Stefan Zemp überrascht alle – sich eingeschlossen
31.07.2026 SissachDer SP-Mann wurde still in den Gemeinderat gewählt
Mit seiner Kandidatur wollte Stefan Zemp verhindern, dass ein Gemeinderatssitz in stiller Wahl vergeben wird. Weil bis zum Ablauf der Frist keine weitere Bewerbung einging, wurde ausgerechnet er ohne Urnengang gewählt.
...Der SP-Mann wurde still in den Gemeinderat gewählt
Mit seiner Kandidatur wollte Stefan Zemp verhindern, dass ein Gemeinderatssitz in stiller Wahl vergeben wird. Weil bis zum Ablauf der Frist keine weitere Bewerbung einging, wurde ausgerechnet er ohne Urnengang gewählt.
Christian Horisberger
Der frühere SP-Landrat Stefan Zemp wird Sissacher Gemeinderat. Der 66-Jährige hat sich am letzten Tag der Bewerbungsfrist für die stille Wahl beworben, und weil ansonsten keine Kandidatur eingereicht worden ist, wird er nun am 1. Januar kommenden Jahres Peter Buser im Gemeinderat ersetzen (siehe «Volksstimme» vom Dienstag).
Diese Wahl ist eine Überraschung. Manche werden von einem Coup sprechen – auch der Gewählte selber. Geplant sei dieser jedoch nicht gewesen, versichert Zemp zwei Tage nach Bekanntgabe des Ausgangs der stillen Wahl (die noch durch die Geschäftsprüfungskommission erwahrt werden muss). Er und weitere Vertreterinnen und Vertreter der lokalen SP, der «Stechpalme», der Grünen und weitere engagierte Sissacherinnen und Sissacher hätten versucht, nach der Rücktrittserklärung von Gemeindepräsident Peter Buser kurz vor den Sommerferien in ihrem Umfeld eine geeignete Person für eine Kandidatur zu gewinnen. «Drei Personen zeigten sich grundsätzlich interessiert», sagt Zemp, «aber die Zeit bis zum Ablauf der Meldefrist für die stille Wahl war ihnen zu knapp, um seriös prüfen zu können, ob und wie sie Job, Familie und das Amt unter einen Hut bringen können.»
Am Samstag, zwei Tage vor Eingabeschluss, stand die Gruppe mit leeren Händen da. Da fasste sich Zemp ein Herz und beschloss, selber in die Hosen zu steigen: «Der Gemeinderat hat mich eigentlich immer mehr ‹gluschtet› als der Landrat», sagt er im Gespräch mit der «Volksstimme». Und sein Argument, Grossvaterpflichten wahrnehmen zu wollen, mit dem er frühere Anfragen für eine Kandidatur jeweils abblockte, habe ihn selber nicht mehr so ganz überzeugt.
Kurzentschlossen
Vor allem, weil Zemp mit einer bürgerlichen Kandidatur rechnete, entschloss er sich, seinen Hut in den Ring zu werfen. So habe er verhindern wollen, dass allenfalls eine Person, die im Dorf kaum oder gar nicht bekannt sei, in stiller Wahl in den Gemeinderat gewählt wird. «Sissach ist für ein Experiment zu wertvoll», findet er. Mit zwei Kandidaturen wäre es zur Urnenwahl gekommen – und diese habe er herbeiführen wollen.
Am Sonntagnachmittag um 16 Uhr hat Stefan Zemp begonnen, Unterschriften von stimmberechtigten Sissacherinnen und Sissachern zusammenzutragen. Zweieinhalb Stunden später standen auf seinem Bewerbungsformular 20 Namen – 15 wären nötig gewesen. Am Montagmorgen um 8.15 Uhr reichte Zemp seine Kandidatur bei der Gemeindeverwaltung ein und liess sich den Empfang quittieren.
Keine vier Stunden später war der Fall bereits erledigt: Beim Eingabeschluss um 12 Uhr hatte nur ein Kandidat seine Bewerbung eingereicht und um 13.45 Uhr gab die Gemeindeverwaltung die stille Wahl von «Zemp Stefan, 1959, Hafner, SP» bekannt. Zemp hatte die stille Wahl damit nicht verhindert, sondern herbeigeführt. Ohne seine Bewerbung wäre es am 27. September zur Urnenwahl gekommen, was er mit seiner Kandidatur ursprünglich bewirken wollte. Unglücklich über die unverhoffte Wahl ist der designierte Gemeinderat dennoch keineswegs. Der Überraschungscoup bereite ihm eine riesengrosse Freude, sagt er. Noch mehr aber freue er sich auf die Aufgabe, die nun auf ihn warte.
Wie eine Nachfrage im bürgerlichen Lager zeigt, gab es dort tatsächlich Bestrebungen, eine Kandidatur einzureichen. «Die bürgerlichen Parteien haben gemeinsam intensiv nach geeigneten Kandidaturen gesucht», teilt Suzanne Imholz (FDP) im Namen der Ortssektionen von FDP und SVP sowie von Pro-Sissach mit. Jedoch sei die Suche nach Personen für ein politisches Amt grundsätzlich anspruchsvoll und habe sich in diesem Fall – auch aufgrund der Ferienzeit – als besonders schwierig erwiesen. «Mehrere angefragte Personen haben sich gegen eine Kandidatur entschieden, unter anderem, weil ein Antritt zum jetzigen Zeitpunkt für sie nicht infrage kommt.»
Die Frage der «Volksstimme», ob sie vom Coup Zemps überrascht worden seien, lassen die von der «Volksstimme» angefragten Vertreter von Pro-Sissach sowie SVP und FDP Sissach und Umgebung unbeantwortet. Ebenfalls keine Angaben machen sie dazu, ob sie sich für die Kandidatensuche bessere Chancen ausgerechnet hätten, wenn es am 27. September zur Urnenwahl gekommen wäre.
Kompromissfähig?
Obwohl der selbstständige Ofenbauer in der Kommunalpolitik seit vielen Jahren in verschiedenen Gremien aktiv war und ist und insbesondere auch an Gemeindeversammlungen regelmässig mit oft pointierten Voten auffällt, dürften ihn die wenigsten Sissacherinnen und Sissacher auf der Rechnung gehabt haben. Vielleicht, weil man ihn aufgrund seines bisherigen politischen Wirkens als Legislativ-Mann eingestuft hat, vielleicht, weil man ihn eher als einen provozierenden, linken Ideologen sieht denn als einen, der Exekutive und Kompromiss kann.
Das lässt Zemp nicht auf sich sitzen: Die Provokation sei manchmal ein Mittel, um in einer Debatte Wirkung zu erzielen, hält er fest, «sonst weckt man keinen». Und ihm sei klar, dass die Arbeit in der Exekutive nicht primär aus Forderungen und politischen Überzeugungen bestehe, sondern Teamarbeit sei. Dass er dazu fähig ist, stelle er seit vielen Jahren in der Organisation des von ihm gegründeten Konzertabends «Jazz uf em Strich» unter Beweis. Und er hätte nicht während 40 Jahren einen Gewerbebetrieb führen können, wenn er «schräg bei der Kundschaft einfahren» würde: «Da musst du zuverlässig sein und qualitativ gute Arbeit leisten.» Er verweist zudem auf seine Tätigkeit in mehreren Vereinsvorständen oder sein Mitwirken bei einer Teilrevision des Gemeindereglements als Präsident der Gemeindekommission: «Ich würde behaupten, ich habe einen relativ gut gepackten Rucksack.»
Viel gelernt habe er zudem als Mitglied der Steuerungsgruppe im Strategieentwicklungsprozess des Kantons Baselland für das Projekt «mini Tradition läbt»: «In diesen vier Jahren habe ich gelernt, was es braucht, damit alle an Bord sind, bevor das Schiff ablegt.» Der Prozess sei nicht politisch geprägt, sondern lösungsorientiert gewesen und immer wieder reflektiert worden. So stelle er sich auch eine erfolgversprechende Arbeit im Gemeinderat vor: «Ich will keine Unruhe ins Gremium bringen. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass Sachpolitik betrieben wird und nicht Parteipolitik.»
Aufgrund seiner achtjährigen Tätigkeit im Kantonsparlament kennt Stefan Zemp den politischen Betrieb und dessen Schaltstellen beim Kanton. Dies sei für ihn im Gemeinderatsamt sicherlich kein Nachteil. Von Nutzen könne ihm der Draht nach Liestal insbesondere im Ressort Raumplanung sein, das mit dem Rücktritt von Peter Buser frei wird. Zemp, der in Sissach jede Ecke kennt, würde es mit Handkuss übernehmen, sagt er. Ihm sei aber klar, dass die amtierenden Gemeinderatsmitglieder bei der Ressortwahl den Vortritt haben.
Im Oktober wird der designierte Gemeinderat 67 Jahre alt, am 1. Januar 2027 tritt er sein Amt an. Die Amtsperiode läuft Mitte 2028 ab. Auf die Frage nach seinen längerfristigen Ambitionen erklärt Zemp, dass er «vital und mit einer inneren Zufriedenheit erfüllt» sei. Er arbeite trotz offizieller Pensionierung in einem 40-Prozent-Pensum weiter und habe die Zeit und die Energie, dem Dorf mit dem Gemeinderatsmandat «etwas zu geben». Für wie lange, lässt er offen: «Übers Jahr 2028 hinaus mache ich mir noch keine Gedanken.»
3 + 2 + 1 + 1
ch. An den politischen Kräfteverhältnissen im Sissacher Gemeinderat wird sich mit der Wahl Zemps nichts ändern. Peter Buser (Stechpalme) wie auch Sozialdemokrat Stefan Zemp zählen zum links-grünen Lager. Ab dem 1. Januar 2027 gehören drei Gemeinderatsmitglieder der FDP, zwei der SP und je eines der «Stechpalme» und der GLP an. Die Sissacher Ortspartei «Stechpalme» verliert damit etwas an Bedeutung.

