«Uns half die Einwanderung tüchtig mit»
20.01.2026 OrmalingenMarco Aeschlimann aus Ormalingen ist Geschäftsführer beim LC Zürich
Der Ormalinger Marco Aeschlimann ist als Geschäftsführer des Leichtathletikclubs Zürich auch an dessen Grossveranstaltung «Weltklasse Zürich» in einer ...
Marco Aeschlimann aus Ormalingen ist Geschäftsführer beim LC Zürich
Der Ormalinger Marco Aeschlimann ist als Geschäftsführer des Leichtathletikclubs Zürich auch an dessen Grossveranstaltung «Weltklasse Zürich» in einer Schlüsselposition.
Jürg Gohl
Herr Aeschlimann, bei Ihrer engen Bindung zur Leichtathletik erübrigt sich wohl die traditionelle Einstiegsfrage nach dem Höhepunkt des vergangenen Jahres. Das dürfte die Goldmedaille von Ditaji Kambundji über 100 Meter Hürden vom 15. September an den Weltmeisterschaften in Tokio sein. Sind Sie einverstanden?
Marco Aeschlimann: Nicht unbedingt. Im Verein, bei der Organisation von Weltklasse Zürich und im Zentralvorstand von Swiss Athletics verfüge ich über ein so breites Betätigungsfeld. Deshalb würde ich mich eher dort auf die Suche begeben. Was Ditaji Kambundji in der Leichtathletik in Tokio erreicht hat, ist zweifellos überragend. Aber ich habe dazu keinen direkten Beitrag geleistet.
Wo haben Sie den Gold-Lauf gesehen?
Ich nehme an, im Büro, weil der Final bei uns tagsüber ausgetragen wurde. Selbstverständlich läuft bei uns als Leichtathletik-Verein der Fernseher an einer WM auch. Gleichzeitig steckten wir damals in der intensiven Schlussphase vor unserem Meeting und konnten uns deshalb keine langen Pausen gönnen.
Was setzen Sie im Rückblick als persönlichen Höhepunkt an die erste Stelle?
Mein Höhepunkt war Weltklasse Zürich auf dem Sechseläutenplatz mit Kugelstossen, Weitsprung, Hochsprung und Stabhochsprung. Als Wettkampfleiter erhielt ich den Auftrag, diese vier Disziplinen dort durchzuführen, und – bildlich gesprochen – ein leeres Blatt Papier. Am Ende konnten wir auf einen erfolgreichen Anlass im Herzen Zürichs vor 7000 Zuschauern und einen Sieg von Simon Ehammer zurückblicken. Das war mein Projekt. Aber, richtig, wir erlebten zum wiederholten Mal ein fantastisches Jahr in der Schweizer Leichtathletik, das alle bisherigen in den Schatten stellte.
Wirklich? Optimisten gingen von mehr Medaillen aus.
Das ist eine strenge Sicht. In der Leichtathletik gilt immer die Faustregel, dass wir fünf oder sechs Athletinnen und Athleten mit Medaillenpotenzial benötigen, um am Ende eine zu gewinnen. Die ganze Welt – konkret 180 Länder, alle mit ebenso starken Söhnen und Töchtern – betreibt Leichtathletik. Sie alle müssen an einem bestimmten Tag ihre Top-Leistung bringen. Das haben wir gerade bei Ditaji Kambundjis Disziplinen-Kollegen Jason Joseph gesehen, der im Final vor der ersten Hürde stehen blieb. Aber die Schweiz verfügt inzwischen über das Potenzial für sechs oder sieben Medaillen.
Bemerkenswert ist, dass die Kambundji-Schwestern regelmässig mit Medaillen von internationalen Wettkämpfen heimkehren und Jason Joseph im Final steht. Vor wenigen Jahren war das in Sprintdisziplinen undenkbar. Was hat sich verändert?
Begonnen hat dieser Wandel genau genommen 2014 mit Kariem Hussein und seiner Goldmedaille an der Heim-EM in Zürich über 400 Meter Hürden. Er öffnete uns damit die Augen dafür, was möglich ist. Zudem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Spitzenathleten und -athletinnen in diesen Disziplinen, von denen wir hier reden, genetisch andere Voraussetzungen mitbringen. Da half uns die Einwanderung tüchtig mit. Das bestätigt uns auch der Blick in den Fussball. Aber es hat auch jungen Leuten mit sozusagen Schweizer Genen die Augen geöffnet, was erreicht werden kann, wenn wir bereit sind, Zeit, Geld und Fleiss zu investieren. In der Schweizer Leichtathletik wurde viel ins Umfeld, in Trainerinnen und Trainer und in die Nachwuchsförderung investiert. Nun fahren wir die Ernte ein.
us Oberbaselbieter Optik stellt man fest, dass wir aufgrund der Spitzenleistungen der anderen Gefahr laufen, die eigenen Athleten aus den Augen zu verlieren, zum Beispiel Finley Gaio im Schatten von Simon Ehammer.
Tatsächlich kann ich selbst als Oberbaselbieter nichts Genaueres zu ihm sagen. Die nationalen Medien nehmen bei der heutigen Dichte nur die Spitze ins Visier, die Ehammers, die Kambundjis, die Werros. Die anderen, die zweite Garde, kommen da manchmal zu kurz. Über sie wird in den regionalen Medien berichtet. Wenn die Schweiz mit 60 Athletinnen und Athleten an eine WM fährt, können die Medien unmöglich über alle schreiben.
Die Erfolge des jungen Roger Federer lösten in der Schweiz Euphorie, aber keinen Tennis-Boom aus. 1994, als sich die Schweiz endlich wieder für eine WM qualifizierte, wurden die Fussballklubs von Chapuisatund Sforza-Nacheiferern überrannt.
Wie sieht das bei Ihnen aus?
Das Projekt mit dem «UBS Kids Cup» treibt uns weitgehend unabhängig von den Leistungen der Spitzenleute Nachwuchs in die Arme. Es bildet auch die Basis dafür, dass wir hier und heute über WM-Goldmedaillen sprechen dürfen. Wir beim LCZ können uns sogar erlauben, Sichtungstrainings durchzuführen. Gleichzeitig gibt es aber auch Vereine, die Mühe bekunden, an Nachwuchs zu gelangen. Hinzu kommt, dass Grossklubs wie Dorfvereine auch über die entsprechenden Trainerinnern und Trainer verfügen müssen. Zum Erfolg beigetragen hat sicher auch, dass wir über Geld verfügten, das wir in professionelle Strukturen stecken konnten.
Gibt es noch Potenzial, das beim Nachwuchs noch nicht ausgereizt ist?
Das gibt es immer. Zum Beispiel gibt es in Grossstädten, aber auch hier auf dem Land Gegenden, in denen unsere Sportart nicht präsent ist, und die Turnvereine füllen dieses Loch nicht aus. Trotz des Interesses entstehen keine neuen Vereine. Es ist sogar umgekehrt, dass sich immer mehr Vereine zu Leichtathletik-Gemeinschaften zusammenschliessen wie hier vor mehreren Jahren zur LG Oberbaselbiet. In ihr wurde auch ich gross. Konzentrationen haben Vor- und Nachteile.
Als Wettkampfleiter des berühmten LCZ-Meetings «Weltklasse Zürich» können Sie uns sicher sagen, ob sich die Schweizer Medaillen auch in einem höheren Zuschauerinteresse niederschlagen, und ob das Medieninteresse an Ihrem Anlass und an der Leichtathletik mit seitenfüllenden Beiträgen auch schon höher war.
Zuerst: Wir haben im vergangenen Jahr die 25 000 Billetts für das Meeting so schnell verkauft wie noch nie. Das Interesse ist riesig. Zu den Medien ist festzuhalten, dass die Kommunikation mit der Kundschaft heute zusätzlich über andere Kanäle läuft. Wir verfügen über eine Datenbank von Leuten, die an der Leichtathletik interessiert sind, und kommunizieren mit ihnen direkt. Nur so ist ein so schneller Verkauf wie 2025 überhaupt denkbar. Das Interesse ist riesig, und wir unternehmen alles, damit das so bleibt. Die Sportteile in den klassischen Medien nehmen immer mehr ab und fokussieren sich stärker auf den Fussball. Hier helfen uns natürlich Erfolge und Persönlichkeiten wie die Kambundjis.
Wie eng stehen Sie am Meeting mit den Superstars in Kontakt?
Nur ganz wenig. Als Wettkampfleiter bin ich dafür verantwortlich, dass der ganze Abend nach Plan verläuft. Das steht in keinem Vergleich zu den Leuten in den Hotels, im Fahrerteam oder im Call Room. Ich bin am Meeting auch nicht auf dem Wettkampfplatz anzutreffen und bekomme von den Wettkämpfen im Detail sehr wenig mit. Niemand darf mich am Ende fragen, wer in welcher Disziplin gewonnen hat. Auf der anderen Seite kann man sagen, dass es ein gelungener Anlass war, wenn ich als Wettkampfleiter nicht viel mit den Stars in Kontakt war – denn dann hat alles reibungslos funktioniert.
Wie erleben Sie die Athletinnen und Athleten abseits der Arena?
Alle als sehr umgänglich. Wenn ich ein Beispiel geben darf: Vor den Wettkämpfen auf dem Sechseläutenplatz erklärte ich ihnen, dass wir sie selbstverständlich mit dem Shuttle-Dienst hinfahren. Aber es sei mit dem Tram viel einfacher, bequemer, schneller und günstiger. Alle benutzten darauf die öffentliche Strassenbahn, für die Rückfahrt sogar ohne unsere Begleitung. Auf dem Rückweg von Weltklasse Zürich auf dem Sechseläutenplatz am späteren Abend bin ich mit unserem Medienteam mit dem Tram ins Hotel gefahren – wir trafen dann Simon Ehammer, seinen Trainer und die Diamond Trophy.
Zum zurückliegenden und bevorstehenden Leichtathletik-Jahr zählen auch die «Enhanced Games».
Wettkämpfe, an denen Doping erlaubt ist, finden heuer in Las Vegas erstmals statt. Was halten Sie davon?
Nicht viel. Doping ist nicht gesund für den Körper, und diese Tatsache widerspricht einem wesentlichen Sinn des Sports, auch des Wettkampfsports. Vor allem aber ist Doping Betrug gegen die Mitstreiter. Natürlich startet bereits heute jeder mit anderen athletischen Voraussetzungen, und nicht jeder kann von den gleichen Trainingsbedingungen profitieren. Aber es darf nicht betrogen werden. Selbstverständlich wird heute zum Beispiel mit Nahrungsergänzungsmitteln und anderen, legalen leistungsfördernden Mitteln gearbeitet. Aber es ist klar definieret, was erlaubt ist und was nicht, und daran haben sich alle zu halten. Aber ganz so einfach ist das alles nicht. Das zeigen uns alleine schon die Diskussionen um die Frage, ab wann eine Frau als Frau gilt.


