Soll und Haben
11.08.2026 BaselbietDauerregen und Grippe passen irgendwie ganz gut zusammen. Allenthalben tropft’s. Ein idealer Zustand, um nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Das heisst, Soll und Haben betrachten und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.
Auf der Haben-Seite ist alles noch da, was wir von Anfang ...
Dauerregen und Grippe passen irgendwie ganz gut zusammen. Allenthalben tropft’s. Ein idealer Zustand, um nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Das heisst, Soll und Haben betrachten und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.
Auf der Haben-Seite ist alles noch da, was wir von Anfang an hatten: ein weiter Himmel, grüne Wiesen, prächtiger Wald, frische Luft, klares Wasser, Ruhe und Frieden. Dazu gekommen sind ein zauberhafter Chnöpperli, liebe Freunde, gesunde Tiere, etliche Gebäude, mehr Land, ein Traktor, Niederlassungsbewilligungen, ein Bankkonto, eine frisch gegründete Firma für Land- und Waldwirtschaft namens Valhalla Spa.
Die Soll-Seite wächst wesentlich schneller, glücklicherweise vor allem mit Kleinkram wie auf dem Kornspeicher Mausefallen aufstellen, Dutzende Bäumchen pflanzen, Zäune reparieren, einen Schweinetrog zimmern, ein zweites Treibhaus aufstellen. Die grössten Brocken auf dieser Seite sind, die Scheune fertig bauen und Yvonnes Holzwerkstatt einrichten. Da die beiden letzteren eng zusammenhängen, hat die Scheune Vorrang.
Bilanzen haben ja auch mit Erwartungen zu tun. Was haben wir erhofft, erwartet? Was hat sich erfüllt? Als wir mit der Verwegenheit der Ahnungslosen von Rünenberg aufbrachen, um auf der anderen Seite der Welt zu leben, wollten wir alle das Gleiche: etwas anderes. Und genau das haben wir gefunden: einen Flecken Erde, auf dem wir einfach leben können. Arbeit gibt’s in Hülle und Fülle. Es ist Arbeit, die wir uns selbst auferlegen. Auch die Arbeitszeiten bestimmen wir weitgehend selbst. Inzwischen gibt es sogar etwas Lohn, insbesondere für Johnnys Arbeit.
Auf unserem Land dürfen wir selbst bestimmen, wie wir es nutzen und wo wir was hinstellen. Die lokale Tierhaltung entspricht ganz unseren Vorstellungen: Die Kühe und Pferde sind das ganze Jahr im Freien, Hühner und Schweine haben wohl ihre Häuschen, aber Auslauf so viel sie wollen. Im Garten wächst (meist) das, was wir angepflanzt haben. Und der Chnöpperli gedeiht so, wie alle Kinder gedeihen sollten: mitten in der Natur, von klein auf eingebunden in die täglichen Aufgaben, auch bei Wind und Regen draussen im Schlamm und vor allem in den Pfützen, von denen er keine einzige auslässt auf seinen Erkundungen. Wir lernen dauernd dazu, eignen uns neue Fertigkeiten an, unterstützt von einheimischen Freundinnen und Freunden, die wir wiederum mit dem unterstützen, was wir haben oder wissen.
Das ist wohl der ganz grosse Vorteil unserer Auswanderungsgeschichte: Wir sind ohne fixe Vorstellungen hierhergekommen. Ohne spezifische Erwartungen. Eigentlich wussten wir nur, was wir nicht wollten: unser Leben vom Streben nach Besitz oder Erfolg bestimmen zu lassen.
Ich denke, das sind die besten Voraussetzungen, um in einem neuen Leben Fuss zu fassen.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

