Talentschmiede für die Politik
17.04.2026 BaselbietDie Wirtschaftskammer will neue Kräfte für Ämter und Gremien aufbauen
Die Wirtschaftskammer Baselland will mit einer eigenen Polit Academy mehr Menschen aus dem Berufsleben in die Politik bringen. Das Projekt soll nicht nur den Einstieg erleichtern, sondern auch den ...
Die Wirtschaftskammer will neue Kräfte für Ämter und Gremien aufbauen
Die Wirtschaftskammer Baselland will mit einer eigenen Polit Academy mehr Menschen aus dem Berufsleben in die Politik bringen. Das Projekt soll nicht nur den Einstieg erleichtern, sondern auch den Einfluss wirtschaftlicher Perspektiven in der Politik stärken.
Pascal Kamber
«Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.» Mit diesen markigen Worten bewirbt die Baselbieter Wirtschaftskammer auf ihrer Website ihr neuestes Projekt: die Polit Academy. Am Tag der Wirtschaft im vergangenen Jahr hat Christoph Buser, seit 2012 Direktor der Wirtschaftskammer Baselland (Wika), die Polit Academy erstmals als Idee angekündigt. Nun machen Buser und sein Team Nägel mit Köpfen. Das Ziel sei es, Menschen aus dem Berufsleben dazu zu bringen, auch politisch Verantwortung zu übernehmen. «Viele sagen heute: ‹Eigentlich müsste ich mich engagieren.› Weil sie aber nicht wissen, wie der Einstieg funktioniert, legen sie die Idee wieder zur Seite. Genau da setzen wir an», erklärt Buser.
Losgehen soll der erste Academy-Lehrgang diesen Juni. Vorgesehen sind 25 Module, verteilt über neun Monate. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft thematisieren dabei verschiedene Bereiche von wirtschaftlichen Grundlagen über politische Prozesse bis hin zur eigenen Positionierung. «Experten vermitteln den Teilnehmenden praxisnah ein Grundlagenwissen. Immer mit direktem Bezug zur aktuellen Politik.
Sie arbeiten an echten Themen und entwickeln eigene Vorhaben», sagt Buser. Das Angebot hat jedoch seinen Preis: Wer bei der Polit Academy dabei sein will, muss 9000 Franken bezahlen. «Die Kosten spiegeln den effektiven Aufwand und die Qualität des Programms. Wer teilnimmt, erhält weit mehr als einen klassischen Kurs. Andere Weiterbildungen bewegen sich zudem in einem ähnlichen Rahmen», verteidigt Buser den Preis. Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass dieser eine Hürde darstellen kann. Ein Götti-System soll deshalb ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten eine Teilnahme zu reduziertem Preis ermöglichen. «Zudem gibt es ein kleines Kontingent an unterstützten Plätzen», so Buser.
Mit der Polit Academy will die Wika jene Menschen ansprechen, die merken: Von aussen kommentieren sei bequem, bringe aber nichts. «Wir suchen Menschen, die bereit sind, den Schritt in die Politik zu machen – wenn der Weg klar ist», sagt Buser. Ihnen will die Wika einen strukturierten Einstieg bieten, kombiniert mit dem Zugang zu den relevanten Netzwerken. Oder wie es Buser formuliert: «Ein echter Kickstart.» Im ersten Lehrgang rechnet die Wika mit rund 20 Teilnehmenden, später seien aber mehr möglich. «Die Gruppe soll bewusst überschaubar bleiben», sagt Buser.
Mehr Präsenz erhalten
Die Polit Academy kann auch als Kritik am aktuellen System verstanden werden. Laut Wika sei der Weg in die Politik heute oft zu unübersichtlich und aufwendig. «Es gibt keinen klaren Weg. Viel läuft über persönliche Netzwerke – oft auch über Zufall», sagt Buser. Wenn die Parteien Listen für Wahlen füllen oder Positionen besetzen müssen, werden meist Personen aus dem eigenen Umfeld angefragt. «Wer sich selbst einbringen will, muss aktiv auf bestehende Strukturen zugehen. Das braucht Überwindung», sagt Buser.
Die Polit Academy will dem nicht nur entgegenwirken, sondern auch dazu beitragen, dass die Wirtschaft in der Politik präsenter wird. «Heute stehen gute Rahmenbedingungen für die KMU zu wenig im Fokus», moniert Buser. Im Landrat kämen solche Themen meist zu kurz. «Das hat auch damit zu tun, dass man sich eher mit dem beschäftigt, was man gut kennt. Genau deshalb braucht es mehr Leute mit Praxiserfahrung», sagt der ehemalige FDP-Landrat. Ob das in Gemeinden, Kommissionen oder eben im Landrat zu tragen komme, sei nebensächlich. «Uns geht es darum, dass mehr Leute mit wirtschaftspolitischem Verständnis mitentscheiden. Das führt am Ende einfach zu besseren Entscheidungen», sagt Buser.
Einsatz für den Wohlstand
Gleichwohl stellt sich die Frage, ob sich das Baselbiet «dank» der Polit Academy in naher Zukunft auf eine weitere Initiativen-Flut mit wirtschaftlichem Charakter gefasst machen muss. So wie im vergangenen Juli, als die Wika gleich 16 Initiativen mit mehr als 26 000 Unterschriften bei der Landeskanzlei eingereicht hat. Mit diesen fordert sie eine ganze Palette an kantonalen Massnahmen, von «weniger Staat» über die Förderung der Berufsbildung bis zur Kinderbetreuung und Universität Basel. Seither werden diese Initiativen Stück für Stück geprüft und durch den ordentlichen Prozess gelassen. Knapp die Hälfte davon wurde von der Regierung bereits für rechtlich unzulässig oder teilweise unzulässig befunden. «Diese Frage zeigt genau das Problem», sagt Christoph Buser, «vielen ist nicht mehr klar, wie unser Wohlstand überhaupt entstanden ist. Es braucht deshalb wieder mehr wirtschaftspolitischen Sachverstand in der Politik.»
Mit dieser Ansicht scheint die Baselbieter Wirtschaftskammer nicht allein dazustehen. Gemäss Buser seien schon Bewerbungen für die Polit Academy eingegangen. Das zeige ihm, den richtigen Entscheid getroffen zu haben. «Wenn man neue Wege geht, kann man nicht warten, bis alle anklopfen. Man muss ein Angebot machen, das überzeugt. Und genau das tun wir.»

