SPRACHPOLIZEI -Umlaut vergeht nicht
29.05.2026 Baselbiet«Vo Bümpliz» kommt sie, die W. Nuss. So intonieren es die Fans, sobald die besten Schweizer Eishockey-Spieler den nächsten Sieg eingetütet haben. Und trotzdem lässt der Gastgeber in jedem Spiel vier Punkte auf dem Eis liegen. Schuld daran sind immer die gleichen zwei ...
«Vo Bümpliz» kommt sie, die W. Nuss. So intonieren es die Fans, sobald die besten Schweizer Eishockey-Spieler den nächsten Sieg eingetütet haben. Und trotzdem lässt der Gastgeber in jedem Spiel vier Punkte auf dem Eis liegen. Schuld daran sind immer die gleichen zwei Spieler. Sie heissen Calvin Thürkauf und Kevin Jäger. Glauben wir allerdings den Aufschriften auf ihren Trikots und den Einblendern im Fernsehen, so heissen sie mit Nachnamen Thurkauf und Jager. Die zweimal zwei Punkte auf dem jeweils ersten Vokal sind irgendwo verloren gegangen.
Der Einwand, dass alle Nachnamen in Grossbuchstaben, auch Versalien genannt, auf die Trikots genäht sind und so der Platz für die Punkte fehle, verfängt nicht. Schliesslich finden sie auf den Rücken von Josi, Genoni und Niederreiter auch Unterschlupf. Zudem bietet die Orthografie in diesem Fall die Möglichkeit, dem abgeänderten Vokal ein «e» anzuhängen, wie das die Mitspieler Sandro Aeschlimann und Nicolas Baechler vormachen. So lösten bereits die alten Römer («Aquaeduct», «aleae jactae sunt») das Problem.
Wie halten es die «NZZ am Sonntag» und die «Sonntagszeitung» mit den Umlauten in Grossbuchstaben? Die «NZZ» verwendet etwa bei Namen der Autoren wie Christoph Zürcher oder Kreuzworträtsel-Königin Trudy Müller, die dort stets in Versalien angegeben werden, die gewohnten zwei Punkte ebenso wie der «Tagi» in seinem Magazin. Und in der Berichterstattung über die WM heissen Thürkauf und Jäger selbstverständlich Thürkauf und Jäger. Lassen wir uns also die Freude an unseren Umlauten nicht vergällen durch die E-Mail-Adressen, die keine Umlaute dulden, durch die Laptops, welche die entsprechenden Tasten dem Diktat des Englischen à tout prix opfern, oder durch die Müllers, die ihren Nachnamen in Mueller veredeln.
Zu einem Grossteil treten Umlaute dann auf, wenn ein Wort in die Mehrzahl (Wörter) gesetzt, verkleinert (Wörtchen) oder gesteigert (lang/länger, hoch/höher oder kurz/kürzer) wird. Wie Thürkaufs Aufschrift beweist, können da seine Muttersprache («Pünggt») und das Hochdeutsche («Punkte») durchaus getrennte Wege gehen.
Noch ein Wort zur Aussprache. Der erste Diphthong, das Ä, ist eigentlich überflüssig, da er einzig dazu dient, die Schweizer bei ihrem Bemühen, Hochdeutsch zu sprechen, zu entlarven. Die Wende und die Wände, die Ehre und die Ähre oder der Segen und die Sägen sprechen sich gleich aus. Einzig die Rechtschreibung gestaltet sich aufwändiger (aufwendiger?).
Ö und Ü, die beiden übrigen, warten dafür in und um Basel drei Tage im Jahr mit einer anderen Besonderheit auf. Sie werden, den gepflegten Dialekt des Daigs nachäffend, entrundet (wie das in der Fachsprache heisst) und als E beziehungsweise als I geschrieben. Da sind beim Dichten «scheeni Werter neetig», damit «jingeri Lyt nid no nach Ziri zigle». Und statt Thur- hiesse Thür- hier Thirkauf.
Jürg Gohl

