Sparen und speichern
08.10.2026 BaselbietAndres Klein
Vielleicht wurden Sie auch schon von Ihrer Liebsten gefragt: «Hast du genug getrunken?» Wenn Sie mit einem klaren Ja antworten konnten, war die Stimmung gut und Sie waren sicher, dass Sie genügend von einem der wichtigsten Bausteine des Lebens ...
Andres Klein
Vielleicht wurden Sie auch schon von Ihrer Liebsten gefragt: «Hast du genug getrunken?» Wenn Sie mit einem klaren Ja antworten konnten, war die Stimmung gut und Sie waren sicher, dass Sie genügend von einem der wichtigsten Bausteine des Lebens getrunken haben. Bei uns Menschen hat man rasch ein Glas Wasser getrunken. Bei den Pflanzen ist das anders.
Sie müssen das Wasser in einem aufwendigen Prozess durch die Wurzelhaare dem Boden entziehen. Je mehr Feinporen es im Boden hat, umso stärker ist das Wasser an die Bodenmoleküle gebunden. Je weniger Wasser es hat, umso mehr Kraft muss die Pflanze aufwenden, um das Wasser in die Zelle zu bringen. Das kann je nach Boden bei uns circa 15 Atmosphären betragen, bei Trockenheit steigt die notwendige Kraft auf über 40 Atmosphären. Pflanzen, die diese Sogkraft nicht aufbringen, verwelken.
Wasser (H2O) ist für die Pflanzen einer der drei lebenswichtigsten Bausteine neben Kohlendioxid (CO2) und Sauerstoff (O2). Wasser ist das wichtigste Transportmittel für Mineralien, Zucker und alle Moleküle. Es transportiert Salze von der Wurzel bis auf dreissig Meter Höhe zu den Blättern oder den Zucker von Blättern dorthin, wo Energie gebraucht wird. Bei den Bäumen gibt es sogar zwei Leitungssysteme, eines für den Transport aufwärts, das andere für den Transport abwärts. Ähnlich wie es bei uns Gefässe zum Herz oder vom Herz weg gibt.
Um genügend Wasser aufzunehmen, muss die Pflanze unter dem Boden eine möglichst grosse Oberfläche bilden. Einerseits bildet sie an den Wurzeln viele kleine Härchen aus, andererseits bildet sie im Boden viel Biomasse. Bei vielen Pflanzen in unserer Klimazone sind in der Regel 50 Prozent und mehr der Biomasse unter der Bodenoberfläche. Das zeigt, wie viel Energie die Pflanze aufwendet, um die Wasserversorgung zu sichern.
Nicht nur in der Wüste oder in der Steppe, sondern auch bei uns haben die Pflanzen verschiedene Bauweisen entwickelt, um Wasser zu sparen. So haben sie die Öffnungen an den Blättern auf die Blattunterseite und somit in den Schatten verlegt. Diese Öffnungen können bei grosser Hitze geschlossen werden, um den Wasserverlust zu reduzieren. So können sie genügend CO2 aufnehmen.
Auch bei uns gibt es Pflanzen, die Organe ausbilden, in denen sie Flüssigkeit einlagern können, um sie bei Bedarf zu verwenden. Diese Vorsorge auf schwierigere Zeiten nennt man bei den Pflanzen Knollen, Zwiebeln, Rüben, Rhizome usw., bei uns nennt man das Notvorrat oder Lager. Werden Blätter oder Stängel zur Wasserspeicherung verdickt ausgebildet, nennt man das Sukkulenz. In unserem Klima sind das der Mauerpfeffer, der Portulak und Wolfsmilch.
Zusammenfassend kann festgestellt werden: Pflanzen haben mit ihrer Intelligenz unterschiedlichste Strukturen und Verhaltensweisen entwickelt, um Wasser zu sparen und zu speichern. Dass wir noch intelligenteren Menschen das Klima so rasch ändern, dass die Vorkehrungen und Anpassungen der Pflanzen nicht mehr reichen, ist tragisch. Denn vermutlich brauchen wir weiterhin Wasser und Pflanzen, die uns ernähren, erfreuen und Rohstoffe liefern.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

