Stürmische Zeiten
04.04.2025 PersönlichStürmische Zeiten
Allgemeine Durchsage auf dem Campingplatz: «Bereiten Sie sich bitte auf Sturm in Orkanstärke vor!» Ich befinde mich in Zambujeira do Mar an der portugiesischen Westküste. Hier trifft der Wind ungehindert durch vorgelagerte Inseln ...
Stürmische Zeiten
Allgemeine Durchsage auf dem Campingplatz: «Bereiten Sie sich bitte auf Sturm in Orkanstärke vor!» Ich befinde mich in Zambujeira do Mar an der portugiesischen Westküste. Hier trifft der Wind ungehindert durch vorgelagerte Inseln direkt aus der atlantischen Sturmküche aufs Festland. Dementsprechend kribbelt es bei solchen Durchsagen im Magen. Es ist eine Mischung aus Nervosität und Vorfreude. Zumindest bei mir, denn ich liebe Stürme. In den USA wäre ich wohl eine Tornadojägerin. Eine jener Verrückten, die möglichst nahe an diese Monster heranfährt, um sie zu fotografieren.
Eine meiner beliebtesten Apps heisst denn auch «Windy». Sie wird von Leuten genutzt, die wissen müssen, wo gerade wie viel Wind bläst, also zum Beispiel Segler. Oder eben von mir, der Sturmverrückten.
Allerdings, Sturmwarnungen hatten wir diesen Winter schon öfter. Ein Tiefdruckgebiet löste das andere ab und wanderte übers Meer Richtung Portugal oder den Golf von Biskaya. In Nazaré, dem Surferparadies Portugals, freute man sich über zehn Meter hohe Wellen. Weniger erfreulich war der vom Wind begleitete Regen. Zumindest für uns Camper. Nach trockenen Wintern lechzte die Natur nach Wasser. Die in Portugal zur Wasserversorgung wichtigen Stauseen sind alle wieder fast voll.
Sosehr ich mich über diesen Umstand freue, der Regen war in diesem Winter eine echte Herausforderung für jeden Camper. Er hat uns so richtig schön auf Trab gehalten. Im Laufschritt sind wir in die Duschhäuser gerannt, zum Geschirrabwaschen, in den kleinen Supermarkt oder ins Café, weil die Lücken zwischen zwei Schauern kaum länger als einige Minuten gedauert haben. Schauer ist eine Untertreibung. Das war kein zahmer Landregen, den man mit Schirm und Regenjacke abwettert. Das war eher ein Regengott, der zu Weihnachten einen Hochdruckreiniger geschenkt bekommen hat und noch nicht weiss, wie man ihn bedient. Senkrecht, waagerecht und immer auf Maximum gestellt.
Die tiefer gelegenen Parzellen des Campingplatzes verwandelten sich mehrfach in Tümpel, die mit Pumpen trockengelegt werden mussten, bevor Frösche ihn besiedeln konnten. An einem Abend bat uns ein Camper um Hilfe, weil sich auf seinem Standplatz ein reissender Bach gebildet hatte. Selbstverständlich, dass man da mit Schaufel und Hacke zur Hand geht, auch wenn man danach keinen trockenen Fetzen mehr am Leib trägt. Ich selbst bin im Grossen und Ganzen glimpflich davongekommen. Einmal hing meine Wäsche eine Woche zum Trocknen an der Leine. Und einmal konnte ich wegen des Regens das Restaurant nicht verlassen und musste zwei Gläser Wein mehr trinken als geplant.
Der oben angekündigte Orkan «Ivo» benahm sich in unserem Teil des Landes recht zivilisiert. Es rauschte zwar mächtig in den Eukalyptusbäumen und die Brandung donnerte beeindruckend an die Küste. Aber auf den perfekten Sturm warte ich noch.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.


