Statistisch ausreichend, dennoch knapp
17.09.2026 BaselbietGeringes Angebot an Kinderärzten in der Region
Statistisch ist das Baselbiet ausreichend mit Kinderärzten versorgt. Der Blick ins Oberbaselbiet zeigt ein anderes Bild: Kinderarztpraxen sind dünn gesät. Hier übernehmen Hausärzte einen Teil der Versorgung. Der ...
Geringes Angebot an Kinderärzten in der Region
Statistisch ist das Baselbiet ausreichend mit Kinderärzten versorgt. Der Blick ins Oberbaselbiet zeigt ein anderes Bild: Kinderarztpraxen sind dünn gesät. Hier übernehmen Hausärzte einen Teil der Versorgung. Der Kanton sieht Handlungsbedarf beim Ärztenachwuchs.
Lea Wieser
Auf dem Papier steht das Baselbiet bei der kinderärztlichen Versorgung gut da. Eine aktuelle Studie der Universität Bern verortet den Kanton im schweizweiten Vergleich im oberen Drittel. Auch der Obsan-Bericht aus dem Jahr 2022, der den Kantonen als Grundlage für die Zulassungssteuerung von ambulanten Leistungserbringern dient, kommt zum Schluss, dass die Versorgung mit derzeit 38 Kinder- und Jugendarztpraxen ausreichend ist. Doch bei beiden Betrachtungen gibt es eine Einschränkung: Sie beurteilen lediglich den Kanton als Ganzes.
Ein Blick auf die regionale Verteilung der Praxen zeigt ein anderes Bild. Während sich in Liestal und Richtung Basler Agglomeration mehrere Kinderarztpraxen finden, ist die Auswahl im ländlichen Oberbaselbiet schon seit Langem deutlich kleiner. In Hölstein und Bubendorf gibt es jeweils eine Kinderärztin beziehungsweise einen Kinderarzt. Im Bezirk Sissach ist die Gelterkinder Kinderarztpraxis die einzige Anlaufstelle.
Ob die kinderärztliche Versorgung im Baselbiet tatsächlich überall ausreichend ist, bleibt damit fraglich. Auf Anfrage der «Volksstimme» sagt der Kantonsarzt Aref Al-Deb’i, dass die Versorgungssituation in ländlicheren Gebieten durchaus angespannter sei als in den dichter besiedelten und gut erschlossenen Regionen des Kantons.
Diese Einschätzung bestätigt sich auch in der Realität, wie Jérome Schmidlin, Kinderarzt in Gelterkinden, mitteilt. Nach Domenico Rinaldis unerwartetem Tod vor zwei Jahren übernahm die Kindertagesklinik Liestal dessen Praxis in Gelterkinden. «Direkt nach der Übernahme kam es zu einer deutlichen Überlastung unserer Strukturen.» Das habe sich in den vergangenen Monaten laufend verbessert, da das Ärzteteam der Praxis mittlerweile verstärkt werden konnte. Ab diesem Herbst könnte die Kinderarztpraxis in Gelterkinden sogar wieder fünf Tage die Woche betrieben werden.
«Momentan sind wir auch noch etwas in einem Sommerloch, weshalb wir aktuell nicht überlastet sind», sagt Schmidlin. Eine Knappheit in der kinderärztlichen Versorgung macht sich laut Schmidlin dennoch bemerkbar: «In die Praxen der Kindertagesklinik kommen Eltern mit Kindern aus Riehen, dem Kanton Solothurn oder Aargau. Diese haben teilweise bis zu einer Stunde Anfahrtsweg.»
Grundsätzlich versuche die Praxis, Aufnahmestopps zu vermeiden. «Besonders da wir triagieren müssen, um Neugeborene und Zugezogene aufnehmen zu können, lässt es sich aber ab und zu nicht vermeiden, dass wir Anfragen ablehnen müssen», so Schmidlin.
Die Unterversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin wäre deutlicher spürbar, würden nicht auch Hausärztinnen und Hausärzte Kinder untersuchen. Allerdings stimme die Aussage der Pädiatrie, «Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene» weiterhin. Während die Unterstützung der Hausärzte in unkomplizierten Fällen dankend angenommen werde, wäre es erstrebenswert, den Kindern ausreichenden Zugang zu Ärzten, MPAs, Pflegenden und Praxen, die auf sie spezialisiert sind, zu ermöglichen.
Hausärzte müssen helfen
Die Rolle der Hausärzte zeigt sich auch in der Ziefner Dorfpraxis von Mathis Grehn: «Etwa ein Drittel unserer Patienten sind Kinder.» Während er schon immer Kinder untersucht habe, sei die Anzahl junger Patientinnen und Patienten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. «Das hat gewiss damit zu tun, dass die Menschen wissen, dass wir Kinder untersuchen. Allerdings höre ich von anderen Kolleginnen und Kollegen, dass auch sie viele Kinder als Patienten haben», sagt Grehn.
«Etwa die Hälfte kommt aus der Region Sissach oder dem gesamten Oberbaselbiet bis zu uns hoch nach Ziefen, weil sie bei keinem Kinderarzt einen Platz bekommen.» Mittlerweile habe auch seine Praxis für neue Kinder einen Aufnahmestopp erlassen, da seine Praxis ansonsten ebenfalls überlastet würde.
«Es braucht in Sachen pädiatrischer Versorgung in unserer Region definitiv Investitionen in die Zukunft», sagt Grehn. Bis das umgesetzt werden könne, sehe Grehn es als sinnvoll an, dass Hausärztinnen und Hausärzte, sofern das deren Möglichkeiten entspricht, die nötige Unterstützung anbieten und damit Kinderärzte ein Stück weit entlasten.
Ähnlich sieht es der Kanton: «Eine systematische Verlagerung der pädiatrischen Versorgung von der Kinderund Jugendmedizin hin zur Hausarztmedizin ist nicht das Ziel», so der Kantonsarzt Aref Al-Deb’i.
Wenig Lohn, wenig Nachwuchs
Als eine zentrale Ursache für die angespannte Versorgung nennen sowohl Schmidlin als auch Grehn den fehlenden Kinderärztenachwuchs. Hier setzen auch die Massnahmen des Kantons an: Er beteiligt sich an der Finanzierung von Weiterbildungsstellen in Kinder- und Jugendarztpraxen. Im Rahmen von «Gesundheit 2030», der gesundheitspolitischen Strategie des Bundesrats, beschäftigt sich ausserdem eine Fokusgruppe damit, wie Ärztinnen und Ärzte für die ambulante Grundversorgung, auch für Kinder, gewonnen werden können.
Weitere Massnahmen zielen weniger darauf ab, zusätzliche Kinderarztpraxen zu schaffen, als die bestehende Versorgung abzusichern: Der Kanton unterstützt erweiterte Öffnungszeiten der Kindertagesklinik in Liestal und finanziert die Unterdeckung des ambulanten Notfalls am Universitäts-Kinderspital in Basel (UKBB).
Für Schmidlin, den ärztlichen Leiter der Kindertagesklinik, reicht Nachwuchsförderung allein allerdings nicht. Er fordert einen konkreten Ausbildungspfad für die Praxispädiatrie in der Region. Einen solchen gebe es bislang nicht.
Grehn und Schmidlin sehen ausserdem die schlechte Entlöhnung der Kindermedizin als eine Ursache für den Fachpersonenmangel: «Kinder zu untersuchen bedeutet jede Menge zusätzlichen Aufwand. Dieser wird nicht ausreichend bezahlt. Niemand wird des Geldes wegen Kinderärztin oder Kinderarzt. Dass wir in den Einkommensvergleichstabellen zusammen mit Psychiaterinnen und Psychiatern stets das Schlusslicht bilden, ist aber nicht in Ordnung», sagt Schmidlin.

