«Tschernobyl» veränderte die Welt
24.04.2026 BaselbietSeit vier Jahrzehnten ist «Tschernobyl» Synonym für das Risiko, das der Mensch mit der Stromgewinnung durch Atomkraftwerke eingeht. Die Katastrophe ereignete sich am 26. April 1986.
Thomas Gubler
Es war ein Ereignis, mit dem dazumal, Mitte der ...
Seit vier Jahrzehnten ist «Tschernobyl» Synonym für das Risiko, das der Mensch mit der Stromgewinnung durch Atomkraftwerke eingeht. Die Katastrophe ereignete sich am 26. April 1986.
Thomas Gubler
Es war ein Ereignis, mit dem dazumal, Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, niemand gerechnet hatte. Die Welt war aufgeteilt in Ost und West, eine Art Gleichgewicht des Schreckens, aber immerhin ein relativ stabiles. Und wenig deutete darauf hin, dass es so nicht noch Jahrzehnte weitergehen würde – zumindest ohne nennenswerte Erschütterungen in Europa. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April (Ortszeit) war dann vieles nicht mehr wie zuvor. Auch wenn man dies erst nach und nach realisiert hat. Der Unfall gilt heute als die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomenergie.
Der Glaube an die Technik war erschüttert, das Vertrauen in die Atomenergie ohnehin. Und angeblich soll der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Gorbatschow, gesagt haben, weit mehr als Glasnost und Perestroika habe die Katastrophe von Tschernobyl, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat, das Ende der Sowjetunion im Jahr 1989 beschleunigt.
Was genau geschah
Was aber war am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit tatsächlich geschehen? Mittlerweile weiss man mit ziemlicher Sicherheit, dass in jener Nacht durch ein Experiment geklärt werden sollte, ob nach einem Abschalten des Reaktors, beziehungsweise einem Stromausfall, die verbleibende Rotationsenergie der Turbinen für eine Notkühlung bis zum Anspringen der Notstromaggregate genügen würde.
In der Folge geriet jedoch der Reaktor im Block 4 durch die manuelle Abschaltung aufgrund von Mängeln in der Anlage einerseits und durch eine Reihe von Fehlmanipulationen wie die Abschaltung von Sicherheitssystemen anderseits ausser Kontrolle. Ein extrem starker Leistungsanstieg mit entsprechender Energiefreisetzung in den Brennelementen führte zu einer Explosion im Reaktor mit einer erheblichen Freisetzung von radioaktiven Stoffen, insbesondere Caesium 137 und Jod 131, in die Umwelt mit anschliessender Verteilung über grosse Teile von Mittel-, Nord- und Westeuropa.
Vor allem Tessin war betroffen
Der grösste Teil der Freisetzung radioaktiver Stoffe fand gemäss dem deutschen Fachverband für Strahlenschutz in den ersten zehn Tagen nach der Explosion statt – durch die Explosion und durch den anschliessenden Graphitbrand. Die Wolken mit dem radioaktiven Ausfall verteilten sich letztlich über die gesamte nördliche Halbkugel. Zunächst aber wurden sie nach Skandinavien, dann über Polen, Tschechien, Österreich und Süddeutschland bis nach Norditalien getrieben. Eine weitere Wolke erstreckte sich über den Balkan, Griechenland und die Türkei.
In der Schweiz waren das Tessin und die Bündner Südtäler am stärksten betroffen. Die Frühlingsferien im Tessin und in Norditalien waren deshalb in diesem Jahr mit gewissen Hindernissen verbunden. In Teilen der Provinz Varese etwa durften sich die Kinder tagelang nicht im Freien aufhalten. Auch von den Langzeitfolgen ist schweizweit das Tessin am stärksten betroffen. Laut Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) kann das Fleisch von im Tessin erlegten Wildschweinen noch immer Caesium 137 aufweisen. Direkte, auf das Ereignis zurückzuführende gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung wurden in der Schweiz jedoch nicht festgestellt.
Langzeitfolge Schilddrüsenkrebs
Die Zahl der Menschenleben, welche die Katastrophe gekostet hat, lässt sich schwer ermitteln. An den direkten Folgen des Unfalls starben in den ersten 20 Jahren laut dem deutschen Fachverband für Strahlenschutz 78 Personen aus dem Kreis der Rettungsmannschaften, Liquidatoren und Aufräumer infolge Krebserkrankung. Weitere 50 Personen starben an anderen, auf die Strahlenexposition zurückzuführenden Krankheiten. Das Tschernobyl-Forum geht längerfristig von rund 4000 Todesfällen vor allem durch Schilddrüsenkrebs aus, die sich auf die Reaktorkatastrophe zurückführen lassen.
Was wir indessen heute über den Ablauf der Katastrophe wissen, war damals, Tage nach dem Geschehen, alles andere als klar. Europa sass vor den Fernsehschirmen und an den Radios und stocherte im Informationsnebel. Gesicherte Informationen gab es tagelang keine. Man wusste lediglich, dass sich in der Sowjetunion, auf dem Gebiet der Ukraine, eine Katastrophe grösseren Ausmasses ereignet haben musste. Denn in verschiedenen Gebieten Polens war die radioaktive Konzentration zwischen 10 und 500 Mal höher als normal.
Strategie der Verheimlichung
Informationen seitens der Sowjetbehörden erfolgten allenfalls tröpfchenweise. Man gab immer nur so viel zu, wie sich nicht mehr verheimlichen liess, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. In der Ausgabe vom 2. Mai 1986, also eine knappe Woche nach dem Ereignis, beklagte die «NZZ»: «Die Behandlung des Falles durch die Sowjetregierung, das ursprüngliche Leugnen, die verspätete Bekanntgabe und der Widerwille, reinen Wein einzuschenken, wirft wieder einmal die Frage auf nach der Verlässlichkeit der Sowjets als Partner.»
Zwei Tage zuvor hatte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher den sowjetischen Botschafter einberufen, um ihm, so die «NZZ», «ihr Missfallen über den Mangel an Information auszudrücken. London verlangt, dass Moskau Einzelheiten über die Ursache, den Verlauf und die möglichen Folgen des Unglücks bekanntgebe.» Und was man sich heute kaum mehr vorstellen kann: Die Leute vor Ort wussten noch weniger als die in Westeuropa und versuchten sich über – angeblich erst noch von Störsendern behinderten – ausländische Kanäle zu informieren.
Was sich wirklich ereignet hat, gelangte nach und nach an die Öffentlichkeit. So vermeldete die Presseagentur Reuters am 6. Mai, also zehn Tage später, die ersten genaueren Informationen der UdSSR über den Unfall von Tschernobyl, die nun westliche Vermutungen untermauert hätten, «dass es sich um die grösste Reaktorkatastrophe der zivilen Kernkraftnutzung handelte». So habe der stellvertretende Ministerpräsident Boris Schtscherbina vor der Presse eingeräumt, das Ausmass des Unglücks sei zunächst unterschätzt worden.
Die Folgen der Katastrophe
Der Direktor des Kraftwerks, Wiktor Brjuchow, und fünf leitende Mitarbeiter wurden im Jahr nach der Katastrophe zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Das Gebiet um das Kraftwerk musste evakuiert und zur Sperrzone erklärt werden. Prypjat wurde zur Geisterstadt. Der havarierte Reaktorblock wurde erst mit einem sogenannten Sarkophag abgedeckt und 2016 mit einer weiteren Hülle versehen. Infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 und dem seither herrschenden Krieg ist die Überwachung der Anlage erschwert. Die drei unversehrten Reaktorblöcke waren vorher im Lauf der Jahre stillgelegt worden.
Nicht zu unterschätzen waren auch die politischen Folgen der Katastrophe. Vom Ende der Sowjetunion im Jahr 1989 mit der anschliessenden Unabhängigkeit der Ukraine war schon die Rede. Im übrigen Europa entstand in der Folge eine breite Opposition gegen die Atomenergie. Österreich etwa wurde zu einer atomfreien Zone, nachdem das Land schon in den 1970er-Jahren die Inbetriebnahme des fertiggestellten Atomkraftwerks Zwentendorf per Volksabstimmung verhindert hatte.
Schweiz beschliesst Ausstieg
Auch in der Schweiz weht der Atomenergie seither ein rauer Wind entgegen. Eine 1987 eingereichte Initiative für ein zehnjähriges nationales Moratorium wurde 1990 angenommen. Der Bau eines neuen AKW war fortan kein Thema mehr. Es blieb bei den fünf Werken Beznau I und II, Mühleberg, Gösgen und Leibstadt. Nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 beschloss die Schweiz 2017 den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie. Der Bau eines neuen Atomkraftwerks wurde verboten, Mühleberg 2019 abgeschaltet.
Erst seit kurzer Zeit scheint die Atomenergie nach drohenden Versorgungsengpässen wieder salonfähig zu werden. Der Bundesrat möchte nämlich mit einem indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Jederzeit Strom für alle», der sogenannten «Blackout-Initiative», den Bau von Atomkraftwerken wieder zulassen, und der Ständerat hat der Vorlage bereits zugestimmt. Ob indessen auch bei einer tatsächlichen Aufhebung des AKW-Neubauverbots in nächster Zeit in der Schweiz wirklich wieder ein neues Atomkraftwerk gebaut wird, ist äusserst ungewiss.
1986 – ein Jahr der Katastrophen
Gu. Es war nicht nur der Unfall in Tschernobyl, der die hiesige Bevölkerung im Jahr 1986 in Angst und Schrecken versetzte. Kaum war das Ereignis vom April verdaut, kam es am 1. November zu einer weiteren Katastrophe nach einem Grossbrand in einer Lagerhalle von Sandoz mit Chemikalien im Industriegebiet Schweizerhalle. Der Brand führte zu einer stinkenden Rauchwolke und in der Region wurde Sirenenalarm ausgelöst. Im Zuge der Löscharbeiten gelangte mit Pflanzenschutzmitteln belastetes Löschwasser in den nahen Rhein und führte dort zu einem grossen Fischsterben bis in den Mittelrhein.



