Tourismus boomt, Natur spürt die Folgen
12.05.2026 BaselbietZunehmende Schäden in kantonalen Schutzgebieten
Der Kanton Baselland investiert Millionen in den Tourismus. Ob seine Schutzgebiete den Ansturm vertragen, weiss er nicht: Ein systematisches Monitoring existiert bisher nicht. Die zuständigen Naturschützer und Ranger sehen die ...
Zunehmende Schäden in kantonalen Schutzgebieten
Der Kanton Baselland investiert Millionen in den Tourismus. Ob seine Schutzgebiete den Ansturm vertragen, weiss er nicht: Ein systematisches Monitoring existiert bisher nicht. Die zuständigen Naturschützer und Ranger sehen die Folgen – und warnen davor.
Melanie Frei
Der Tourismus im Baselbiet boomt. Das konnte die «Volksstimme»-Leserschaft dem Interview vergangene Woche mit Michael Kumli, Geschäftsführer von Baselland Tourismus, entnehmen. Er sprach von rund 154 000 Logiernächten in der Hotellerie im Jahr 2025 und von ambitionierten Wachstumszielen. Der Kanton solle sich als attraktiver Zwischenstopp auf der europäischen Nord-Süd-Achse etablieren; Angebote sollen gebündelt und sichtbar präsentiert werden. «Das Baselbiet überzeugt durch eine aussergewöhnliche Vielfalt auf engem Raum», sagte Kumli.
Doch nicht nur Hotelgäste, sondern auch Tagestouristen und Ausflügler entdecken zunehmend das Baselbiet. Diese Entwicklung hat eine Kehrseite: In sensiblen Naturgebieten des Kantons macht sich der zunehmende Besucherandrang bemerkbar mit Folgen für Pflanzen, Tiere und die Schutzgebiete selbst.
Ein Juwel wird «überrannt»
Thomas Zumbrunn, Co-Geschäftsführer von Pro Natura Baselland, nennt als Beispiel den Kilchberger Giessen, ein Feuchtgebiet im Besitz von Pro Natura. «Der Giessen wurde in den Sozialen Medien ‹gehyped›. Seither wird er vor allem im Sommer an warmen Tagen überrannt», sagt Zumbrunn.
Bis zum Beginn der Corona-Pandemie sei das Gebiet problemlos zugänglich gewesen. Die Besucherzahlen seien niedrig, das Verhalten der Gäste sei anständig gewesen. Das habe sich geändert, sagt Zumbrunn: «Leider verhalten sich viele Besucher völlig asozial, gefährden den Verkehr durch abenteuerliches Parkieren, lassen Unmengen an Abfall wie Flaschen, Einweggrills, Plastik, Windeln und Lebensmittelreste liegen und versäubern sich in den Büschen.»
Auch das Naturschutzgebiet Chilpen zwischen Diegten, Wittinsburg und Tenniken sei betroffen. Zumbrunn berichtet von rücksichtslosen Besuchern, die trotz eines Verbots Hunde mitführen oder sich nicht an die vorgegebenen Wege halten. «So entstehen neue Trampelpfade.» Zumbrunn sieht die Ursache für den gestiegenen Besucherdruck in den Sozialen Medien: «Wander-Apps und Websiten zu Naturjuwelen gibt es schon seit längerer Zeit, ohne dass sich dies massgeblich auf die Besucherfrequenzen des Kilchberger Giessens und des ‹Chilpen› ausgewirkt hätte. Die Wende kam während der Corona-Pandemie, als die Gebiete in den Sozialen Medien einem breiten Publikum präsentiert wurden.» Auf Bitte von Pro Natura Baselland habe Baselland Tourismus dann den Kilchberger Giessen von seiner Website entfernt.
Grundsätzlich bewegt sich Pro Natura laut Zumbrunn in einem Spannungsfeld: «Wenn wir Schutzgebiete für die Allgemeinheit schliessen würden, würde der Aspekt der Sensibilisierung der Bevölkerung komplett wegfallen, was eigentlich nicht in unserem Sinn ist.»
Ebenfalls von vielen Besuchern aufgesucht – wenn nicht noch stärker als der Giessen und «Chilpen» – sind laut Zumbrunn die drei grossen kantonalen Schutzgebiete: Reinacher Heide, Wildenstein (Bubendorf) und Talweiher (Anwil).
Yannick Bucher vom Naturschutzdienst Baselland, der diese Gebiete im Auftrag des Kantons betreut, bestätigt die Entwicklung mit Zahlen: «Im Jahr 2020 hatten wir in der Reinacher Heide, in Wildenstein und am Talweiher rund doppelt so viele Besuchende wie im Durchschnitt der fünf Jahre davor.» Seither seien die Zahlen zwar wieder etwas zurückgegangen, lägen aber weiterhin deutlich über dem Niveau von vor der Pandemie. «Wenn wir die Jahre 2022 bis 2025 mit der Zeit von 2016 bis 2019 vergleichen, verzeichnen wir in den drei Gebieten insgesamt rund 20 Prozent mehr Besuchende.»
Die Ranger beobachten vor Ort konkrete Auswirkungen. «Wir sehen vor allem, dass Wege verlassen werden und dadurch Trampelpfade entstehen», sagt Bucher. «Solche Pfade sind problematisch, weil sie andere Besuchende zur Nachahmung einladen und Störungen in sensiblen Lebensräumen verstärken können.» Dazu kämen Missachtung der Leinenpflicht (in der Reinacher Heide auch des Hundeverbots), Feuer ausserhalb offizieller Feuerstellen sowie das Sammeln von Pilzen und Pflanzen.
Was die Rolle digitaler Plattformen und Werbung betrifft, differenziert Bucher: «Bei Wander-Apps sehen wir einen spürbaren Einfluss, vor allem am Talweiher und in Wildenstein. Über solche Plattformen finden mehr Menschen in diese Gebiete. Teilweise mussten wir auch fehlerhafte Routenvorschläge oder Navigationshinweise korrigieren lassen.» Soziale Medien hingegen spielen «nach unserer Einschätzung bisher eine weniger auffällige Rolle».
Zur Besucherlenkung setzt der Naturschutzdienst auf Schilder, Informationstafeln und die direkte Präsenz der Ranger. «Wichtig ist aber nicht nur die Beschilderung, sondern auch die Präsenz unserer Rangerinnen und Ranger», so Bucher. «Sie informieren, sensibilisieren und erklären die Regeln vor Ort.» Die bestehenden Massnahmen reichten «im Grossen und Ganzen in den meisten Fällen aus», würden aber laufend überprüft und angepasst.
Für die Zukunft formuliert Bucher einen Wunsch: «Wenn Schutzgebiete stärker besucht und intensiver genutzt werden, muss auch der Schutz entsprechend mitwachsen. Dafür braucht es genügend Präsenz der Rangerinnen und Ranger vor Ort, zeitgemässe Schutzbestimmungen und eine Besucherlenkung, die auf neue Entwicklungen reagieren kann.»
Kanton ist zurückhaltend
Vonseiten des Kantons äussert sich die zuständige Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) zurückhaltend: Die touristischen Aktivitäten und Naherholungsaktivitäten seien «einerseits gewünscht, andererseits eine Herausforderung». Der Kanton verfüge über Instrumente zur Lenkung der Freizeitnutzung.
Finanziell unterstützt der Kanton den Verein Baselland Tourismus substanziell: Der Landrat bewilligte für die Jahre 2025 bis 2028 einen Beitrag von 2,4 Millionen Franken. In der Leistungsvereinbarung ist festgehalten, dass Baselland Tourismus bei der Entwicklung neuer Angebote «alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft berücksichtigt».
Die Verantwortung bei Schäden in Schutzgebieten bezeichnet die VGD als «Gemeinschaftsaufgabe von Kanton und Gemeinden». Ein systematisches Monitoring, das erfasst, wie stark zum Beispiel Schutzgebiete durch Besuchende belastet werden, existiert bisher nicht.



