Teufelszwirn wird Quendel-Seide
29.08.2025 NaturAndres Klein
Vieles, was bei Pflanzen unerklärlich oder ungewohnt erscheint, wurde im Mittelalter mit dem Teufel oder den Hexen in Verbindung gebracht. So wurde ein parasitisch lebendes Windengewächs, das unzählige Pflanzen mit roten Fäden umschlang, ...
Andres Klein
Vieles, was bei Pflanzen unerklärlich oder ungewohnt erscheint, wurde im Mittelalter mit dem Teufel oder den Hexen in Verbindung gebracht. So wurde ein parasitisch lebendes Windengewächs, das unzählige Pflanzen mit roten Fäden umschlang, als Teufelszwirn bezeichnet. Später wurde er Thymian- oder Klee-Würger genannt und heute, wo alles möglichst harmlos klingen soll, heisst er Quendel-Seide. Vom Teufel zur Seide, vom Ausrotten zum Aussterben, vom Raubvogel zum Greifvogel, vom Diktator zum Autokraten und vom Atomkraftwerk zum Kernkraftwerk: Die Wörter werden harmloser und helfen, das Reale zu verschönern.
Die Quendel-Seide (Quendel für Thymian) wächst bei uns eher selten. Sie kann auf Thymian-, Berg-Gamander und verschiedenen Kleearten beobachtet werden. Bei uns sind die Schäden klein, da die Pflanze selten geworden ist (unser Bild wurde in Itingen aufgenommen). In China verursacht eine verwandte Art grosse Schäden an Sojakulturen.
Die Pflanze windet sich mit den fadenförmigen roten Stängeln um die Wirtspflanze in die Höhe. So können überwachsene Pflanzenteppiche entstehen, die bis zu einer Are gross werden. Die Blätter sind sehr klein und schuppenförmig. Der Kelch ist fünfteilig. Die weissen bis roten Blüten wachsen zu wenigen in bis 10 Millimeter grossen Knäueln am Stängel. In der Blüte wachsen zwei bis vier Griffel. Die Frucht ist eine Kapsel und enthält zur Reifezeit vier Samen à 0,3 Milligramm.
Eine Wurzel besitzen die Pflanzen nicht. Lediglich nach dem Keimen des Samens wird eine reduzierte Wurzel ausgebildet. Nachdem der Keimling eine passende Wirtspflanze gefunden hat, verwelkt diese Wurzel. Findet der Keimling innerhalb seiner ersten Tage keine Wirtspflanze, so stirbt er. Die Pflanze bildet Saugwurzeln aus, die in die Wurzeln eindringen, um von dort Wasser, Nährstoffe und Zucker zu bekommen. So schwächen sie ihre Wirte erheblich und schränken deren Wachstum ein.
Chinesische und deutsche Wissenschaftler haben in einem gemeinsamen Forschungsprojekt herausgefunden, dass die befallenen Wirtspflanzen auch von der parasitischen Klee-Seide profitieren. Da die Klee-Seide auch oberhalb der Wirtspflanze lebt, merkt sie als erstes, wenn einzelne Pflanzen von Schädlingen wie Raupen befallen werden. Über ihr Netzwerk – die fadenförmigen Stängel – meldet sie den Befall an die Wirtspflanzen. Diese produzieren sofort Botenstoffe aus Jasmonsäure, welche dazu führen, dass pflanzeneigene Abwehrstoffe produziert werden, um den Raupen das Fressen zu vergällen. Die Forschenden konnten feststellen, dass diese Warnung sehr rasch über mehrere Meter den Wirtspflanzen und zum Teil auch anderen Arten kommuniziert wird. Ob Letzteres über das Pilzgeflecht im Boden geschieht, ist noch nicht geklärt. Die moderne Forschung hat somit ein weiteres Beispiel gefunden, wie Pflanzen miteinander kommunizieren. Spannend ist dabei, dass sogenannte Schädlinge für den Wirt nicht nur Schaden, sondern auch Nutzen bringen können.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.