Tierisches Überleben
17.09.2026 BaselbietChrista Dettwiler
Unser neuestes vorläufiges Familienmitglied ist eine kleine Hündin. Vorläufig, weil Yvonne ein gutes Zuhause für sie sucht. Eigentlich gehört die brandmagere Gordita (Pummelchen) Danilos Nachbarn. Doch die haben sich eines Tages ...
Christa Dettwiler
Unser neuestes vorläufiges Familienmitglied ist eine kleine Hündin. Vorläufig, weil Yvonne ein gutes Zuhause für sie sucht. Eigentlich gehört die brandmagere Gordita (Pummelchen) Danilos Nachbarn. Doch die haben sich eines Tages ganz einfach nach Puerto Montt davongemacht – ohne Haustier. Ihre Ausrede: Das Tier sei extrem standortgebunden, sie brächten es nicht übers Herz, es aus seiner gewohnten Umgebung zu reissen.
Was sie ohne weiteres übers Herz brachten, war, das Tier allein, ohne Schutz und ohne Futter zurückzulassen. Danilos Familie hat es mit unserer Unterstützung einige Wochen durchgefüttert. Dann wurde Gordita läufig – kastriert ist sie selbstverständlich nicht – und die Rüden der Umgebung haben ihr derart zugesetzt, dass sie kaum mehr laufen konnte.
Vergangene Woche haben wir das Hündchen zur Tierärztin gebracht, um es untersuchen und sterilisieren zu lassen. Jetzt lebt Gordita in unserer Bodega, ist zutraulich und scheint zufrieden zu sein. Sie ist einer von mehreren Millionen ausgesetzten Hunden in Chile. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 2,5 und 4 Millionen (bei einer Bevölkerung von rund 20 Millionen). Man begegnet ihnen überall. In etlichen Siedlungen leben sie als «Gemeindehunde». Sie ernähren sich von Essensresten aus Restaurants, aus Abfalltonnen oder von mildtätigen Gaben. Im Norden des Landes tun sie sich zu Rudeln zusammen, um gemeinsam zu jagen. Selbst Guanacos stehen auf ihrem Speisezettel.
Zwar gibt’s strenge Gesetze gegen das Aussetzen von Tieren, kontrolliert wird das jedoch kaum. Sie gehören ganz einfach zum Strassenbild. Die Hauptursachen für die Überpopulation sind die Kosten für das Futter und für die Sterilisation. Obwohl der Eingriff für unsere Verhältnisse günstig ist – ungefähr 35 Franken – können oder wollen sich die Tierhalter das nicht leisten. So vermehren sich die Tiere unkontrolliert und werden häufig einfach irgendwo ausgesetzt.
Doch nicht nur Haustiere brauchen ein Zuhause. Vor ein paar Wochen haben zwei Ziegen beschlossen, unsere Weiden seien die besten. Nachdem sie immer wieder bei uns aufgetaucht sind, hat Johnny sie schliesslich eingefangen und ihnen ein Gehege und ein Häuschen gebaut. Wir haben überall herumgefragt, aber niemand scheint die beiden zu vermissen.
Wir haben keinerlei Absicht, einen Streichelzoo zu eröffnen. Aber verlassene Tiere einfach ihrem Schicksal überlassen können wir auch nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie uns so nahekommen. Es ist schwierig, ein Limit zu setzen, vor allem für Yvonne. Am liebsten würde sie jedem verlassenen Tier ein gutes Zuhause geben. Und der Chnöpperli ist von seiner neuen Spielkameradin hell begeistert. Die kleine Gordita hat ihn jedenfalls sofort ins Herz geschlossen und lässt sich grossmütig und ohne zu knurren an den Ohren ziehen.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

