben gut gefüllten Einkaufsregalen mit feinen Schoggihasen bringt Os- tern unverschämt viel Hoffnung – und Hoffnung ist eine der Grundzutaten im Leben eines Menschen. Paulus nennt im 13. Kapitel seines 1. Korintherbriefs Glaube, Liebe und Hoffnung als die drei wichtigsten Zutaten eines menschlichen Lebens.
Es ist die Hoffnung, die uns wieder aufstehen und weitermachen lässt, wenn uns das Leben einmal mehr fies von den Beinen grätscht. Hoffnung ist die eine Zutat, die unser Leben manchmal etwas süsser und immer wieder überhaupt erst geniessbar macht. Ohne Hoffnung wäre da so viel mehr Saures und Bitteres, das wir ohne sie nicht verdauen und überwinden könnten. Hoffnung legt uns leise neue Lieder in den Mund, wenn uns die eigenen Worte schon lange ausgegangen sind. Hoffnung bricht nicht mit dem Vorschlaghammer durch unsere Lebenstür ein, sondern erscheint mehr wie ein sanfter Sonnenaufgang nach einer langen, frostigen Nacht.
Windhauch anstatt Erdbeben
Am Berg Horeb hatte der Prophet Elia eine Begegnung mit Gott. Zuerst folgte ein Sturm – aber Gott war nicht im Sturm. Dann folgte ein Erdbeben, doch Gott war nicht in dem Erdbeben. Dann kam Feuer, aber Gott war auch nicht im Feuer. Dann kam ein leichter Wind auf – und Elia wusste, in diesem zarten, säuselnden Wind möchte mir Gott begegnen (1. Könige 19, ff).
Ein zarter Windhauch – für mich ist das ein sehr passender Vergleich mit der Hoffnung, die wir bei Gott finden können. Diese Hoffnung kann den Widrigkeiten, mit denen uns das Leben immer wieder konfrontiert, entgegengehalten werden. Diese Hoffnung wirkt manchmal gross und stark, dann wieder scheint sie zu zerrinnen und kleiner zu werden, bis nur noch einige wenige Sätze übrig bleiben.
Einer meiner elementarsten Hoffnungssätze steht nicht in den Ostererzählungen der Evangelien, sondern im Alten Testament der Bibel, genauer im Buch Hiob: «Ich weiss, dass mein Erlöser lebt.» (Buch Hiob, 19, 25). Für Hiob ist eines sicher: Egal, welche Wendung sein Leben noch nimmt, egal, wie schlimm es noch kommt, egal, wie angegriffen seine Gesundheit ist, und egal auch, wie viele seiner Liebsten er noch gehen lassen muss, er gibt seinen Glauben an Gott und seine Hoffnung nicht auf. Diese Hoffnung geht über diese Welt hinaus in die Ewigkeit zu Gott.
Bei Hiob spüre ich etwas von dieser Hoffnung, die auch Ostern in sich trägt. Eine Hoffnung, die über unser Können und Vermögen hinausgeht, über unsere Schoggi- und Kehrseiten, die Gesundheit, die AHV, Pensionskasse und Säule-3a-Konten. Noch nicht einmal der Tod vermag diese Hoffnung aufzuhalten. Sie bringt uns nach unserem Leben auf dieser Erde dahin, wo unser Anfangspunkt ist – bei Gott.
Ostern ist mit der Auferstehung von Christus der Ausgangspunkt christlicher Hoffnung. «Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.» (Johannes 3, 16)
Gott sei Dank für Ostern!
Samuel Maurer ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Gelterkinden-Rickenbach-Tecknau.

