«Unser bauliches Erbe ist in Gefahr»
11.09.2026 BaselbietDenkmalpflegerin Sabine Sommerer zum Tag des Denkmals in Sissach
Am Samstag begeht das Baselbiet in Sissach den «Europäischen Tag des Denkmals». Warum die Wahl auf den Bezirkshauptort fiel, erklärt Sabine Sommerer im Interview. Die kantonale Denkmalpflegerin sieht beim ...
Denkmalpflegerin Sabine Sommerer zum Tag des Denkmals in Sissach
Am Samstag begeht das Baselbiet in Sissach den «Europäischen Tag des Denkmals». Warum die Wahl auf den Bezirkshauptort fiel, erklärt Sabine Sommerer im Interview. Die kantonale Denkmalpflegerin sieht beim Umgang mit dem baulichen Erbe nicht nur in Sissach Handlungsbedarf.
Christian Horisberger
Der diesjährige Tag des Denkmals steht unter dem Motto «In Gefahr?». Was ist im Baselbiet derzeit in Gefahr?
Sabine Sommerer: Nach dieser Hitzeund Trockenheitsperiode ist man geneigt zu sagen, dass wir als Menschheit in Gefahr sind. Wir leben über unsere Verhältnisse und auf Kosten unserer Mitwelt. Aber das Motto der Europäischen Denkmaltage bezieht sich auf unser bauliches Erbe, und hier sehe ich zum Beispiel die Nachkriegsbauten in Gefahr: Gebäude, die oftmals als belanglos oder unschön betrachtet oder die nicht gesehen werden. Das sind Häuser, die nach 1970 erstellt und deshalb denkmalpflegerisch im Baselbiet noch nicht erfasst worden sind. Die von 1970 bis 1990 erbauten Häuser kommen in einen Sanierungszyklus. Jetzt ist entscheidend, die wesentlichen Zeitzeugen zu kennen. Gebäude zu erhalten, zu sanieren und weiterzubauen, ist auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft und schont Ressourcen.
Können Sie Beispiele nennen?
Das sind zum Teil Siedlungen wie im «Dillacker» in Münchenstein. Es kann sich auch um einzelne Wohnhäuser handeln, die typisch für eine Siedlung oder ihre Zeit sind. Kürzlich wurde in Bottmingen ein Betonhaus abgerissen, das aus architekturhistorischer Sicht interessant gewesen wäre und offensichtlich über ein grosses Weiternutzungspotenzial verfügte. Manche solcher Bauten hält man heute für unmodern, findet, sie seien nicht wohnlich, und möchte stattdessen einfachheitshalber einen Ersatzneubau realisieren. In Arlesheim wurden soeben Backsteinhäuser aus den 1960er- und 1970er-Jahren abgerissen – und weitere werden folgen.
Können Sie Beispiele jüngeren Datums aus dem oberen Kantonsteil nennen, um die Sie sich sorgen?
Das Oberbaselbiet ist leider nicht gefeit davor; ein jüngeres Beispiel war das kommunal schützenswerte «Haus Huber» in Seltisberg, das der Architekt Rolf G. Otto 1962 gebaut hatte. Ein Juwel der Nachkriegszeit, aber eben ohne Schutzstatus. Der Abriss 2021 war nicht abzuwenden.
Warum bereiten Ihnen diese Bauten Sorgen?
Weil wir sie noch zu wenig auf dem Radar haben. Wir haben ein kantonales Inventar der schützenswerten Bauten, das Gebäude bis 1970 aufnimmt. Dabei handelt es sich um ein Hinweis-Inventar, das der Denkmalpflege als Wissensgrundlage für ihre Arbeit dient. Was später entstanden ist, wurde bisher nicht erfasst.
Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Zuallererst geht es darum, den Wert dieser Gebäude mit der Aktualisierung des Bauinventars zu ermitteln und zu verstehen. Dies wollen wir im kommenden Jahr, basierend auf den Kriterien der Eidgenössischen Denkmalkommission, mit von uns beauftragten Fachpersonen angehen.
Was ist neben den Nachkriegsbauten gefährdet?
Viele Gartenanlagen. Es ist wichtig, auch den Bestand an bedeutenden historischen Gärten zu erfassen. Gärten von Villen, von Pfarrhäusern, auch von kleineren Einfamilienhäusern mit Bäumen, die 100 Jahre und älter sind. Diese Gärten, Vorplätze, Freiräume und auch Strassenräume spielen eine wichtige Rolle, ob wir einen Raum als angenehm empfinden. Gute Gestaltung schafft Identität und ist auch aus ökologischen Gründen elementar.
Am 12. September ist der Europäische Tag des Denkmals. Nach im vergangenen Jahr finden die Aktivitäten der Baselbieter Denkmalpflege dieses Jahr in Sissach statt. Warum in Sissach?
Das ergab sich spontan; ich war erst wenige Tage im Amt: Bei einem Spaziergang durch Sissach stellten wir fest, wie vielfältig der historische Bestand im Dorf genutzt wird. Die alten Gebäude werden geschätzt und es gibt wenig Leerstand. Als später das landesweite Thema «In Gefahr?» festgelegt wurde, fanden wir, dass man der Bevölkerung diesen vorbildlichen Umgang in Sissach gut aufzeigen kann.
Was ist in Sissach in Gefahr?
Vorausschauend besteht die Herausforderung, dass die Neu-Bebauungen entlang der Bahnhofstrasse mit der Sorgfalt, die einem Ortsbild von nationaler Bedeutung entspricht, geplant und gebaut werden. Rückblickend ist das prominenteste Beispiel natürlich die Weinhandlung Tschudy mit dem Wohngebäude und dem angebauten Produktionsstandort.
Das Kantonsgericht verfügte, dass ein neues Gutachten über die Schutzwürdigkeit zu erstellen sei. Was ist der aktuelle Status bei der «Tschudy-Villa»?
Das Kantonsgericht verlangt die Aktualisierung des Gutachtens. Dafür müssen die Gebäude betreten werden können, um unter anderem auch die Verhältnismässigkeit zu beurteilen. Der Dialog zwischen den Parteien dafür ist wieder aufgenommen.
Die Fronten waren verhärtet. Wie ist Ihnen dies gelungen?
Durch Gesprächs- und Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten.
Wann wird das neue Gutachten vorliegen?
Wir sind in den Startlöchern, und sobald wir die Erlaubnis für das Betreten des Gebäudes haben, legen wir los. Wir hoffen, dass das Gutachten noch in diesem Jahr vorliegen wird. Es ist mir ein grosses persönliches Anliegen, dass Bewegung in die Sache kommt.
Sissach will sich entwickeln und verdichten, gleichzeitig besitzt die Gemeinde einen historischen Ortskern mit geschützten und schützenswerten Bauten. Was lässt sich am Tag des Denkmals hier exemplarisch über den Umgang mit unserem baulichen Erbe zeigen?
Historische Ortskerne sind punkto baulicher und sozialer Dichte oftmals beispielhaft. Wir haben hier unterschiedliche und vielfältige Nutzungen. Sissach zeigt wunderbar, dass trotz Schutzstatus sehr viel möglich ist. Beste Beispiele sind das Hotel «Sonne», der «Cheesmeyer», die Obere Fabrik und neu auch das Restaurant «Krone», dessen Eigentümer sich entschieden hat, das Gebäude zu erhalten, anstatt es abzureissen, wie er es ursprünglich geplant hatte. Es herrscht eine wunderbare Dynamik in Sissach, das bereitet mir Freude.
Nicht ganz so rund lief es mit der geplanten Überbauung des Tobler-Areals durch die Helvetia-Versicherung. Was wünschen Sie sich für dieses Areal?
Für dieses Areal wünsche ich mir, dass die federführenden Akteure sich zusammensetzen und, ausgehend von den Zielen des Studienauftrags, die Bebauung und Neunutzung – unter Berücksichtigung der Isos-Ziele – entwickeln und umsetzen.
Sie sind seit gut einem Jahr im Amt. Wie sind Sie gestartet – oder sind Sie schon angekommen?
Gut – und mit grossem Engagement und Freude. Ich habe viele Menschen kennengelernt und viele konstruktive Inputs bekommen. Man ist froh, wenn wir uns initiativ zeigen, Kontakt aufnehmen, speditiv Rückmeldung geben: Gutes Feedback erhalten wir von Eigentümerschaften, Architekturbüros, Handwerksunternehmen und auch kantonalen Stellen. Dieser Austausch ist ein Kontrast zu meiner bisherigen wissenschaftlichen Tätigkeit, die eher im stillen Kämmerlein stattgefunden hat.
Ihre Fachstelle ist nicht überall beliebt. Wie kommen Sie mit dem Widerstand zurecht?
Ich erlebe keinen wirklichen Widerstand. Sehr oft begegne ich aber Vorurteilen und Skepsis, die sich aber nach der Aufnahme der Beratung und Zusammenarbeit jeweils rasch verflüchtigen. Die Geschäfte sind zum Teil sehr langwierig, und mir als eher ungeduldiger Person geht das manchmal viel zu langsam vorwärts. Aber ich lerne damit umzugehen.
Nach welchen Kriterien wird aus einem Gebäude ein Kulturdenkmal, an dessen Erhalt ein erhebliches öffentliches Interesse besteht?
Entscheidend ist der kulturelle Wert, der sich in diverse Unterwerte aufsplitten lässt. Dabei handelt es sich um den künstlerischen Wert, den Wert aus kultur-, wirtschafts- und sozialhistorischer Sicht, die städtebauliche Situation oder darum, wie stark durch ein Gebäude die Umgebung, ein Ensemble oder das Ortsbild geprägt wird. Diese und weitere Kriterien bestimmen den kulturellen Wert, der im öffentlichen Interesse steht. Unser gesetzlicher Auftrag ist es, kulturelle Werte von öffentlichem Interesse zu erhalten.
Der Kriterienkatalog ist sehr breit.
Was ist nicht erhaltenswert?
Ein Gebäude, das nicht schutzfähig ist, weil zu viel der zu schützenden Substanz verschwunden ist. Oder wenn ihm architekturhistorische oder handwerkliche Werte fehlen oder durch bauliche Eingriffe genommen worden sind: äusserlich zum Beispiel durch das Verändern von Fensteröffnungen oder im Innern durch die komplette Umgestaltung der für eine Zeit typischen Raumgliederung oder auch des Dachstuhls. Dadurch geht die DNA eines Hauses verloren.
Dann kommen aber immer noch sehr viele Gebäude für einen Schutzstatus infrage …
Es wurde nicht jedes Gebäude ins Hinweis-Inventar aufgenommen oder unter Schutz gestellt, sondern einzelne besondere Bauten exemplarisch als Beispiele für viele andere.
Wie erklären Sie Eigentümern, die ihr Haus nicht als schützenswert erachten, das öffentliche Interesse?
Ich würde versuchen, ihm oder ihr den identitätsstiftenden Charakter zu erläutern. Viele Gebäude sind ungewollt Denkmäler geworden. Sie wurden aufgrund ihrer Materialien zu Denkmälern oder wegen der Geschichte, die sie erzählen. Es ist unser gesetzlicher Auftrag, auch Gebäude zu schützen, in denen historisch bedeutende Handlungen stattgefunden haben. Identitätsstiftende Gebäude sind das dreidimensionale Bildarchiv unseres Kantons. Wir stärken, was unseren Lebensraum besonders macht. Daher ist es wichtig, dass wir diese Besonderheiten vermitteln können – als Erstes der Eigentümerschaft. Im Idealfall schaut diese ihr Haus mit neuen Augen an und realisiert: Wenn es abgerissen wird, gehen graue Energie und baukulturelle Werte, die weiterentwickelt werden könnten, unwiederbringlich verloren.
Unter welchen Bedingungen kann die Denkmalpflege auch akzeptieren, dass historische Bausubstanz verschwindet?
Es geht immer um eine Gesamtbetrachtung, dabei spielen der Zustand, die Weiternutzungsmöglichkeiten, die Verhältnismässigkeit und weitere Faktoren eine Rolle.
Stellen wir uns Sissach im Jahr 2050 vor: Woran würden Sie erkennen, dass die Gemeinde die Balance zwischen Bewahren und Weiterentwickeln gefunden hat?
Daran, dass die schon länger andauernde Zonenplanrevision Sissach in einem produktiven, partizipativen Prozess, beispielsweise einem Workshop-Verfahren mit Gemeinde, Kanton und Öffentlichkeit, gut abgeschlossen worden ist. Der Kanton hätte dafür eine Machbarkeitsstudie mitfinanziert, dank derer auch die Isos-Vorgaben sinnvoll umgesetzt worden wären. Daran, dass die Gemeinde weiterhin mit grossem Selbstvertrauen dastünde, ihrer Bevölkerung und ihrem Gewerbe noch mehr Lebensqualität und Standortattraktivität bietet und dass Sissach ein weniger befahrenes und dafür belebteres Zentrum mit mehr Freiraum bekommen hat. In meiner Vision hat zudem der denkmalaffine Umgang mit der Weinhandlung Tschudy zu schweizweitem Ansehen geführt. Es ist gelungen, dank kluger Investoren und Gesprächen mit den Nachbarn mit einem attraktiven, grünen Aussenraum Mehrwerte auch für die Bevölkerung zu schaffen. Aufgrund dieses nachhaltigen innovativen Vorgehens wird man im Jahr 2050 stolz auf die Vergabe des Wakkerpreises an Sissach im Jahr 2030 zurückblicken können.
Zur Person vs.
Sabine Sommerer ist seit Juni 2025 Baselbieter Denkmalpflegerin. Die promovierte und habilitierte Kunsthistorikerin studierte in Basel und Freiburg i. Br. und war viele Jahre in Forschung und Lehre tätig, unter anderem an der Universität Zürich und in Rom. Von 2007 bis 2014 arbeitete sie als Autorin am Kunstdenkmäler-Band über den Bezirk Waldenburg mit. Sie lebt in Arlesheim.

