Sturmwinter
20.03.2026 PersönlichErst kam Kristin, dann folgte Leonardo und gleich darauf Marta. Die Sturmserie in Portugal wollte diesen Winter kein Ende nehmen. Das Fernsehen zeigte in Dauerschleife Berichte von Flüssen, die ganze Dörfer verschluckten, von abgedeckten Häusern und unterspülten Strassen. ...
Erst kam Kristin, dann folgte Leonardo und gleich darauf Marta. Die Sturmserie in Portugal wollte diesen Winter kein Ende nehmen. Das Fernsehen zeigte in Dauerschleife Berichte von Flüssen, die ganze Dörfer verschluckten, von abgedeckten Häusern und unterspülten Strassen. Ortschaften hatten zum Teil wochenlang keinen Strom oder waren von der Aussenwelt abgeschnitten. Alleine im Distrikt Leiria, nördlich von Lissabon, wurden 8 Millionen Bäume entwurzelt. Aber nicht alle Regionen waren gleich stark betroffen. Die Algarve kam relativ glimpflich davon. Hier waren es vor allem Uferbauten und -befestigungen, die dem Wind und der hohen Brandung nicht standhielten.
Wir Winterflüchtlinge in unserer kleinen abgegrenzten Welt auf dem Campingplatz in Fuseta hatten Glück. Zwar stürzte eines Nachts auch bei uns ein Baum um und katapultierte zwei Holländer aus dem Bett, aber der Sachschaden hielt sich in Grenzen. Ausserdem gab mir das Fallholz endlich die Gelegenheit, mein neues Taschenmesser auszuprobieren und zwei Kochlöffel zu schnitzen.
Was uns auf Trab hielt, war der Regen. Von morgens bis abends trommelte er aufs Camperdach. Nicht etwa leise und beruhigend, sondern so, als sässe man in einer Waschanlage. Draussen war der Boden nicht mehr imstande, die Wassermassen zu schlucken, welche sich an den tiefer gelegenen Stellen des Platzes sammelten. Wir wateten durch knöcheltiefe Pfützen, eingehüllt in Regenponchos und Regenhosen, die Füsse in Gummistiefeln. Der Wind peitschte uns aus allen Himmelsrichtungen das Wasser ins Gesicht. Und wenn sich die Wolken dann doch einmal verzogen, mussten wir alle Besorgungen im Eiltempo erledigen, weil bereits die nächste Regenwand aufzog. Ich bin noch nie in so viele Hauseingänge, Geschäfte und Cafés geflüchtet wie in diesem Winter. Einmal sass ich zwei geschlagene Stunden in einer Konditorei fest, weil ein Regensturm waagerecht durch die Strassen fegte. Erst zwei Tassen Milchkaffee und drei Stück Kuchen später wagte ich mich auf den Heimweg. Ein Elend.
Zum Regen gesellte sich die hohe Luftfeuchtigkeit. Ein Wohnmobil taugt bei dem Wetter nicht viel, um nasse Klamotten, Jacken und Schuhe zu trocknen. Das heisst, es wird klamm in den vier Wänden. Der Heizlüfter kämpfte vergeblich gegen die Feuchtigkeit an. Aber immerhin vermittelte er ein Gefühl von Trockenheit und Wärme.
Kein Wunder, dass nach fünf Wochen nonstop Schlechtwetter die Stimmung im Keller war. Nach der gefühlt hundertsten Partie «Mensch ärgere dich nicht» mit meinen Camperfreunden in Filips Café, denn viel mehr gab es nicht zu tun, wären wir uns fast an die Gurgel gegangen, weil ein Spieler drei Züge mit der Farbe seines Gegners gefahren war. Ok, zu dem Zeitpunkt hatten wir uns das Wetter mit einem vorzüglichen Portwein bereits schön getrunken.
Allein die Sonne konnte uns vor den Abgründen von Mord, Totschlag und Alkoholismus retten. Und das tat sie. Eines Tages wachten wir auf und der Himmel war wolkenlos – und mit ihm unsere Gemüter.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.

