Streit um steigende Pflegekosten
22.05.2026 BaselbietGemeinden und Pflegeheimverband suchen Auswege
Die Gemeinden ächzen unter hohen Altersheimkosten. Die Gemeinde Binningen hat die Pflegekosten analysieren lassen – und damit einen Streit mit dem Verband Curaviva Baselland ausgelöst. Das steckt hinter der Debatte.
...Gemeinden und Pflegeheimverband suchen Auswege
Die Gemeinden ächzen unter hohen Altersheimkosten. Die Gemeinde Binningen hat die Pflegekosten analysieren lassen – und damit einen Streit mit dem Verband Curaviva Baselland ausgelöst. Das steckt hinter der Debatte.
Janis Erne
Warum gibt es Aufruhr um die Alterspflege?
Wie andere Gemeinden auch sieht sich Binningen mit stark steigenden Pflegeheimkosten konfrontiert und liess deshalb ein Gutachten von Gesundheitsökonom Stefan Felder von der Universität Basel erstellen. Dieses kommt zum Schluss, dass die Pflegetarife im Baselbiet zu hoch seien und gesenkt werden könnten, indem sie mit Qualitätsvorgaben verknüpft würden. «Curaviva Baselland» widerspricht vehement. Der Verband der Pflegeheime wirft den Gutachtern vor, mit ungeeigneten Kantonsvergleichen zu arbeiten und die Realität in den Heimen auszublenden. Das Gutachten sei «fiskalisch motiviert». Es gefährde die Versorgung älterer Menschen, da es insbesondere bei einer Senkung der Pflegetarife zu einem Stellenabbau kommen würde.
Weshalb ist die Pflegefinanzierung eine Herausforderung?
Seit 2024 tragen die Gemeinden im Baselbiet höhere Kostenanteile an der stationären Alterspflege. Zudem steigen die Ausgaben. Gründe dafür sind neue gesetzliche Vorgaben, eine höhere Pflegebedürftigkeit der Bewohnenden, ein höherer Ausbildungsaufwand sowie höhere Personalkosten. Einige Gemeinden warnen vor Steuererhöhungen.
Warum steigen die Kosten in den Pflegeheimen?
Die Menschen treten heute deutlich später ins Pflegeheim ein als früher. Viele bleiben dank besserer Medizin, Spitex, Angehörigen, betreutem Wohnen, Tagesstätten und anderen Angeboten länger zu Hause. Der gesundheitspolitische Grundsatz lautet: ambulant vor stationär. Dadurch verändert sich die Situation in den Heimen. Dort leben heute deutlich ältere und pflegeintensivere Menschen als noch vor einigen Jahren. Pflegeheime benötigen deshalb mehr Fachpersonal und spezialisierte Angebote. Zusätzlich verschärft der Fachkräftemangel die Situation: Viele Heime müssen teures Temporärpersonal einsetzen.
Wer zieht heute in ein Pflegeheim ein?
Im Baselbiet liegt das Durchschnittsalter der Heimbewohner laut «Curaviva» bei rund 88 Jahren. Ein Heimeintritt erfolgt meist erst dann, wenn Angehörige, Spitex und andere Unterstützungsangebote nicht mehr ausreichen. Viele Bewohnende leiden gleichzeitig an mehreren Krankheiten oder benötigen intensive Betreuung wegen Demenz. Laut «Curaviva» liegt die durchschnittliche Pflegestufe inzwischen bei über Stufe 7 von 12. Pflegeheime übernehmen Aufgaben, die früher oft in Spitälern geleistet wurden.
Was kostet ein Pflegeheimplatz im Baselbiet?
Die Kosten unterscheiden sich je nach Heim, Zimmer und Pflegebedarf. Im Kanton Baselland liegen die durchschnittlichen Gesamtkosten gemäss einem Berechnungsbeispiel von «Curaviva» bei rund 92 000 Franken pro Jahr, also fast 7600 Franken pro Monat. Die Rechnung setzt sich aus drei Bereichen zusammen: Hotellerie (Wohnen, Verpflegung und Reinigung), Betreuung (Alltagsbegleitung und soziale Aktivitäten) sowie Pflege (medizinische und pflegerische Leistungen).
Wer bezahlt diese Kosten?
Die Finanzierung erfolgt durch mehrere Stellen gleichzeitig. Die Krankenkassen übernehmen je nach Pflegestufe fixe Beiträge. Bewohnende zahlen einen gesetzlich begrenzten Eigenanteil für die Pflege sowie Kosten für Hotellerie und Betreuung. Die Gemeinden tragen den verbleibenden Rest der Pflegekosten. Wer die Heimkosten mit Rente und Vermögen nicht decken kann, hat Anspruch auf Ergänzungsleistungen und teilweise zusätzliche Gemeindebeiträge. «Curaviva Baselland» betont, dass grundsätzlich jeder notwendige Heimaufenthalt finanziert ist.
Was passiert, wenn die Pflegetarife tatsächlich gesenkt würden?
«Curaviva» warnt vor weitreichenden Folgen. Die Pflegekosten bestünden zu rund 80 Prozent aus Personalkosten. Würden die Pflegetarife markant sinken, könnten Heime dies praktisch nur mit Stellenabbau kompensieren. «Curaviva» befürchtet weniger Zeit für Bewohnende und mehr Belastung für das Personal. Die Gutachter argumentieren, es brauche mehr Effizienz und zwischen den Heimen vergleichbare Tarife.
Wie könnte der Konflikt gelöst werden?
Trotz der scharfen Kritik am Gutachten signalisiert «Curaviva» Gesprächsbereitschaft. Der Verband fordert eine Arbeitsgruppe beziehungsweise einen runden Tisch mit Kanton, Gemeinden, Versorgungsregionen und Pflegeheimen, wobei Vorbereitungsarbeiten bereits laufen. Gemeinsam soll ein «neues, rechtlich sauberes» Tarifmodell entwickelt werden, das als Übergangslösung formuliert sein soll, bis Efas, die einheitliche Finanzierung der ambulanten und stationären Gesundheitsleistungen, 2032 in Kraft tritt.
Was ist von der Politik zu erwarten?
Im Parlament wird die Alterspflege ein Thema sein: Der SVP-Landrat und Gesundheitsökonom Stefan Meyer, der am Binninger Gutachten mitgearbeitet hat, ist aktiv geworden. Er hat Vorstösse eingereicht, die ein Benchmarking für Pflegeheimkosten und eine Messung der Betreuungsqualität fordern. Aufgrund der stark alternden Bevölkerung wird die Frage, wie die Alterspflege finanziert werden soll, die Politik noch länger beschäftigen.

